Im Land der aufgehenden Sonne

Andere Länder, andere Sitten – Eine Allgäuerin in Japan

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Damit nichts schiefgeht. In Japan sind die Speisen vor den Restaurants aus Plastik nachgebaut und in Glasvitrinen ausgestellt.

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ So hat es seinerzeit bereits der deutsche Lyriker Matthias Claudius in einem seiner Gedichte treffend formuliert. Und so geht es doch jedem von uns ein stückweit, wenn wir uns zum Urlaub in ein anderes Land aufmachen. Doch je weiter wir uns dabei vom Allgäu entfernen, umso größer werden die kulturellen Unterschiede. Da ist dann nichts mehr mit dem guten deutschen Schwarzbrot oder dem so gewohnten Rechtsverkehr. Am Ende kann man nicht nur viel von einer Reise erzählen, sondern unbewusst schon währenddessen eine ganze Menge falsch machen. Und so bringt eine Reise nach Japan, in das Land des Sushis, der Kimonos, der Sumo-Ringer und Gameboy-Hersteller, nicht nur allerhand Aufregendes, sondern auch jede Menge Neuartiges für eine Allgäuerin mit sich.

Dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist, wird einem schlagartig bewusst, wenn man in Tokio auf dem Flughafen ganz alleine auf der rechten Seite der Rolltreppe steht. Linksverkehr! Da war doch was, stimmt! Und obwohl man das vorher im Reiseführer mehrfach gelesen hat, ist es doch erstaunlich, wie schnell das Gehirn diese Tatsache jedes Mal aufs Neue verdrängt, sobald man ein Geschäft betritt oder die Straße als Fußgänger überqueren möchte. Aber spätestens wenn man sich vor dem Reisebus stehend fragt, warum der plötzlich keine Einstiegstür mehr hat, dämmert es einem wieder. Einfach mal auf der anderen Seite versuchen. 

Während Japaner bei uns im Allgäu sicherlich mit vielen Fragezeichen im Kopf vor dem Aushang der Speisekarte stehen und grübeln, was sie sich bloß unter Kässpatz´n oder unter Allgäuer Krautkrapfen vorzustellen haben, wird es uns in Japan leicht gemacht. Die Gerichte finden sich alle in Form von Imitaten aus Kunstharz, ansprechend lackiert und bemalt, meist in einer Glasvitrine vor dem Eingang zum Restaurant ausgestellt. So weiß man im Groben, was einen erwartet. Und da man als Allgäuerin bekanntlich eher weniger aus den verschiedenen Schriftzeichen der japanischen Sprache ableiten kann, ist das eine wunderbare Hilfestellung. 

Weltmeister im Komfort – Hightech-Toiletten sind Standard

Während man bei uns öfter mal auf der Suche nach einer möglichst sauberen öffentlichen Toilette ist und im Zweifelsfall gerne 50 Cent Nutzungsgebühr hinblättert, sind Japaner vortrefflich auf die menschlichen Grundbedürfnisse ausgerichtet. Es finden sich an wirklich jeder Ecke öffentliche Toiletten. Die sind nicht nur kostenlos und blitzblank sauber, sondern obendrauf noch hochmodern. 

Japan ist mit seinen so genannten Washlets ohne Frage das Land mit den am höchsten entwickelten Toilettensystemen der Welt. Die Washlets funktionieren fast wie eine Autowaschanlage, mit integriertem Bidet: also Toilettensitze mit Warmwasserreinigung, um es anschaulich zu machen. Dass sich sogar der Wasserdruck manuell steuern lässt, wundert einen dann fast nicht mehr. Einige Toiletten gehen sogar noch einen Schritt weiter und sind extra mit einem Bewegungsmelder ausgestattet, der den Deckel automatisch öffnet, sobald Sie sich nähern. Damit Sie ihn nicht berühren müssen – Hygiene 2.0 sozusagen! 

Und während wir hier im Allgäu im kalten Winter zu Recht froh sind, wenn unsere Autos über eine Sitzheizung verfügen, haben japanische Toiletten diesen Luxus gleich von vornherein integriert – ein beheizbarer Toilettensitz. 

Weiterhin aber längst nicht alles. Die meisten Hightech-Toiletten verfügen ergänzend dazu über Duft-Features. Mit einem Sprühstoß wird auf Knopfdruck ein angenehmer Geruch verbreitet. Besonders bei öffentlichen Toiletten natürlich eine wahre Wohltat. Die einzige Schwierigkeit, die sich für einen Nicht-Japaner aus dem Allgäu am Ende immer stellt, ist die Bedienung der technischen Wunderwerke. Da kann es aufgrund der zig vorhandenen Bedientasten zu einem regelrechten Abenteuer werden, schlicht und einfach die ordinäre Spülung zu finden. Die meist ausschließlich japanische Beschriftung der Tasten mit Kanji-Zeichen macht die Suche im Ernstfall nicht einfacher. Wenn einer eine Reise tut ... 

Die erfolglose Suche nach öffentlichen Mülleimern

Während Hightech-Toiletten also überall und an den entlegensten Orten zu finden sind, gestaltet sich die Suche nach Abfalleimern zu einer wahren Odyssee. Vor allem dann anstrengend, wenn man sich als mutige Deutsche an besondere kulinarische Spezialitäten getraut hat und diese dann nicht bis zum bitteren Ende essen kann. Im vorliegenden Fall ging es um acht gebratene Teigkugeln mit Oktopus-Füllung (Takoyaki), serviert auf einer Plastikschale mit Holzsticks. Ein typisches Street-Food-Gericht. Zumindest für Japaner. 

Was also tun, wenn man den gastronomischen Geschmacksausflug nach fünf Bällchen gerne vorzeitig beenden würde? Kein Mülleimer im Park, kein Mülleimer in der U-Bahn-Station, kein Müllereimer in den Einkaufsstraßen, kein Mülleimer nirgendwo. Dabei ist Japan eines der saubersten Länder. Es liegt nirgends auch nur ein Fitzelchen Müll herum. Weder Plastikbecher noch Einwegverpackungen, keine Dose weit und breit, kein Papier, nicht einmal Kaugummis oder Zigarettenstummel. Wie das geht? Ganz einfach. Der Japaner nimmt seinen Müll schlichtweg mit nach Hause. Und zwar jeder, ohne Ausnahme.

 Japaner sind der Meinung, dass man für seinen Müll selbst verantwortlich ist und so käme niemand auf die Idee, seinen Coffeeto-go-Becher einfach irgendwo ins Gebüsch zu pfeffern. Der Müll wird zu Hause in einem hoch komplexen Mülltrennungssystem (bis zu zwölf verschiedene Müllsorten, die ich Ihnen an dieser Stelle ersparen möchte) fein säuberlich getrennt und entsorgt. Und so werden die restlichen drei Oktopusbällchen inklusive der Plastikschale auch brav in Taschentüchern umwickelt im Rucksack zurück mit ins Hotel getragen. Ordnung muss sein, auch für eine Allgäuerin in Japan. 

Der Grund, warum in Japan gähnende Mülleimer-Leere herrscht, geht übrigens auf ein schlimmes Ereignis zurück. Nach dem Terroranschlag mit Giftgas in der Metro von Tokio im Jahr 1995 wurden die öffentlichen Mülleimer aus Sicherheitsgründen fast überall entfernt. 

Lautes Schlürfen dringend erwünscht, Nase putzen aber nicht 

Was zu Hause bei Oma im Allgäu früher nicht so gerne gesehen beziehungsweise gehört wurde, das ist in Japan ausdrücklich erlaubt. Das laute Schlürfen beim Suppe essen. Juhu! Vor allem bei den bekannten japanischen Nudelsuppen wie Ramen oder Soba ist Schlürfen sogar ein absolutes Muss. Nicht nur, um dem Koch damit zu zeigen, dass es einem schmeckt, sondern auch deshalb, weil durch das laute Einsaugen der Nudeln das Aroma erst so richtig zur Geltung kommt. Und wenn man sich dann im Restaurant sitzend umhört, merkt man ganz schnell, dass diese Sitte hier tatsächlich überall praktiziert wird und schlürft lauthals mit. Auch in Sachen Trinkgeld tickt der Japaner anders als der gewöhnliche Allgäuer. Trinkgeld ist nämlich tabu. Wie jetzt? Die höflichen Japaner sehen perfekten Service als eine Selbstverständlichkeit an und Trinkgeld daher als unhöflich.

Als unhöflich wird es auf japanischer Seite übrigens auch angesehen, beim Laufen einfach zu essen. In Kempten spazieren wir gerne mal mit einer heißen Seele, einer Butterbreze oder einem Döner in der Hand durch die Fußgängerzone, völlig normal. Es eilt ja meistens und frisch von der Theke schmeckt es halt besonders gut. Im Japan-Knigge ein absolutes Unding. Wer beim Laufen etwas isst, outet sich sofort als „Gajin“ (Ausländer), der keine guten Manieren besitzt. 

Wo wir schon beim Thema Manieren sind: Auch da tritt man als Allgäuerin schnell ungewollt ins Fettnäpfchen. Denn Nase putzen in der Öffentlichkeit ist verpönt und gilt als rücksichtlos. Stattdessen neigen Japaner dazu, die Nase „hochzuziehen“ (ja, liebe Eltern, da heißt es jetzt, tapfer sein!) und suchen die nächste Toilette auf, wenn sie sich die Nase putzen möchten. Sobald ein Japaner merkt, dass er erkältet ist, trägt er einen Mundschutz. Wir kennen die Bilder hinlänglich aus den Medien. Aber nicht etwa, weil er Angst hat, sein Gesundheitszustand könne sich verschlimmern. Ganz im Gegenteil! Der Mundschutz dient dazu, seine Mitmenschen nicht anzustecken. Mehr Höflichkeit und Pflichtbewusstsein gehen eigentlich kaum. 

Zum Abschluss will ich an dieser Stelle noch eine tolle Erfindung weitergeben, über die wir uns auch hier in Deutschland freuen würden. Rückwärts Fahren ist in den Hochgeschwindigkeitszügen in Japan nämlich schon lange Schnee von gestern. Die japanischen „Shinkansen“ sind nicht nur die pünktlichsten Züge der Welt (wir sprechen hier von durchschnittlich maximal 30 Sekunden Verspätung. Jawohl, Sekunden!), sondern verfügen auch über verstellbare Sitze. Das heißt, dass sich die Sitzreihen manuell nach Belieben in Fahrtrichtung drehen lassen. Ganz einfach durch Knopfdruck. Da kann einem also nicht mal mehr ein Kopfbahnhof was anhaben. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

Kathrin Dorsch

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