Sogar Münchner kommen zum Einkaufen

Angespannte Freude auf der Einkaufsinsel Kempten

Papierschilder in einem Bekleidungsgeschäft weisen auf die Hygiene- und Abstandsregeln in Corona-Zeiten hin
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Klare Regeln – ohne geht die neue Einkaufs-Freiheit nicht.

Kempten – Bunte Luftballons über den Türen, Blumengirlanden an den Schaufenstern, Menschen bummeln durch die Fußgängerzone.

Überall stehen Kleiderständer. In der Märzensonne werden die neuesten Schuhmodelle auf der Straße präsentiert und es macht sich ein langvermisstes gutes Gefühl in der Stadt breit: Man kann wieder einkaufen, die neue Ledertasche anfassen, mit der Verkäuferin reden oder mal in einen Laden reingehen. Einfach so, ohne Termin, zum Schauen oder Kaufen. Der Corona-Inzidenz-Wert macht‘s möglich: Kempten und das Oberallgäu liegen derzeit stabil unter 50. Das heißt: Der Einzelhandel darf öffnen. Kempten ist momentan eine der beliebtesten Einkaufsinseln in Bayern.

Endlich längere Hosen für die Kinder

„Sogar aus München ist jemand mit dem Zug extra zu uns gekommen“, freut sich Ekaterina Avdosyev, die Center-Managerin des „Forum Allgäu“. „Die konnten gar nicht glauben, dass man bei uns ohne größere Einschränkungen shoppen gehen kann!“ Natürlich geht ohne FFP2-Maske, Abstand und Händedesinfektion gar nichts, auch die Zahl der Kunden ist je nach Ladengröße limitiert. „Wir zählen die Besucher digital, bei einer bestimmten Anzahl schließen wir die Eingänge und lassen nur noch kontrolliert ein“, erklärt die Managerin, die auch persönlich sehr froh über die neue Einkaufs-Freiheit ist. „Endlich hab ich meinen Kindern neue längere Hosen kaufen können – die sind in den knapp drei Monaten des Lockdowns nämlich ganz schön rausgewachsen!“ Avdosyev hatte ein „wunderschönes Gefühl“, als am Montag viele Läden im Forum die Türen öffneten – jetzt sieht sie gespannt dem Wochenende entgegen. „Da könnten mehr Kunden kommen, vor allem aus den Kreisen Unter- und Ostallgäu, aus Lindau und Ravensburg. Dort müssen die Geschäfte wegen der höheren Inzidenz bisher noch geschlossen bleiben.“

Große Freude beim Einzelhandel

Auch bei „Onkel Hannes“ rührt sich wieder was. Das Schuhhaus in der Fischersteige darf neun Kunden gleichzeitig betreuen, bisher kamen vor allem Kemptener Stammkunden, heißt es. „Schuhe schauen für den Sommer“, war das Motto, viele der Besucher sagten, dass sie einfach froh sind, die Ware wieder in die Hand nehmen zu können, statt sie nur im Internet zu begutachten.

„Große Freude“ bei Anette Pickert, der Geschäftsführerin von Staehlin. „Wir sind sehr zufrieden, die Kundenfrequenz ist angenehm, die Leute verhalten sich vernünftig, alles passt!“ Absoluter Nachfragekönig ist der Schulranzen. „Der wird traditionell bis Ostern gekauft, da kommen auch Leute von weit her, um sich von uns beraten zu lassen.“ Wer dafür bei Staehlin einen Termin bucht, bekommt ausführliche Informationen über den Trend des Ranzenjahrgangs 2021. „Das sind die sogenannten ‚Klettis‘“, lacht Pickert. Eltern dürfen gespannt sein…

Nachholbedarf und glückliche Gesichter

Mit Spannung hatte auch Monika Schrankenmüller dem vergangenen Montagmorgen entgegengefiebert. Die Inhaberin der Buchhandlung „Pröpster“ am Hildegardplatz wusste nicht, ob die KemptenerInnen sich wieder hereintrauen würden. Sie trauten sich und griffen richtig zu. „Manche haben sich gleich einen Stapel Bücher gekauft“, berichtet die Buchhändlerin, „der Nachholbedarf ist offensichtlich riesig.“ Fast alle kommen mit „glücklichen Gesichtern rein“, beobachtet sie, „das ist richtig toll, wir freuen uns sehr!“

Zahlreiche Kunden von außerhalb

Vor ihrem Laden parken auch etliche Autos mit RV, MN und OAL auf dem Kennzeichen. Eine gerade ausgestiegene Frau sagt zu ihrer Begleiterin, „komm, mir müsset schnell eikaufe, bevor wieder älles zu isch“. Das Damoklesschwert schwebt über der Einkaufsinsel an der Iller. „Ich schaue nach dem Aufstehen jeden Morgen als erstes auf den aktuellen Inzidenzwert“, lacht Ekaterina Avdosyev, „nicht mehr auf den Wetterbericht.“ Die neue Freiheit kann im Handumdrehen wieder vorbei sein, das ist allen klar.

Shopping mit Abstand

Die allermeisten Kempten-Shopper verhalten sich regelkonform, nirgends wird gedrängelt, lange Schlangen wie am Montag vor einem Bekleidungsgeschäft sind die absolute Ausnahme. Im ebenfalls wieder geöffneten Galeria Kaufhof werden die auffällig vielen und bis zu 50 Prozent reduzierten Sonderangebote gut nachgefragt, auch von Kunden mit eindeutig württembergischen Dialekt. Man darf gespannt sein, wie viele „Einkaufstouristen“ am Samstag das Ziel Kempten wählen.

Übrigens: Die aktuellen Inzidenzwerte für das Allgäu finden sich im Internet unter www.kreisbote.de/lokales/kempten/ sowie unter www.lgl.bayern.de/gesundheit

Lutz Bäucker

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