1. kreisbote-de
  2. Lokales
  3. Kempten

»Angst« – ein Theaterabend der ganz besonderen Art

Erstellt:

Kommentare

Lisa Wildmann überzeugt als Irene in Stefan Zweigs Novelle „Angst“.
Lisa Wildmann überzeugt als Irene in Stefan Zweigs Novelle „Angst“. © Brock

Kempten – Im sachlichen Büro- und Teeküchenambiente soll ein Theater-Solo stattfinden, vor einer einzigen Person oder einem Paar – kann das gut gehen? 

Es kann und zwar sehr eindrucksvoll!

Die Schauspielerin und Regisseurin Lisa Wildmann hat eine eigene Fassung von Stefan Zweigs Novelle „Angst“ erarbeitet und spielt sie meisterhaft.

Das 1910 geschriebene Stück handelt von einer Frau in wohlgeordneten Verhältnissen, die einen heimlichen Liebhaber hat, obwohl sie sagt: „Ich bin vollkommen glücklich an der Seite eines begüterten, geistig mir überlegenen Gatten, wir haben zwei Kinder, führen eine behagliche, breitbürgerliche, windstille Existenz.“ Sie bemerkt jedoch „eine Schlaffheit der Atmosphäre, die ebenso sinnlich macht, wie Schwüle oder Sturm, eine Wohltemperiertheit des Glücks, die aufreizender ist als Unglück“. Immer wenn sie Eduard, ihren Geliebten, nach einem Rendezvous verlässt, packt sie die Angst, dass ihr Ehemann Fritz von dem Betrug erfährt.

Eines Tages wird sie von einer Fremden erpresst, die erst 100 dann 200 Kronen von ihr verlangt, dann immer höhere Geldforderungen an sie stellt und sogar an ihrer Haustür erscheint. Irene ist, als ahne ihr Mann etwas und fürchtet seinen strafenden Zorn. Andererseits „ist die Strafe immer besser als das Unbestimmte der Angst“. Als sie der Erpresserin schließlich sogar ihren Verlobungsring überlassen muss, gerät sie in Panik. Sie will sich in der Apotheke Morphium besorgen und das Leben nehmen. Ihr Mann, der sie verfolgt hat, bringt sie nachhause, wo sie zusammenbricht. Da erzählt er ihr, dass er eine arbeitslose Schauspielerin angeheuert und mit der Erpressung beauftragt hat, damit sie von ihrem Geliebten ablässt. Am nächsten Tag nimmt das Drama eine Wende, die man erahnt, wenn Irene den wiedererlangten Verlobungsring auf den Tisch legt und stumm das Haus verlässt.

Lisa Wildmann erweckt Irene, die von Angst, Schuldgefühlen und Scham gequälte untreue Ehefrau, zum Leben. Alle Facetten ihrer Zerrissenheit und Seelenqual werden in Zweigs funkelnder Sprache packend und glaubwürdig ausgeleuchtet. Wildmann zieht ihr Mini-Publikum hinein in Irenes heillose Verstrickung, denn „unabwendbar schien das Verhängnis, unmöglich ein Entkommen“, in ihre Angst vor der bösartigen Erpresserin und vor der Entdeckung, die sie eigentlich „ersehnt wie den erlösenden Blick“. Das gegenseitige misstrauische Belauern der Eheleute, Irene im Tanzrausch, dann im Albtraum, ihr Unvermögen, das befreiende Wort auszusprechen – man hofft und bangt mit der Protagonistin und erlebt eine ergreifende, bis zum Schluss spannende Theaterstunde.

Wann gibt es schon die Möglichkeit, Schauspielkunst aus zwei Metern Entfernung zu beobachten, der Schauspielerin direkt in die blitzenden Augen zu schauen? Mit minimalem technischen Aufwand und einer Kerze als einziger Ausstattung kommen die darstellerischen Fähigkeiten Lisa Wildmanns unmittelbar zur Geltung.

Wer diesen ungewöhnlichen Theaterabend erleben möchte, sollte die Chance ergreifen und versuchen, eine Karte zu ergattern.

Die nächsten Aufführungstermine sind am Donnerstag, 27. Januar, 18 und 20 Uhr. Das Besondere: Die Karten werden zugunsten des Frauenhauses Kempten versteigert! Gebote per E-Mail an ticket@theaterinkempten.de, Infos: www.theaterinkempten.de.

Elisabeth Brock

Lesen Sie auch: Claudia Dalla Torre sagt dem Frauenhaus adieu

Auch interessant

Kommentare