"Menschwerdung" im Kemptener Kunstkabinett

Kleine Kunst in großer Spannung

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Kus

Eine neue Ausstellung im Kunstkabinett! Der erste Gang durch die Ausstellungsräume zeigt fragile Bronzeplastiken auf schlanken Holzstelen, die auf den zweiten Blick einen tieferen Blickwinkel auf unser menschliches Dasein offenbaren.

Misst man das Thema Menschwerdung – so der Titel der Ausstellung – an den gezeigten Werken, so erweisen sich als Hauptträger dieses Themas die kleinen Statuetten im ersten Raum und die reliefartigen Werke, bei denen kleine Figuren mit Holz kombiniert sind. Mutter und Kind als Hauptmotiv, variiert durch Mutter Erde und Kind eröffnet eine ganze Palette von Assoziationswelten, angefangen von der christlich-religiösen Darstellungstradition Maria-Jesuskind bis zu einer weltlichen Symbolik für die Natur und das Werden und Vergehen des menschlichen Lebens im Allgemeinen.

Annette Zappe ist eine einheimische Künstlerin, die nach einer Ausbildung zur Kirchenmalerin in Ottobeuren die Kunstakademie in Karlsruhe bis zum Diplom besucht hat. Nun zählt so etwas noch nicht viel in der heutigen Welt der Kunst, wo sich erst in den darauffolgenden Lebensjahren zeigen muss, ob und wie man seinen Platz als Künstler in unserer Gesellschaft findet. Bei Zappe liest sich dies so: Nach dem Studium und dem Ablegen der Meisterprüfung im Kirchenmalerhandwerk folgt eine längere Tätigkeit an der Stuttgarter Kunstakdemie als Lehrerin für Maltechniken. Danach widmet sie sich verstärkt der eigenen künstlerischen Arbeit mit regelmäßigen Einzelausstellungen, aber auch Teilnahme an Gruppenausstellungen und Kunstmessen. Sie hat sich der Bildhauerei – speziell der Bronzeplastik – zugewendet, die sie während des Kunststudiums kennengelernt hat als für sie passendstes Ausdrucksmittel.

Der in der Ausstellung angedeutete Dialog mit einigen Exponaten aus der Sammlung Dr. Wilhelm Maul dient auf subtile Weise der Einordnung der Werke in die Kunstgeschichte. Zwei Stichwörter drängen sich auf, Manierismus und Alberto Giacometti, an denen sich die künstlerische Aussage Zappes herausarbeiten lässt. Im Manierismus der Spätrenaissance wird das Ideal der Darstellung des menschlichen Körpers nach dem Versmaß der Antike auf die Spitze getrieben, die Glieder werden übersteigert lang, die Körper bis an die Grenze des Realistischen verdreht. Es gibt keine Ebene über der Natur mehr, der Mensch wird erstmals säkularisiert. Bei Giacomettis berühmten Figuren geht es um den Raum außerhalb von diesen, durch den sie reduziert werden auf ihre bloße Existenz, zurückgestoßen auf die trostlose Einsamkeit, in der jeder Einzelne sein Leben zu verbringen hat. Zappes Ansatz bringt im Gegensatz dazu ein menschliches, wenn man möchte, religiöses Element zurück. Trost, Geborgenheit, Hingabe, aber auch notwendiges Leid, und bei den in die Länge gestreckten Figurinen das Streben nach oben als Hinweis auf die menschliche Fähigkeit zum Bewusstsein von Transzendenz. Jede Riefe der Bronzehaut zeugt von den Spuren, die jeder Mensch hinterlässt und die seinem Leben Sinn geben.

Die Bronzeplastik ist ein Medium, das schon durch die Kompliziertheit der Herstellung allem Skizzenhaften, rasch Dahingeworfenen entbehrt. Eine Bronzeplastik enthält keinen schnellen Einfall, keine flüchtige Skizze eines talentierten Künstlers, eher kann man davon ausgehen, dass das, was man sieht, auch genau so vom Künstler geplant, gewollt und ausgeführt ist. Im Gespräch mit der Künstlerin ergibt sich der Eindruck, dass hinter ihrer zurückhaltenden und ruhigen Art eine genaue Vorstellung über ihr künstlerisches Wollen steht. Vor allem erahnt man eine Beharrlichkeit im Arbeiten an ihrer Aussage, die allen Künstlern, die es Ernst meinen, zu Eigen ist und die ihr einen berechtigten Platz in der Kunstwelt verschafft.

Dass Annette Zappe eine große Bandbreite an Themen mit sich herumträgt, zeigt der Rückblick auf ihre letzte Ausstellung im Kleinen Kunstforum vor zwei Jahren, die mit dem Thema Zwischenraum einen ganz anderen Aspekt menschlicher Befindlichkeit behandelt hat. Die gekonnt und engagiert in Eigenregie erstellte Ausstellungsbroschüre ergibt einen schönen Einblick in den Charakter und die Anmutung der Werke. Einzig deren Zierlichkeit und Aura kann nur durch einen realen Besuch der Ausstellung erfahren werden.

Die Ausstellung ist noch geöffnet bis 30. April 2017, donnerstags, freitags und samstags von 16 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr. 

Jürgen Kus

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