200 Jahre Malerei in Kempten

Ansichtssache vol. 1

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Später Expressionismus: „Am Eislaufplatz“ (vor 1951) von Max Rankl, der 1954 den Kunstpreis der Stadt Kempten erhalten hat.

Kempten – 200 Jahre sind die Kemptener Stiftsstadt und die Reichsstadt nun schon vereint. Ein Jubiläum, zu dessen Feierlichkeiten auch die freunde der kemptener museen (fkm) beitragen. Von Alltagsszenen bis Akt, von Romantik bis sich auflösende Formen, von Aquarell bis Grafik, von Realismus bis Kitsch, von Kemptener Bahnhof bis Savanne: „Ansichtssache – 200 Jahre Malerei in Kempten“ heißt die Ausstellung, in der die fkm einen bunten Fächer anregender Gemälde aus zwei Jahrhunderten versammelt haben.

Und weil die bildende Kunst immer auch Spiegel der Zeitgeschichte ist, erfahren die Ausstellungsbesucher auch eine Menge über das Kempten in diesem Zeitraum. „Durch die Französische Revolution und das erstarkende Bürgertum waren es Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr Adlige und Geistliche, die sich porträtieren ließen und Kunstwerke in Auftrag gaben, sondern die Besitzbürger“, sagte Oberbürgermeister Thomas Kiechle vor knapp einer Woche bei der Eröffnung. Diese Entwicklung zeigt sich auch in Kempten. Da ist zum Beispiel der für die Stadt so wichtige Johann Nikolaus Zumstein portraitiert von Franz Sales Lochbihler. An die Familie des Seidengroßhändlers erinnert noch heute das Zumsteinhaus am Residenzplatz.

„Am liebsten hätte ich Lochbihlers ‚Heinrich von Kempten‘ gezeigt, erzählt fkm-Kurator Dr. Werner Scharrer, „doch der war zu groß“. Viele Abwägungen hatte Scharrer bei der Auswahl der Bilder zu treffen: Ist der Rahmen vorzeigbar? Ist der Name repräsentativ? Kann ein Künstler gezeigt werden, der in München gelebt hat, wie beispielsweise Adolf Hengeler? Entsprechend wenig zu Gesicht bekommen hat man den Kurator in der Zeit vor der Ausstellung. „Wenn ich bei ihm angerufen habe, sagte mir seine Frau, er sei im Depot oder im Stadtarchiv“, plauderte fkm-Vorsitzende Margarete Gradmann bei der Vernissage aus dem Nähkästchen. Trotz teils fehlender Jahreszahlen ist es Scharrer gelungen, ein aussagekräftiges, facettenreiches Oeuvre, Genrebilder, eine Vielzahl an Sujets und Zeitdokumenten zusammenzustellen.

So stammt das romantische Gemälde der „Illerbrücke“ von Zeichenlehrer und Künstler Ludwig Weiß. Rechts die Sankt-Mang-Kirche, links der mit noch wenigen Häusern beflankte Fluss und die hölzerne Brücke. Es scheint fast, als hätte der Maler mit einer Nadel gearbeitet, so fein sind die Personen auf dem Steg.

Die „Entwürfe zur Umgestaltung des Kemptener Rathauses“ (1873) von Ludwig von Kramer sind dagegen ein Beispiel für den Historismus am Ende des 19. Jahrhunderts und die „Winterlandschaft mit acht Holzfällern“ (Josef Hengge), die nach getaner Arbeit am Lagerfeuer sitzen, sich unterhalten und essen, gibt Einblick in das bäuerliche Leben.

An die Bilder des Niederländers Peter Brueghel aus dem 16. Jahrhundert erinnern die 1939 in Hitlers „Haus der Deutschen Kunst“ in München ausgestellten „Schwabensprüche“ von Franz Weiß. Eine Prozession, ein Liebespaar, Soldaten, Bauern auf dem Feld. Ähnlich einem Wimmelbild sind hier verschiedene Szenen verdichtet.

Dagegen zeigen die Bilder der heimatvertriebenen und in Kempten gestrandeten Künstler vom Willen, mit der alten Zeit zu brechen. So ist ein Stillleben Hans Joachim Strubes aus dem Jahr 1949 ganz und gar nicht still. Die Aquarelltechnik Strubes verleiht dem Bild eine große Dynamik, die auch in seinem „Zirkus Königsplatz Kempten“ zu sehen ist.

Teils sind die Innovationen aber auch aus der Not geboren. Die Werke des aus Sternberg in Mähren stammenden, einst angesehenen Bildhauers Ferdinand Kuschel sind teils mit Kohle- oder Durchschlagspapier gearbeitet, so schlimm stand es nach seinem Neuanfang in Kempten um ihn. Seine „Tanzende Frau“ bereichert die Ausstellung durch seine fast schon chaotische Dynamik und barocke Üppigkeit.

Einen Schwerpunkt bilden Gemälde mit Allgäuer Landschaften, Natur und Bergen. So Hans Dambecks „Hochvogel mit dem Kalten Winkel“ oder Wilhelm Rupps „Am Illerufer“, das mit der einbrechenden Industrie in die Landschaft ein wenig an William Turner erinnert. Aber auch Kitsch und Surreales hat die Ausstellung zu bieten: Vor sich ablösender Kulisse ist in Rosa und Türkis „Bayerns Märchenkönig“ (Franz Weiß) mit seinen Lieblingsobjekten dem Pfau, Neuschwanstein und Schwert zu sehen.

Bis zum 29. April, von Dienstag bis Sonntag können Besucher mit „Ansichtssache – 200 Jahre Malerei in Kempten“ immer von 10 bis 16 Uhr im Börsensaal im Allgäu-Museum ein gutes Stück Stadtgeschichte erleben. Nicht außer Acht lassen sollten sie dabei die Werke, die im Vorraum und im „café arte“ ausgestellt sind. Der Eintritt kostet zwei Euro.

Susanne Kustermann

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