"Antiquirierte Methoden"

„Die Schwester haben zugeschlagen, zugeschlagen, zugeschlagen. Oder weggesehen.“ Nach dem heute in Berlin lebenden Stefan S. haben sich in den vergangenen Wochen weitere ehemalige Heimbewohner des Gerhardingerhauses beim KREISBOTEN gemeldet und von Misshandlungen und Schlägen durch die Schwestern berichtet. Aussagen von ehemaligen Kinderpflegerinnen und einem ehemaligen Psychologen legen zudem nahe, dass Heimleitung und Verantwortliche in der Stadtveraltung davon zumindest etwas geahnt haben müssen.

Von sexuellem Missbrauch wisse er zwar nichts, schreibt beispielsweise ein ehemaliger Heimbewohner im Internet-Forum des KREISBOTEN. Die „Übergriffe der Nonnen und älterer Mitbewohner in punkto Härte und Schläge“ könne er aber bestätigen. Elisabeth G. schreibt: „Ich war auch von 1974 bis 1976 im Gerhardingerhaus und kann nur bestätigen, dass dort Misshandlungen an uns Kindern stattgefunden haben.“ Eine Isnyerin meint hingegen: „Im Gegenteil, die Schwestern waren alle sehr nett, liebevoll und fürsorglich. Ich bin sehr froh, daß ich dort wohnen durfte und habe dort auch vieles gelernt.“ Eine ehemalige Kinderpflegerin aus dem nördlichen Landkreis, die Mitte der 80er Jahre im Gerhardingerhaus arbeitete, bestätigte vergangene Woche gegenüber dem KREISBOTEN, dass es zu Züchtigungen der Kinder durch die Schwestern gekommen sei. Dabei berichtete sie von eiskaltem Abduschen oder Schlägen. Vor allem eine Schwester habe sich dabei besonders hervor getan, erzählte sie vergangene Woche. Als sie sich bei der Heimleitung und dem damaligen Stadtkämmerer Helmut Mölle und dessen Mitarbeiter Helmut Dreher über diese Methoden beschwert haben will, hätten die davon nichts wissen wollen. „Mir wurde gesagt, ich hätte etwas falsch verstanden und sollte ruhig sein“, sagte sie. Dass seinerzeit im Gerhardingerhaus offenbar wenig pädagogisch wertvoll vorgegangen wurde, beschreibt auch Dr. Manfred Spindler. Spindler war von 1983 bis 1988 als Psychologe der Jugendfürsorge in dem Heim tätig. „Das ging anfangs ganz gut“, berichtete er vergangene Woche. Nach einigen personellen Wechseln unter den Schwestern habe sich die Situation dann aber schnell zum schlechten verändert. „Die Pädagogik war dann nicht mehr auf dem Stand, wie ich es mir vorgestellt habe“, erläuterte er. Deshalb musste er schnell feststellen, „dass ich meine Vorgaben nicht umsetzen konnte.“ Fachlich sei man einfach nicht mehr miteinander klar gekommen. Obwohl er die Probleme nach eigener Aussage bei Heimleitung und Stadtverwaltung klipp und klar angesprochen haben will, sei nichts passiert – außer das sein Vertrag in gegenseitigem Einvernehmen schließlich aufgelöst wurde. „Die Heimleitung wusste, dass viele Schwestern überfordert waren und man wusste seit geraumer Zeit, dass die Erziehungsmethoden antiquiriert waren“, so Spindler. Zu lange her Helmut Dreher, Leiter des Stiftungsamtes, bestätigte das am Montag gegenüber dem KREISBOTEN. „Der Gestellungsvertrag zwischen Stiftung und Jugendfürsorge wurde wegen divergierender Auffassungen über die Aufgabenwahrnehmung im gegenseitigen Einvernehmen 1988 beendet“, so Dreher. Stefan S. behauptet ebenfalls, die damaligen Verantwortlichen des Jugendamtes auf die Misshandlungen aufmerksam gemacht zu haben. Unternommen worden sei aber nichts. Helmut Mölle, seinerzeit Stadtkämmerer und somit auch für das Stiftungsamt verantwortlich, das das Gerhardingerhaus betreute, erklärte am Montag gegenüber dem KREISBOTEN, dass er die Vorwürfe weder bestätigen noch dementieren könne. Dafür lägen die Ereignisse zu weit zurück. Mölle ist übrigens Verwaltungsrats-Vorsitzender der Diakonie, wo der von Stefan S. des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Hausmeister heute arbeitet. Die Stadtverwaltung in Person von Benedikt Mayer, Leiter des Referats für Schule-, Jugend- und Soziales, erklärte am Montag ebenfalls, dass sich die Vorgänge von damals heute nicht mehr rekonstruieren lassen. „Es gibt in der Vormundsakte keine schriftlich niedergelegten Aussagen“, so Mayer. Allerdings kläre man derzeit die Vorwürfe mit den damals Verantwortlichen, so der Amtsleiter weiter.

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