»Lieblingsbaum« in Gefahr

Anwohner kämpfen um den Erhalt einer über 90 Jahre alten Kastanie, die dem Bau eines Studenwohnheims in Containerbauweise weichen soll

Grünen Stadträtin und Beauftragte für Umwelt- und Klimaschutz Gerti Epple (v.li.), mit der Unterschriftenliste Anwohner und Unterschriftensammler Hendrich Maik, Julia Wehnert, Geschäftsführerin BUND Naturschutz und Gesine Weiß vom Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten.
+
Grünen Stadträtin und Beauftragte für Umwelt- und Klimaschutz Gerti Epple (v.li.), mit der Unterschriftenliste Anwohner und Unterschriftensammler Hendrich Maik, Julia Wehnert, Geschäftsführerin BUND Naturschutz und Gesine Weiß vom Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten.

Kempten – Ausgerechnet einer der Lieblingsbäume der Kemptener soll gefällt werden! Es handelt sich um eine prächtige alte Kastanie in der Schwedenstraße, die um die 90 Jahre alt ist (siehe Kreisbote Serie „Lieblingsbäume“ vom 15. Juli 2020). „Wahrscheinlich wird die Kastanie mit ihrem 15 Metern Kronendurchmesser vielen erst dann fehlen, wenn er, wie andere Bäume im Innenstadtbereich, gefällt wird“, befürchtete die Autorin des damaligen Textes, Carmen Cremer, bereits vor vier Monaten. Und prompt genehmigte der Bauausschuss einem nicht näher benannten Investor in der Sitzung vom 13. Oktober den Bau eines „Studentenwohnheimes“ in Containerbauweise mit Blechfassade, für das die imposante Kastanie weichen soll.

Vergangenen Freitagnachmittag trafen sich zahlreiche Anwohner des Quartiers Am alten Holzplatz mit den Initiatoren der Aktion Lieblingsbäume vor Ort, um darüber zu beratschlagen, wie der Baum vielleicht doch noch gerettet werden kann. Grünen-Stadträtin Gerti Epple, Beauftragte des Stadtrats für Umwelt- und Klimaschutz, war der Einladung der Bürger gefolgt und hatte ein offenes Ohr für die sichtlich irritierten Anwohner. Innerhalb von einem Tag hatten sie spontan über 100 Unterschriften in der Nachbarschaft gesammelt, um gegen die Fällung des auf einem Privatgrundstück stehenden Baums zu protestieren.

Zum Redaktionsschluss des Kreisboten am Montag waren es bereits 200 Stimmen. Dieses bürgerliche Engagement erklärten Anwohner auch mit zwei wesentlichen Eingriffen in den Baumbestand im Gebiet: die Fällungen mit Helikoptereinsatz an der Burghalde im Februar 2020 und die massive und diskutable Einkürzung mehrerer Kastanien Am Alten Holzplatz. Die Unterschriftenliste wurde an Gerti Epple übergeben, die versprach, sich mit aller Kraft für den Erhalt des Baumes einzusetzen. Zu der Gelegenheit warb sie für eine Baumschutzverordnung, die Kempten dringend brauche. Gesine Weiß vom Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten lobte zunächst die deutlich „baumfreundliche“ Entwicklung seit den geänderten Mehrheitsverhältnissen im Stadtrat.

Erst im Sommer hatte der Umweltausschuss mehrheitlich eine als Naturdenkmal ausgewiesene Linde am Mariaberg vor der Kettensäge bewahrt. „Umso mehr überrascht mich, dass der Bauausschuss die Fällung eines solchen Prachtbaumes einfach so durchwinkt“, machte sie ihrem Unverständnis Luft. „Die Stadt arbeitet mit Hochdruck an Klimaanpassungsstrategien und dann konterkariert sie ihre eigenen Pläne mit solchen Entscheidungen.“ Epple versuchte, die unterschiedlichen Sichtweisen zu erklären: „Der Bauausschuss hat in erster Linie das Bauen im Blick, da wird anders gedacht als im Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz.“

Die Stadträte könnten nur aufgrund gesetzlicher Richtlinien entscheiden. Im Quartier Am Alten Holzplatz gebe es keinen Bebauungsplan und auch die Stadtbildsatzung, die diese Kastanie unter Schutz stellen könnte, greife hier nicht. Cremer, die gemeinsam mit weiteren engagierten Nachbarn den Widerstand der Quartiersbewohner maßgeblich bündelt, zeigte als Architektin Verständnis für das „berechtigte Bedürfnis, Wohnraum zu schaffen“. Dieser Wohnraum sollte aber nicht nur Studenten vorbehalten sein, denn auch junge Familien und ältere Bürger benötigten dringend barrierefreien Wohnraum in der Stadt. Gleichzeitig müsse es möglich sein, eine optisch ansprechende, städtebaulich akzeptable Lösung zu finden und zugleich den wertvollen Baum zu erhalten.

Sie wies insbesondere darauf hin, dass die geplante neun Meter hohe Blechfassade mit hoher Wahrscheinlichkeit eine erhebliche Erhitzung des Straßenzugs im Sommer zur Folge hätte. Die Kastanie trage dagegen im Sommer zu einer angenehmen Abkühlung der Luft bei. Auch die Befürchtung, der Parkdruck im Quartier werde durch die vielen neuen Wohnungen weiter steigen, wurde seitens der Anwohner geäußert. Äußerst kritisch sehen die Anwohner die Optik des Containerbaus in der direkten Nachbarschaft zu den schönen Gründerzeithäusern, die das Straßenbild hier prägen. Laut Cremer und Weiß „eigentlich ein klarer Fall für den Gestaltungsbeirat“, zumal im 2015 vom Stadtrat beschlossenen ISEK (Integriertes Stadtentwicklungskonzept für Kempten) die „Pflege des Stadtbildes“ als eines der zentralen Ziele für das Quartier Am Alten Holzplatz genannt wird.

Julia Wehnert vom BUND Naturschutz wies auf den Wert von Bäumen für das Stadtklima, den Artenschutz und das gesundheitliche Wohlbefinden von Menschen hin. „Eine Fällung ohne vorhergehende Prüfung artenschutzrechtlicher Belange ist im Übrigen unzulässig“, gab sie zu Protokoll. Zudem sei ein Baum „ein Generationenprojekt“ bis er diese Größe erreiche. Ihres Erachtens fehlt in der Stadt ein echtes Nachpflanzkonzept und „Ausgleichsflächen liegen oft außerhalb der Stadt“, ergänzte Epple, was dem Stadtklima nichts bringe. Die Hoffnung, dass das Umweltamt bei der Prüfung Fledermäuse oder andere schützenswerte Arten findet, erscheint den besorgten Bürgern jedoch nicht ausreichend. Für alle Anwesenden besteht keine Frage, dass dieser einzigartige Baum das Stadtbild prägt und unbedingt erhalten bleiben muss. Epple appelliert deshalb an die Anwesenden, an die Stadträte zu schreiben und sie dadurch auf das Thema aufmerksam zu machen.

Gesine Weiß/ Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona-Ticker Kempten: Quarantäne im Wilhelm-Löhe-Haus ist beendet
Corona-Ticker Kempten: Quarantäne im Wilhelm-Löhe-Haus ist beendet
Online-Diskussion der FDP Oberallgäu/Kempten mit Allgäuer Tourismusbranche 
Online-Diskussion der FDP Oberallgäu/Kempten mit Allgäuer Tourismusbranche 
Gestaltungsbeirat will kein neues Polizeigebäude auf dem »Filetstück« Pfeilergraben 
Gestaltungsbeirat will kein neues Polizeigebäude auf dem »Filetstück« Pfeilergraben 
Corona-Ticker: Notbremse im Oberallgäu - Deutschlandweit ruhige Ostern
Corona-Ticker: Notbremse im Oberallgäu - Deutschlandweit ruhige Ostern

Kommentare