Ein Balance-Akt

Anwohner protestieren gegen neue Wohnbebauung an der Breslauer Straße

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Um die Mitglieder des Bauausschusses bildete sich sogleich eine große Menschentraube. Zu hoch und zu groß war den Anwohnern die geplante Bebauung an der Breslauer Straße. Und auch, dass so viel vom Spielplatz im Norden des Kirchenstiftungsgrundstücks wegfallen soll, gefiel ihnen unter anderem nicht.
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Kempten – Unzufrieden mit der geplanten Bebauung an der Breslauer Straße zeigten sich am Dienstag die Grundstücksnachbarn.

Es wimmelte bei einer Protestaktion regelrecht. Mit Plakaten marschierten Kinder über die rund 10.000 Quadratmeter große Wiese am Hang, die bebaut und mit Grünflächen gestaltet werden soll. „Das ist keine familienfreundliche Bebauung!“ war auf den Transparenten zu lesen. Das Grundstück gehört der katholischen Pfarrkirchenstiftung Mariä Himmelfahrt. Weil sie den Platz nicht mehr – wie noch im Bebauungsplan vorgesehen – für einen Kirchenneubau braucht, möchte sie in eine Wohnbebauung einsteigen (der Kreisbote berichtete mehrfach). Bei der zusammen mit der BSG-Allgäu (Bau- und Siedlungsgenossenschaft) ausgelobten Parallelbeauftragung ist der Entwurf von UTA Architekten und Stadtplaner aus Stuttgart als Sieger hervorgegangen. Von 20. bis 31. Mai hatten sich die Bürger alle eingereichten Entwürfe in den Räumen der BSG-Allgäu ansehen und Einwände zum Siegermodell äußern können, die im laufenden Verfahren eingearbeitet würden. 120 Anwohner hätten dies laut BSG getan. Trotzdem war am Dienstag Unmut zu spüren.

Sorgen bereitete den Anwohnern neben der Höhe der Gebäude („14 Meter!“) ein fehlender Gehweg sowie fehlende Parkplätze an der angrenzenden Oskar-Maria-Graf-Straße. „Wohin soll der Schnee im Winter?“, fragte Familienvater Frank N., „schon jetzt haben wir ein massives Parkplatzproblem. Jeden Morgen müssen rund 100 Kinder aus den Wohngebieten über die Oskar-Maria-Graf-Straße, und dann kommt dort auch noch die Tiefgaragenausfahrt für die neuen Anwohner hin, die dort zur gleichen Zeit ausfahren, wie die Kinder auf dem Schulweg sind.“ Und er fasste die befürchtete Problematik noch weiter: Wenn den Eltern der Schulweg zu gefährlich sei, würden sie die Kinder zur Schule fahren und dazu Umwelt- und Verkehrsprobleme verursachen. Von einer öffentlichen Durchwegung durch die geplante Wohnanlage wisse er nichts. Und dass der aktuelle Spielplatz, der einen schönen Ausblick auf die Allgäuer Berge bietet, zur Hälfte verkleinert werden solle, ärgerte nicht nur den Familienvater. 

Die Alternative – ein Spielplatz auf dem Anger der neuen Anlage mochte er sich gar nicht ausmalen: eng, feucht, dunkel, voller Beton und ohne Sicht, so wie im Block nebenan – so stellte er ihn sich vor. Auch die weiteren angedachten Spiel- und Grünflächen im Westen und Süden des Grundstücks konnten ihn nicht zufriedenstellen. „Mit zwölf bis 16 Prozent Hangneigung in der Mulde unten!?“, entrüstete er sich. Der ehemalige Hochschulpräsident Prof. Dr. Robert F. Schmidt sah den Hang als „Filetgrundstück für Doppelhaushälften“. Mit einer Gebäudehöhe von zwölf Metern wollte er sich nicht anfreunden. Grund für die Protest-Aktion war eine Grundstücksbegehung durch den Bauausschuss, der sich vor Ort ein Bild machen wollte. 

Was viele Bürger nicht wussten: Die Begehung war eigentlich nicht öffentlich und so verstanden sie nicht, warum sie sich nicht äußern durften und kein Lautsprecher organisiert worden war. Für eine bessere Akustik lud Bürgermeister Josef Mayr die Bürger in die anschließende öffentliche Bauausschusssitzung ein. Dort erklärte Stadtplanungsamtsleiterin Antje Schlüter den aktuellen Stand und die Historie: Eine Bedingung der Pfarrkirchenstiftung Mariä Himmelfahrt war, dass 50 Prozent geförderter Wohnungsbau entstehen solle. „Somit müssen neben Reihenhäusern Geschosswohnungen entstehen“, sagte Stadtrat Michael Hofer (ÖDP). Von den 7600 für die Bebauung freigegebenen Quadratmetern sei im Entwurf letztendlich nur eine 7300 Quadratmeter große Fläche für Gebäude vorgesehen, so Schlüter. Auch die vorgegebene Bruttogeschossfläche (8300 Quadratmeter) werde unterboten (8200 Quadratmeter). 

Erste Überarbeitungen
Auf Anregung der Bürger sei das im Süden angedachte Gemeinschaftsgebäude um ein Stockwerk geschrumpft und besitze nunmehr zwei Stockwerke. Die Wohnbebauung sei nun ein Stück von der Oskar-Maria-Graf-Straße abgerückt worden, um dort zusätzlichen Platz für oberirdische Parkplätze und einen Fußweg zu bekommen. „Von Anfang an ist die Bebauung zweiteilig und die Freifläche in der Mitte samt der Wege durch das Quartier für die Öffentlichkeit gedacht gewesen“, so Schüter. „Es gibt verschiedene Flächen, wo Spielplätze entstehen können“, sagt Tanja Thalmeier vom Vorstand der BSG auf Nachfrage des Kreisbote, „wo ist noch offen; der Anger ist ein schöner Platz mit Blick zu einigen Bergen, jeder soll sich eingeladen fühlen, sich dort aufzuhalten oder durchzugehen.“ Nicht mehr das gesamte Panorama wird mit der drei- bis vierstöckigen, also neun bis zwölf Meter hohen – Bebauung am oberen Grundstücksrand zu sehen sein. 

„Der Entwurf mit den Gebäuden, die den Hang hinunter niedriger werden (in der Mitte drei Stockwerke, unten zwei bis drei Stockwerke), hält Blickrichtungen in Etappen frei“, erklärte Schlüter. Mit den Gebäuden an der Breslauer Straße nicht zufrieden zeigte sich Erwin Hagenmaier (CSU). „Mit den vier Geschossen und gegenüber sind es noch mehr, das gibt eine Enge“, wandte er ein und schlug vor, „vielleicht ein Stück weit zurückzunehmen von der Höhe runterzugehen.“ Auch plädierte er dafür, die Baulinie nicht wie in den Plänen ab der Hälfte des Spielplatzes beginnen zu lassen, sondern den ganzen Spielplatz zu erhalten. „Wir waren uns im Gestaltungsbeirat einig, dass der Spielplatz wunderschön liegt und die Bebauung erst ab dem dritten Baum beginnen darf. Vielleicht habe ich einmal nicht aufgepasst, aber es ist mir ein Rätsel, wann diese Vorgabe verlorengegangen ist.“ 

Gleichwohl räumte er ein, dass die Qualitäten im Quartier sehr hoch seien. Die CSU werde noch einen Antrag stellen, für kleine Wohnungen 1,25 Stellplätze und für große Wohnungen zwei Stellplätze vorzusehen. Hans-Peter Wegscheider (FW) griff die Ideen auf und schlug unterstützt von Siegfried Oberdörfer (SPD) vor, zwölf Meter vom nord-westlichen 30 Meter langen Gebäude zu „kappen“. „Dann wäre die Fläche für den Spielplatz da.“ Und Karl Sperl (CSU), dem ebenfalls der Spielplatz wichtig war, wollte, dass der Fußweg schon entsteht, bevor die ersten Baufahrzeuge rollen. Er erkundigte sich nach den Bodenproben. Schließlich sei das Gelände einst eine Hausmülldeponie gewesen. 

Schlüter konnte dazu „kein spektakuläres Ergebnis“ vermelden. Weil an anderen Stellen auf dem Gelände Spielflächen entstehen, hält Hans-Peter Hartmann (FW) es für ausreichend, nur ein Drittel vom oberen Spielplatz zu erhalten. Und in puncto Gebäudehöhe erinnert er seine Kollegen an die Worte der Landesregierung, die aufgrund des Wohnungsmangels höher bauen will. „Da müssen wir uns generell einigen, um mit einer Stimme zu sprechen.“ Auf Anregung von Theo Dodel-Hefele (Grüne) stehen die überarbeiteten Entwürfe im November noch einmal im Gestaltungsbeirat auf der Agenda. 

„Und wann dürfen wir was sagen?“, verabschiedete sich eine Dame aus der Sitzung. Bei der öffentlichen Beteiligung können sich die Bürger zu den Entwürfen äußern. Die Zeiträume erfahren sie im Amtsblatt und in der Presse. „Wir sind nach wie vor offen für Gespräche“, sagte Tanja Thalmeier nach der Sitzung. Sie wolle den Menschen gerecht werden, die bereits in der Gegend wohnen, aber auch den vielen Familien, die Wohnraum suchen. Mehr Bilder: auf: www.kreisbote.de/fotostrecken

Susanne Lüderitz

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