Ein Musikfestival zur richtigen Zeit

APC-Sommer wurde trotz Coronakrise und unsicherer Wetterlage ein voller Erfolg

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In stimmungsvoller Atmosphäre begeisterte das Nuhussel Orchestra beim APC-Sommerfestival.

Kempten – Wer vergangene Woche den Weg zu einer der Veranstaltungen des diesjährigen APC-Sommerfestivals fand, der hatte das Vergnügen, mit zu den Ersten zu gehören, die nach dem Corona-Lockdown vor drei Monaten wieder ein Live-Konzert geniessen durften.

Kemptens Kleinkunstverein Klecks e.V. und das städtische Kulturamt hatten es möglich gemacht und unter Berücksichtigung der aktuellen Verhaltensmaßregeln im Römerbezirk ein viertägiges Musikfestival auf die Beine gestellt, das sich sehen und hören lassen konnte. 

Den Anfang machte am Donnerstagabend die Frankfurter Band Moi Et Les Autres um die französischen Sängerin Juliette Brousset. Als wollten die Musiker mit einem Paukenschlag die Nachcoronazeiten einläuten, begann das Konzert mit einem lauten Intro von Simon Ostheims Bassdrum, dazu gesellten sich dann nacheinander Dirk Kunz am Kontrabass, David Heintz an der Gitarre, Eric Dann am Akkordeon und schliesslich Juliette Brousset selbst. Etwas zu rockig für die französische Chansontradition schlug das Konzert in der Folge stilistisch in viele Richtungen aus. 

Und so fand man die Musiker mit ihren Verstärkern und den zahlreichen Effektgeräten zwischen vielen Stühlen wieder. Für das klassische Musette-Chanson jedoch waren sie zu wenig leicht unterwegs, für raffinierten Elektropop à la Zaz zu wenig erfinderisch und für französischen Manouche zu wenig swingend. Dass das Konzert dennoch funktionierte und beim Publikum gut ankam, lag zum Einen am fleißigen Eric Dann, der auf Akkordeon oder Melodika das typische Musette-Kolorit beisteuerte und zum Anderen am erfrischenden Charme Juliette Broussets, die mit ihrer Stimme das Programm zusammenhielt. 

Noam Vazana, israelische Musikerin in Jerusalem geboren und gerade in Amsterdam lebend, benötigte für ihren Auftritt am Freitagabend keine große Technik im Hintergrund und auch keine große Band. Sie hatte einen Gitarristen aus Athen mitgebracht: Pericles Makris. Noam sang, spielte abwechselnd Klavier, Cajón oder auch einmal die Posaune dazwischen. Ein weiteres ihrer Talente war eine erstaunliche Bühnenpräsenz, die sich aus Extrovertiertheit, musikalischem Können und Bühnenerfahrung speiste. Mehr noch als die Sängerin vom Vorabend erzeugte sie mit ihren unaufgeregten Liedern ein Konzertvergnügen wie aus einem Guss. Die Stücke kreisten an diesem Abend um die fast ausgestorbene Sprachkultur der sephardischen Juden, die sich in Nordafrika und Südspanien herausgebildet hatte, als dort Arabien eine mittelalterliche Blüte erlebte. Mit dem viel Spanisches enthaltenden Sprachduktus verströmten die Stücke ihr ganz eigenes Flair. 

Pericles Makris überzeugte mit seinem unvirtuosen aber sehr effektiven Gitarrenspiel und formte das sichere und stimmige Fundament für Noam Vazanas Gesang. Dass beide musikalisch noch viele Register besitzen, zeigten sie in der Schlusszugabe, als zu Gershwins Summertime Verstärkung durch die Musik-Profis vom Klecks mit auf die Bühne gekommen war. Das Nuhussel Orchestra, am Freitagabend von der APC-Leiterin Maike Sieler enthusiastisch als aktuell beste Band Hamburgs angekündigt, benötigte zunächst einige Stücke, um aus dem Fahrwasser früherer Fußballstadion-Mega-Rockbands herauszugelangen. Es war Bandleader Wanja Hasselmann selbst, der mit seinem Powerschlagzeug zu Beginn die differenzierteren Zwischentöne verhinderte. Dass die Band ein umfangreiches Potential an Ausdrucksmöglichkeiten besitzt, zeigte sich aber im Verlauf des Konzerts mit jedem weiteren Stück. 

Jeder der sieben Musiker einschließlich des Gastsängers Simon Paterno steuerte zu einem spannenden und abwechslungsreichen Klanggemisch bei. So entwickelte sich immer mehr ein ganz eigener und innovativer Fusionsound, der auch anspruchsvolle Ohren befriedigte. Spannende Arrangements, abwechslungsreiche Klangfarben und vielschichtiger, mitreißender Drive. Vor der letzten Zugabe hielt es keinen mehr aus dem Publikum auf den Sitzen. War es geplante Festivaldramaturgie oder hatte es sich zufällig aus den Terminkalendern der Musiker ergeben? Der beste Wein wurde am Ende des Festivals serviert, auch wenn das Wettergeschehen am Sonntagabend haarscharf an einer kalten Dusche vorbeischrammte. 

Mit dem Alexandrina Simeon Quintett betrat ein wunderbar eingespieltes und ebenso leichtfüssig wie tiefgründig spielendes Jazzquintett die Bühne. Einem gleichermaßen eloquenten wie geschmackssicheren Daniel Mark Eberhard am Elektro-Klavier stand ein sehr feinfühliger Tom Steppich am Schlagzeug und ein in sich ruhender Andi Bauer am Fender Bass gegenüber, der, wenn es darauf ankam, auch ganz vorne solieren konnte. Und natürlich Stephan Holstein, der mit seinen Klarinetten und dem Tenorsaxophon den Stücken seine persönliche Färbung hinzufügte. Über den Vieren schwebte die klare und ausdrucksvolle Stimme Alexandrina Simeons, die sogar einen Beatles-Klassiker in ein Jazz-Highlight verwandelte. 

Und sich zwischen den Stücken mit ihren einfühlsamen Anmoderationen einen direkten Draht zum Publikum eroberte. Das war zeitlos schöne Musik oder anders gesagt: feinster Jazz auf der Höhe der Zeit. Was in Erinnerung bleibt: An vier Abenden erklangen von einer kleinen Bühne – ein Lob ans hervorragende Mischpult und die geschmackvolle Lichtsteuerung – sehr unterschiedliche Konzerte, die von allen Musikern als willkommene Gelegenheit wahrgenommen wurden, endlich wieder einmal vor Publikum spielen zu können. Dass das Wetter in teilweise letzter Minute mit diversen Kapriolen zum Trockenen hin seinen Teil zu einem guten Gelingen beitrug, mag man als gutes Omen für ein Ende der konzertfreien Zeiten sehen. 

Jürgen Kus

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