Flüchtlinge in dualer Ausbildung

Der Schlüssel ist die Sprache

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Die örtlichen Unternehmen und Handwerksbetriebe bemühen sich um Integration. Zahlreiche Vertreter kamen zum 2. Forum BS I mit dem Thema „Flüchtlinge in dualer Ausbildung“. Rechts im Bild ist Philipp Wagner zu sehen, der Leiter des Amtes für Integration in Kempten.

Kempten – „Was kommt da auf uns zu? Wo können wir Unterstützung bekommen?“ Dies waren die Fragen, die Martin K. Klug und Markus Bösch von der Firma Kesel letzte Woche in die Aula der Berufsschule I führte.

„Flüchtlinge in dualer Ausbildung“ hieß das 2. Forum BSI Kempten, zu dem Schulleiter Hanns Deniffel geladen hatte. 

Man braucht Geduld, Zeit und positives Denken; war die Antwort, die Kusai Elahmed Elisa in seinem Vortrag gab. Der aus Syrien stammende Pharmaziestudent weiß, was es heißt, in einem Land neu anzufangen. „Sie müssen wissen, die deutsche Sprache ist sehr schwer zu erlernen, aber es ist nicht unmöglich. Ermutigen Sie Ihre Schützlinge und vermitteln Sie positives Denken. Die Frustrationen, die ein Neuanfang mit sich bringt, brauchen ein Gegengewicht.“

Dafür warb auch Goldine Zengerle. Sie ist zuständig für die sogenannten „Berufsintegrationsklassen“ (kurz: BIK) in Kempten, die der Ausbildung vorgeschaltet sind. In der Fürstenstraße werden derzeit 200 Schüler aus 15 Nationen in zwölf BIK auf den Beruf vorbereitet. Die Klassen wurden eingerichtet, weil Flüchtlingen oft die Voraussetzungen für eine Ausbildung fehlen, obwohl sie die neun Jahre Schulpflicht absolviert haben. Im ersten BIK-Jahr geht es vor allem um die sprachlichen Voraussetzungen. Aber auch Wissen zur Berufswelt, Mathematik, Ethik und Alltagskompetenzen werden vermittelt. Ziel ist ein allgemeinbildender Abschluss.

"Der 17er-Schlüssel ist kein Schlüssel"

Im zweiten Jahr sind die 15- bis 21-Jährigen abwechselnd in der Klasse und in betrieblichen Praktika. Sozialpädagogen helfen bei der Betreuung. Die Praktikanten und Anleiter im Betrieb kämpfen vor allem mit der Fachsprache, die nicht in den BIK vermittelt wird. Auch Zeit und Fleiß sprach Zengerle an: Zeit habe für die Schüler bisher keine Rolle gespielt. Zur Pünktlichkeit müssen sie immer wieder ermutigt werden. Die Lehrerin sieht den Schlüssel für eine gelungene Arbeit mit den Auszubildenden im Vertrauen. „Auch wenn wir zunächst viele uns banal erscheinende Dinge erklären müssen, ist die Motivation der Jugendlichen sehr, sehr groß und sie lernen sehr viel in kurzer Zeit.“

Um die Flüchtlinge in der darauffolgenden Ausbildung zu unterstützen, hat die Berufsschule einen zusätzlichen Berufsschultag für sie eingerichtet. Hier werden sprachliche Defizite angegangen, Lerntechniken und Fachwissen vermittelt, für das sonst keine Zeit bleibt. Manfred Reuther, der Koordinator für Flüchtlinge in dualer Ausbildung an der Berufsschule erklärte, dass die Mittel für diese Förderstunden knapp sind: „Wenn Sie sich berufen fühlen, können Sie sich hier gerne als Lehrer engagieren“, warb er, „wir brauchen die Unterstützung.“

Amt mit Lotsenfunktion

Einen weiteren Ansprechpartner lernten die Arbeitgeber in Philipp Wagner kennen, dem Leiter des Kemptener Amtes für Integration. Er und sein Team arbeiten mit den Bildungsträgern und allen anderen Ressorts zusammen, in denen Integration eine Rolle spielt, zum Beispiel Gesundheit, Wohnen, Arbeit, und Gesellschaft. Das Amt leitet Asylbewerber, Unternehmen oder die Bildungsträger bei Fragen an die richtigen Stellen weiter und vernetzt sie untereinander.

Wagner kennt die Unsicherheit der Unternehmen: An welches Amt muss ich mich wenden? Wie ist die Bleibeperspektive bei meinem Auszubildenden? Auch auf Seiten der Flüchtlinge muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Die Migranten hätten oft keine Vorstellung von der dualen Ausbildung und ihren Vorteilen, zum Beispiel einer langfristigen Bleibeperspektive. „Wenn ein Beruf gewählt wird, spielt oft der Zwang eine Rolle, schnell Geld zu verdienen.“

Es geht nur gemeinsam

Davon berichtete auch Norbert Mack, der Bereichsleiter der Arbeitsagentur Kempten-Memmingen. Die Jugendlichen hätten oft die Tendenz, einen gut bezahlten Ausbildungsberuf zu wählen, der aber oft außerhalb ihrer Möglichkeiten liege – meist im technischen Bereich. Mack sieht daher eine realistische Berufswegplanung als Aufgabe. „Ziel muss es sein, die Migranten nach ein bis zwei Jahren Umweg in den richtigen Beruf zu bringen. Dafür müssen Arbeitgeber, Schulen und Behörden zusammenarbeiten.“

Und was ist mit den Afghanen? Schützt eine Ausbildung vor Abschiebung? Auch diese Fragen trieben die Zuhörer um. Nur wenn der Status „geduldet“ im Pass vermerkt ist, antwortete Mack. Er empfahl, sich im jeweiligen Einzelfall an die Ausländerbehörde zu wenden, um zu erfahren, was mit der Person passiert.

Wichtig sei auch, dass sich die Betroffenen möglichst schnell mit der zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) in Verbindung setzten, erklärte Alexandra Kern, die in der Regierung von Schwaben die Koordination für berufsschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge inne hat. „Die Mitarbeiter der ZAB wollen sehen, dass sich die Schüler BEMÜHEN, einen Identifikationsnachweis zu bringen.“ Für Afghanen sei dies die sogenannte Tazkira, die in Afghanistan übersetzt werden müsse. Dem ZAB reiche gegebenenfalls schon der Poststempel.

Afghanistans Status „sicheres Herkunftsland“ sei auch insofern problematisch, als dass das Jobcenter den Afghanen derzeit keine ausbildungsbegleitende Sprachförderung finanzieren darf, die auf den jeweiligen Beruf zugeschnitten ist, bedauerte Mack.

Susanne Kustermann

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