Ein Gestaltungsbeirat für Kempten?

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Nicht punktuell, sondern mit Blick auf die Gesamtsituation hätte ein Gestaltungsbeirat die baulichen Veränderungen innerhalb der Klostermauern in Lenzfried (Baustelle links), der Wohnbebauung auf dem Drumlin (hinten rechts, mit dem gelben Haus als Blickfang) und der bereits beantragten Umnutzung des denkmalgeschützten St. Annaheims (Gebäude ganz rechts) angeregt.

Kempten – Schon seit geraumer Zeit setzen sich der Bund Deutscher Architekten (BDA) und das architekturforum Allgäu (af), für die Installation eines Gestaltungsbeirats in Kempten ein. 

Die maximal fünf Mitglieder sollen den Entscheidungsträgern bei öffentlichen und privaten, insbesondere städtebaulich prägenden Vorhaben beratend zur Seite stehen und dadurch neue Perspektiven eröffnen.
Bei der vor den Kommunalwahlen unter anderem vom af mitveranstalteten Podiumsdiskussion mit den OB-Kandidaten hatten diese ihr Interesse bereits bekundet, worauf angekündigt wurde, in 100 Tagen mit dem dann gewählten OB konkret darüber zu sprechen. Der Kreisbote wollte wissen, wie sich ein Gestaltungsbeirat in Kemptens Baulandschaft bemerkbar machen würde und sprach darüber mit Jörg Heiler, zweiter Vorsitzender BDA-Kreisverband Augsburg-Schwaben, Franz Schröck, Geschäftsführer des af, Peter Geiger, stellvertretender Vorsitzender des af sowie dem af-Vorstand und Netzwerksprecher Kempten Wolfgang Braig.
Nur beratende Funktion
Wichtig war ihnen, dass ein Gestaltungsbeirat „keine Entscheidungskompetenz“ habe. Seine rein beratende Funktion solle „unabhängig von wirtschaftlichen Interessen“ den Blick durch Hinterfragen auch möglichen Alternativen öffnen, was in der Regel als qualifizierte Entscheidungshilfe zu wesentlich besseren Endergebnissen führe. Als beispielhaft nannten sie Regensburg, das seit vielen Jahren darauf zurückgreife und gegebenenfalls auch Qualitätssiegel vergebe, was ein interessantes Marketinginstrument für Investoren und Bauträger sein könne.
Wie also könnte so eine Beratung aussehen? Zum Beispiel an einem historisch nicht ganz unsensiblen Ort wie dem Gelände des ehemaligen Klosters in Lenzfried, das auf Sichtachse mit zwei weiteren Bauprojekten liegt: der Wohnbebauung auf dem Drumlin und dem an der Lenzfriederstraße gelegenen, denkmalgeschützte St. Anna-heim, für das nach Auskunft von Bauamtsleiterin Dr. Franziska Renner vom Investor bereits eine Bauanfrage für einen Anbau zur Straße hin sowie ein Einfamilien- und ein Doppelhaus im dazugehörenden Park vorliegt, wenn auch noch mit „Umplanungsbedarf“.
Gesamtblick wichtig
Das Problem sei, herrschte Einigkeit, dass die Betrachtung solcher Bauvorhaben nicht „punktuell“ ausfallen dürfe, sondern mit Blick auf die Gesamtsituation. Ein Schritt in die richtige Richtung sei das jüngst für Kempten entwickelte integrierte Stadtentwicklungskonzept ISEK, das als ein Beispiel die „Doppelstadt“ als mögliche Leitlinie nenne. Eine deutlich formulierte Vision, so der einhellige Tenor, könne „für die Stadtentwicklung sehr hilfreich sein“, wenn sie auch tatsächlich angewendet werde. Dabei stehe zunächst gar nicht die bauliche Entwicklung im Vordergrund, sondern konkrete, allgemein verständliche Vorstellungen für mehr Lebensqualität und Alltagskultur in der Stadt. „Der Gestaltungsbeirat kann das allerdings nicht leisten“, richten sich die Hoffnungen auf das ISEK.
Das Beispiel „Doppelstadt“ zeige, dass eine Wertschätzung der Geschichte auch ein Potential für die Zukunft sein könnte, was auch den Umgang mit dem Kloster Lenzfried „zuordenbar gemacht hätte“, meinte Heiler. Sicher wären im Gestaltungsbeirat auch Fragen aufgetaucht wie: „Was sind städtebauliche Leitlinien in diesem Gebiet?“; „was ist das Besondere des Ortes?“; „muss diese Klosterwiese überhaupt bebaut werden, sind Einfamilienhäuser sinnvoll oder gibt es Alternativen in Bezug auf Nutzung und Struktur?“, so Geiger. Wirtschaftlichkeit sei zwar auch ein Thema für den Gestaltungsbeirat, aber „nicht bis zur letzten Rendite.“ Wenn die Veränderung unter „kulturellen, soziologischen und wirtschaft- lichen Aspekten sinnvoll ist, dann ja“, machte Schröck deutlich. Keinesfalls wollen die vier Vertreter den Gestaltungsbeirat als „Geschmacksdiktatur“ verstanden wissen, der sich in einseitiger Diskussion nur auf ästhetische Merkmale beschränke. „Es geht um strukturelle, qualitätvolle Entwicklung“, bei der es auch um Ressourcenschonung im Umgang mit Grund und Boden gehe, fügte Heiler an.
Stadtcharakter wahren
Kempten habe einen Charakter, der berücksichtigt werden müsse, zum Beispiel durch die Frage, ob die Einfamilienhäuser einen Bezug zum Kloster haben, oder sie auch in einer beliebigen anderen Stadt stehen könnten, so weitere Überlegungen der Gesprächsteilnehmer, die auch ein Gestaltungsbeirat anregen würde. Oder auch Fragen, wie sich eine Bebauung zu den Nachbarn oder zur öffentlichen Straße orientiert und wo privater Rückzug ermöglicht wird. Zudem sollten nach Ansicht der vier Sprecher Qualitäten, die im Urlaub gesucht würden – zum Beispiel die Atmosphäre historischer Städte oder die städtische Lebendigkeit von Metropolen – im Alltag integriert werden, was im Kloster sicher möglich gewesen sei.„Wir haben eine pluralistische Gesellschaft mit Vielfalt“, die wichtig ist, betonte Braig nochmals die verantwortungsvolle, rein beratende und nicht vorgebende Aufgabe des Gremiums. So wird auch die Einbin- dung von historischen wie zeitgenössischen Straßen, Plätzen und der Landschaft Kemptens als notwendig gesehen, da diese durch den wirtschaftlichen, sozialen und technischen Wandel ebenso weiter verändern würden. ct
ct

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