"Wir müssen kreative Ideen für unsere leerstehenden Bauernhöfe entwickeln"

Architekturstudentin nimmt Stiftsbleiche ins Visier

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Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Stuttgart hat sich die Architekturstudentin Martina Buchs mit der Stiftsbleiche in Kempten befasst.
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Animation der Stiftsbleiche nach einer möglichen Sanierungsvariante.
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Die Stiftsbleiche als Modell.

Kempten/Stuttgart – „Bayern hat heute noch rund 30.000 landwirtschaftliche Betriebe und die Zahl hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren halbiert“, schreibt die Augsburger Allgemeine 2018.

Das Höfesterben sei eine kontinuierliche Entwicklung, denn pro Jahr geben im Schnitt fünf Prozent der Betriebe auf“. Doch weite Teile der Allgäuer Landschaft sind geprägt durch die vielen verteilten Weiler und Einzelhöfe. Sie sind in ihrer Bauweise, Ausrichtung und Materialität identitätsstiftend für die Region. Der Allgäuer Bauernhof ist Teil eines grossen Ganzen - einerseits die Einbindung in die Landschaft und zum anderen die Einfachheit und Funktionalität des Gebäudes sowie der beherbergenden Nutzungen. Als unersetzlicher Bestandteil dieser Kulturlandschaft steht er sozusagen als Symbol für das regionale, ortstypische Bauen und schafft das Gefühl von Heimat. 

Mit dieser Thematik beschäftigt sich die Masterarbeit der Architekturstudentin Martina Buchs an der Universität Stuttgart. Im Rahmen ihrer Thesis untersucht sie den Bautypus des „Allgäuer Bauernhofes“ und dessen Bedeutung für den landschaftlichen Kontext. Der Hof an sich war schon immer ein Gebäude, wo gemeinschaftlich gelebt, produziert und vertrieben wurde an einem Ort. Daher stellt sich für sie die zentrale Frage, wie eine mögliche Weiternutzung im Sinne dieser bäuerlichen Werte der Gemeinschaft, Nachhaltigkeit und Produktivität aussehen könnte, die gleichzeitig Rücksicht auf bestehende Strukturen nimmt und trotzdem Raum für Innovation lässt?

Stiftsbleiche Kempten

Ein besonderes Bauernhaus stellt die sogenannte Stiftsbleiche in Kempten dar. Früher genutzt als Bleiche, wurde sie später umgebaut zu einem Bauernhaus mit Tierstall und landwirtschaftlichem Betrieb. Seit 1989 steht das Anwesen als „stattlicher Bau in einer für das 18. Jahrhundert typischen Bauweise mit einem barocken Dachstuhl“ unter Denkmalschutz. Verschiedenste Konzepte das Gebäudeensemble einer neuen Nutzung zuzuführen sind bislang gescheitert. Es wurde im Herbst 2018 an ein Holzbauunternehmen aus der Region verkauft und eine Überplanung des Grundstücks mit Büro- und Lagerflächen ist im Gespräch. 

Am Beispiel dieses Hofes erarbeitete die Architekturstudentin ein Konzept zur Weiternutzung des seit Jahren leer stehenden Gehöfts. „Eine Weiternutzung der Bauernhäuser sehe ich auch unter den Aspekten der Erhaltung des prägenden Landschaftsbildes, der generellen Umnutzungen von Bestandsbauten und des Flächenverbrauchs als eine wichtige Aufgabe an“, sagt sie. 

Gemeinschaft statt Privatheit 

Durch die hybride Struktur des Bauernhofes und die unterschiedlichen Raumpotentiale viele Nutzungen denkbar, wie Buchs findet. Eine mögliche Weiternutzung kommt ihres Erachtens aber stark auf den Ort des Gebäudes an und was dort für ein Bedarf herrscht. So sollte der Hof im ähnlichen Sinne aber mit neuem Zeitgeist weiter genutzt werden. Im Zuge der Stärkung des ländlichen Raumes sollte auch der wirtschaftliche Aspekt mit Produktion und ortsansässigen Handwerk unter einem Dach zusammengebracht werden. Daraus entstand die Idee eines neuen Gründerzentrums für handwerkliche Berufe im Allgäu. Gemeinschaftliches Nutzen von Räumen und Maschinen innerhalb einer befristeten Mietzeit als Starthilfe für junge Handwerker. 

Denn wo es nicht mehr gelinge, die eigene Existenz im umfänglichen Sinn abzusichern, müsse man Orte schaffen, an denen das gelingt. Orte fürs Konkrete, einen tätigen Alltag und die Freuden der Selbstbestimmtheit, formulierte der bekannte schweizer Architekt Gion A. Caminada. Die Zielsetzung der Architekturstudentin für den Entwurf war es eine neue Nutzung in einem alten Gebäude abzubilden. Dabei sollte jede Bauphase ihr Gesicht wahren können und ein Spiel zwischen alten und neuen Elementen entstehen. Das Weiterbauen im Sinne alter Strukturen, aber mit neuen Möglichkeiten zu den Themen Offenheit und Transparenz. 

Entwurfliches Konzept

 Bauernhaus und Scheune bleiben in ihrer Struktur erhalten, aber werden zu einem Ganzen miteinander verbunden. Trotzdem bleiben die alten Strukturen ablesbar und werden durch neue architektonische Elemente ergänzt. Ein neues Treppenhaus bindet die beiden Körper von Bauernhaus und Scheune und vermittelt auf den unterschiedlichen Höhen, so lässt sich ein zusammenhängender Werkstattraum im Untergeschoss entwickeln. 

Da die Scheune als großzügiger Raum weiterhin wahrgenommen werden soll, erfolgt eine Trennung der Arbeits- und öffentlichen Räume durch eine transparente Regalkonstruktion. Im Bauernhaus werden das Ober- und Dachgeschoss zu einem Raum zusammengefasst, um ein gemeinschaftliches/temporäres Wohnen zu ermöglichen. Der neue Werkhof soll den Freiraum wie in bäuerlichen Zeiten auch im Außenraum beleben. Zur Belichtung der Scheune entwirft die Studentin ein großes Oberlicht über die ganze Länge des Daches, das die ortstypischen Fassaden nicht stört, aber für ausreichend Tageslicht und eine angenehme Raumatmosphäre sorgt. Bei der Gestaltung der Fassaden ist der Erhalt der früheren Materialiät wichtig gewesen, trotzdem sollte ein gewisse Offenheit und Transparenz ablesbar sein. Durch das Spiel von offenere und geschlossenen Holzlattung in der Fassade kann zusätzliches Licht über die Fassaden in den Raum geholt werden. Beispielhaftes Szenario Der Entwurf versteht sich als ein beispielhaftes Szenario für die Weiternutzung eines ehemaligen Bauernhofes und sicher nicht als Generallösung. 

Der Erfolg eines solchen Projektes hängt stark vom Ort und dem dort herrschenden Bedarf ab und sollte sehr sensibel und partizipativ für diesen Ort entwickelt werden. Buchs ist es wichtig, das Bauernhaus als hybride Struktur zu verstehen, das von Anfang an mehrere Nutzungen in sich beherbergt und es als diese weiterzudenken und eine multifunktionale Nutzung einer monofunktionalen vorzuziehen. „Ich denke man ist sich im Klaren, dass der ländliche Raum im Umbruch ist, daher ist die Rolle dieser identitätsstiftenden Gebäude in der Allgäuer Landschaft neu zu denken und kreative Ideen gefragt.“ Die Architekturstudentin Martina Buchs wird im Rahmen des Stadt.Land.Schluss Symposiums (17./18. Oktober 2019) in Marktoberdorf am Donnerstag, 17. Oktober, um 14 Uhr einen Kurzvortrag zu ihrer Masterarbeit halten. 

kb

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