Armut im Allgäu

FDP Oberallgäu warnt vor sozialen Schieflagen

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Kreisvorsitzender Michael Käser (von links) mit Katharina Rauh, Tamara Retter, Mandy Maier, Stephan Thomae, Daniela Busse, Melanie Bindhammer, Anton Sommer, Maximilian Deffner und Dr. Friedrich Wilhelm Bielefeld.

Sonthofen – Die FDP Oberallgäu nahm sich bei ihrem Weihnachtsstammtisch eines aktuellen Themas an: Armut im Oberallgäu.

Der Kreisvorsitzende Michael Käser hatte mit Tamara Retter, Leiterin des Tafelladens der Caritas in Sonthofen, und Mandy Maier, Abteilungsleiterin der Caritas Oberallgäu, zwei Expertinnen auf diesem Gebiet zur Diskussion eingeladen. 

Die Tafel ist eine deutschlandweite Organisation, der sich verschiedene örtliche Träger, u.a. die Caritas, angeschlossen haben. In den Tafelläden kann man sehr günstig Lebensmittel erwerben, die von Lebensmittelläden gespendet werden. Voraussetzung ist, dass man durch den Erwerb eines Sozialausweises nachweisen kann, dass man im Monat unter 500 Euro zur Verfügung hat. Bei der Diskussion wurde schnell klar, dass viele Probleme systembedingt sind. So scheuen sich viele Bürgerinnen und Bürger mit niedrigem oder gar keinem Einkommen vor dem Gang zum Amt. „In Deutschland haben wir 100 verschiedene Sozialleistungen, die an 40 verschiedenen Stellen ausbezahlt werden. Kein Wunder, dass sich kaum noch jemand seiner Ansprüche bewusst ist und sich mancher schnell überfordert fühlt“, so Michael Käser. „Die Freien Demokraten setzen deshalb schon seit Jahren auf einen Systemwechsel hin zu einem liberalen Bürgergeld, welches alle Sozialleistungen in Form einer negativen Einkommensteuer bündelt“, so der Kreisvorsitzende weiter. 

Ein weiteres Problem sehen Retter und Maier im zu geringen Regelsatz des Arbeitslosengeldes II. Aktuell bezieht ein Singlehaushalt 416 Euro pro Monat (ohne Miete) nach dem sogenannten Hartz IV-Satz. Zur Zusammensetzung des Kundenstamms des Tafelladens zählen vor allem Alleinerziehende, Asylbewerberinnen und Asylbewerber sowie Rentnerinnen und Rentner. „Die Teilzeitfalle ist vor allem ein weibliches Problem. Wir müssen bessere und flexiblere Angebote bei der Kinderbetreuung schaffen, damit man auch als Alleinerziehende einem Beschäftigungsverhältnis in Vollzeit nachgehen kann“, so Daniela Busse, Bezirksrätin und Vorsitzende der Liberalen Frauen Schwaben. Die Armut im Landkreis scheint sehr ungleichmäßig verteilt. So nehmen im Sonthofen täglich rund 25 Kundinnen und Kunden die Tafel in Anspruch, im viel kleineren Immenstadt dagegen 50. 

„Armut wird vererbt. Die soziale Herkunft spielt offenbar eine große Rolle beim zukünftigen Lebensweg. Aus liberaler Sicht ist das kein Zustand, der erstrebenswert ist. Wir wollen Lebenschancen für alle. Nicht die Herkunft, sondern der Wille und die Leistung, etwas zu gestalten, muss Wegweiser eines jeden Individuums sein. Hierbei ist beste Bildung die entscheidende Komponente“, so der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag Stephan Thomae. In diesem Kontext wurde das Konzept der Ganztagsschule kontrovers diskutiert. Die kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe am Leben ist ein weiteres Problem bei vielen Menschen unter der Armutsgrenze. „Wir erleben es häufig, dass bei unseren Kunden kein Geld für Familienausflüge oder einen gemeinsamen Schwimmbadbesuch da ist. Das kann sehr ausgrenzen, worunter vor allem die Kinder zu leiden haben. Jedoch gibt es viele ehrenamtliche und soziale Initiativen von Unternehmen und Privatleuten, ohne die die Situation viel schlimmer wäre“, so Maier. 

Der Landtagsabgeordnete Dr. Dominik Spitzer kritisierte indes die Auslegung des Familiengeldes im Kreis Oberallgäu und der Stadt Kempten als „schizophren“. „In Kempten wird das bayerische Familiengeld den Familien vom Hartz-IV-Bezug abgezogen, im Oberallgäu nicht. Diese Ungerechtigkeit ist zynisch und bedarf endlich einer juristischen Klärung“, fordert der Abgeordnete.

kb

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