"artgerecht" leben – für alle

Elisabeth Baders ernst-verspielter Blick auf die Welt in der Kunsthalle

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Elisabeth Bader umgeben von Bäumen und „Brocken“ aus „Schwarzer Wald“.

Kempten – Wer die in Kempten lebende Künstlerin Elisabeth Bader (Jahrgang 1978) kennt, dürfte sich kaum über so sperrig wie exotisch klingende Werktitel wundern, wie „Trichoptera brachyzentrisch“, „Wellenbrecher faviidaeisch“ (wofür Bader im

vergangenen Jahr das am gestrigen Freitag eröffnete Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu im Rahmen der 69. Festwochenkunstausstellung zuerkannt bekommen hatte), „Endorphinomat“ oder „Pflatsch“; der/die Kenner*in wundert sich auch nicht, dass sich dazwischen „Kraken nach dem Liebesrausch“ schlichte „Stämmle“ oder „zwei prähistorische Pusteblumen“ finden; und er/sie wundert sich nicht über den Ausstellungstitel „artgerecht“, was bei Bader für ausnahmslos alle Lebewesen gilt. 

Von großem „Respekt vor der Kraft der Natur und des Lebens“ ist auf dem Ausstellungsflyer zu lesen; und davon, dass das Œvre „Eindrücke von menschlicher Organik, maschinenhafter Lebendigkeit und spürbaren Strukturen von Bäumen, Felsen und Landschaft“ spiegelt. Dem ist in diesem Punkt nichts hinzuzufügen. Interessant, wie Bader selbst an den Besuch ihrer Ausstellung herangehen würde, der, zumindest wenn man der Nummerierung auf der ausliegenden Werkliste folgt, schneckenförmig verlaufen würde. 

Bader dagegen steuert zielstrebig den mittigen „Verweilsessel“ an, ein Erbstück und Teil der Ausstellung. Dort lässt sie sich nieder und lässt den Blick schweifen, der schnell am „Schaf“ linkerhand hängen bleibt: ein Knäuel aus dicker, gehärteter Schnur, dessen Eingeweide aus einem nicht sichtbaren vierbeinigen Hocker bestehen. „Es ist mein nächster Betrachter, der sich auch alles hier anschaut“, sagt sie. „Es besucht eine Landschaft und sucht sich seinesgleichen.“ 

Natur, Mensch, Zerstörung Natur
Mensch und die Zerstörung der Natur durch den Menschen sind die Themen, für die sie verschiedene „Episoden“ in der Kunsthalle inszeniert hat. Bei deren Betrachtung treffe man „auf Bekanntes oder Irritierendes“, so ihre Erfahrung. Irritierend wirke beispielsweise auf viele der 18-teilige „Schwarze Wald“, da sie ihn als etwas Totes wahrnehmen würden. Dabei sei ja gerade der augenscheinlich tote Wald „sehr lebendig“ und voller Kleinstlebewesen, aus deren Arbeit wieder ein neuer Wald entstehe, weist Bader auf die Bedeutung eines intakten Kreislaufs hin, in dem abgestorbene Bäume keinem Ordentlichkeitswahn unterworfen und weggeräumt werden sollten.

Zwischen den 18 schwarzen, innen hohlen Bäumen, die die Kemptenerin aus im Bekanntenkreis zusammengesammelten und dann eingefärbten Stoffresten gefertigt hat – „dadurch ist es kein Fichtenwald, wo alle Bäume gleich ausschauen, sondern ein Mischwald“, wie sie lächelnd sagt – liegen 24 ganz kleine bis ganz große „Brocken“ aus verschiedenen Papieren und Leim. Aus dem Wald heraus schweift der Blick auf das 21-teilige „Arsenal“, dessen aufgereihte Abformungen von Wasserhähnen den Kampf ums lebensnotwendige und für Großkonzerne längst zur Waffe gewordene Wasser thematisieren. 

Da es „ja tatsächlich mit Tod zu tun hat“, sorgt Bader daneben für Ausgleich, gedacht als „Utopie“ und deshalb in gebührendem Abstand, hängt an der Wand eine mit unzähligen zarten Drähten versehene „Wiederbelebungsmaschine“ – „klein, handlich und für jede Handtasche geeignet“, erklärt die Künstlerin. Die dezente Herzform der Maschine „ergreift optisch und seelisch Besitz“ von der Person, die sie auf sein eigenes Herz auflege und frische Energie durch die Drähte wieder ins eigene Herz fließen lasse. Solche Maschinen – auch den „Freifisch“, der ohne Rahmen schwimmen darf – erfinde sie manchmal, wenn Dinge in ihrem Leben „nicht so laufen wie gedacht“, sozusagen als Befreiung. 

Größeren Raum nimmt u.a. ein Podest mit „Wellenbrechern“ (Wachs, Draht, Pigment, Gips, Klebeband, Papier) aller Art ein, dazwischen der „Schädel vom Urahn“ (Papier, Wachs, Pigment), besagter „Pflatsch“ und dann, ja dann ist da noch dieses Mysterium von „Loreleis Kamm“: eine etwas mitgenommen aussehende, schwarze Gerätschaft aus Draht, Schnur, Wachs und Harz. „Damit hat Lorelei ihre langen Haare gekämmt und den Kamm dabei verloren“, spinnt Bader schmunzelnd eine spontane Geschichte um das Objekt. Nach Jahren sei der inzwischen mit Algen zugewachsene Kamm angeschwemmt worden und da hätten sich die Menschen daran erinnert, dass Loreleis Haar eines Tages struppig geworden sei, weil sie keinen Kamm mehr gehabt habe „und sie konnte keine Seefahrer mehr bezirzen“. Eigentlich aber hat der Kamm natürlich einen (auch) ernsten Hintergrund, der mit Vergangenheit und Vergänglichkeit zu tun hat. 

Ohne tiefgründige Gedanken, sondern „einfach Spaß gemacht“, hat ihr die Arbeit am stark reduzierten „Wettrennen“, eine minimalistische Mischung aus Objekt und Installation, die „noch nie gezeigt wurde“, wie sie betont. So ganz ohne Hintergedanken ist es aber wohl doch nicht, denn darin wetteifern abgerissene Kreppbandfetzen an einer Art Schiene miteinander um die Führungsposition; einige sind abgestürzt, wollen wieder hoch, einige „kriegen die Kurve“, andere bleiben auf der Strecke. So luftig und Raum lassend wie die Ausstellung beim Betreten der Kunsthalle wirkt, überrascht es, dass darin 29, oftmals vielteilige Werke entdeckt werden wollen. Einige sind sogar so versteckt, dass sie eher in die Kategorie „Zufallsfunde“ einzureihen sind, wie das Buch mit Teer und Tusche mit dem Titel „ausgelesen“. „Macht die Augen auf und dreht euch nicht nur um euch selbst“, ist die Botschaft von Elisabeth Bader. Und zuerst die Natur, dann der Mensch und erst dann die Kunst, das ist für sie „artgerecht“. 

Zu sehen ist die Ausstellung „artgerecht“ mit Objekten von Elisabeth Bader von Samstag, 14. September, bis Sonntag, 6. Oktober, jeweils Do/Fr von 14- 18 Uhr und Sa/So von 10-18 Uhr sowie in der KunstNacht Kempten am Samstag, 21. September, ab 19 Uhr, in der Kunsthalle Kempten, Memminger Straße 5. Führungen gibt es am Sonntag, 27. September und am Sonntag, 6. Oktober, jeweils um 15 Uhr. Nach (oder natürlich ebenso parallel zur) Besichtigung mit Eigeninterpretation bietet sich ein sehr aufschlussreicher, von den Künstlerkollegen Jürgen Meyer und Christian Hof verfasster Text zur Ausstellung an, der in der Kunsthalle ausliegt.

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