Fahren Autos bald mit Müll?

Auch am Müllheizkraftwerk Kempten könnte bald Wasserstoff entstehen

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Der ZAK lässt untersuchen, ob die Produktion von Wasserstoff mit Strom sinnvoll ist, der im Müllheizkraftwerk entsteht. F

Landkreis/Kempten – Kraftstoff, Stromlieferant, Energiespeicher und Basis für E-Fuels oder Erdgdas. Wasserstoff scheint ein Alleskönner zu sein.

Bereits seit zwei Jahren setzt sich Landrat Anton Klotz dafür ein, Züge mit Wasserstoff-Antrieb in die Region zu bringen. Gemeinsam mit der Stadt Kempten hat der Landkreis dieses Jahr am Wettbewerb HyLand des Bundesverkehrsministeriums teilgenommen. Und erhält nun eine Förderung bis zu 300.000 Euro. 

Das Projekt: Stadt und Landkreis wollen beim Gruppenklärwerk in Lauben mit dem dort anfallenden überschüssigen Strom Wasserstoff herstellen. Wie nun der Geschäftsführer des Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK) Kempten Karl Heinz Lumer bei seiner Aufsichtsratssitzung verlauten ließ, lässt auch der ZAK eine Wasserstoffproduktion untersuchen – und zwar am Müllheizkraftwerk in Kempten. Wasserstoff ist die Zukunftsenergiequelle“, sagte Karl Heinz Lumer, „das sehe ich teils auch so.“ 

Das Allgäuer Überlandwerk hat bei Prof. Dr. Michael Sterner, Experte für Energiespeicher im letzten Jahr an der Technischen Hochschule Regensburg eine Projektskizze erstellen lassen zu den Potenzialen und zur Wirtschaftlichkeit eines Wasserstoffschienenverkehrs im Oberallgäu. Das Ergebnis: Wasserstoff könnte zu einer Reduzierung der CO2- und Dieselverkehrs-Emissionen beitragen, weil bei seinem Einsatz als Kraftstoff nur Wasserdampf ausgestoßen wird. Allerdings benötigt die Wasserstoffproduktion sehr viel Strom. „Weil das Brennmaterial im Müllheizkraftwerk zu 55 Prozent aus natürlichen Stoffen wie Holz, Papier oder Biomüll besteht, ist die freiwerdende Energie zur Hälfte regenerativ“, sagt Lumer, was dann auch auf die Wasserstoffproduktion zurückfällt. 

Für den ZAK ist das Thema interessant, weil man am Müllheizkraftwerk in der Zeit Wasserstoff produzieren könnte, in der das Stromnetz keinen Strom benötigt und der ZAK somit höhere Strompreise erzielen könnte. Derzeit gibt es fünf Cent pro Kilowattstunde, erklärte Lumer. Auch könnte dadurch das Netz stabilisiert werden, das durch den vermehrten Einsatz von regenerativen Energien etwas mehr Schwankungen ausgesetzt ist. Know How und Infrastruktur, gerade was die Sicherheit anbelangt, seien am Müllheizkraftwerk vorhanden. 

Lumer zeigte, was die Stadt Wuppertal in einem ähnlichen Projekt plant. Am dortigen Müllheizkraftwerk solle die Wasserstoffproduktion voraussichtlich zur Jahreswende beginnen und dann zehn Nahverkehrsbusse versorgen. In Kempten könnten es täglich zehn Nahverkehrszüge von Oberstdorf bis Buchloe sein. „Natürlich braucht das Ganze auch Platz“, räumt Lumer ein und nennt als technische Bestandteile am Müllheizkraftwerk den Elektrolyseur, wo Wasser mithilfe von elekrischem Strom in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird, eine Verdichtungsstation und einen Speicher. 

Ein anderer Standort kommt für den ZAK nicht in Frage, denn „sobald ich den Strom durch ein Netz schicke, kommt sofort die EEG-Abgabe dazu“. Allerdings ist noch eine Machbarkeitsstudie nötig, die den genauen Platzbedarf, die nötigen Technologien, Speicherkonzepte, die Wirtschaftlichkeit, Fördermöglichkeiten beleuchtet, genauso wie die Marktchancen bei möglichen Abnehmern wie ÖPNV, Güterverkehr Bahn oder Mülltransportunternehmen. „Die Bahn ist eventuell ein schwieriger Partner, wir sollten uns nicht nur darauf verlassen“, sagte Lumer. 

Das weitere Vorgehen steuert eine Arbeitsgruppe aus AÜW, AKW und ZAK, die in der BioEnergie Allgäu bereits in einer Firma zusammengeschlossen sind. Wie Landrat Anton Klotz erklärte, zeigen Transportunternehmen großes Interesse an Wasserstoff, die Firmen Präg und Deisenhofer seien bereit, Tankstellen aufzubauen. Vielleicht könne sich der ZAK an das Förderprojekt HY-Allgäu anschließen, war die Überlegung bei der Aufsichtsratssitzung. Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle sieht im Allgäu ideale Voraussetzungen für den Wasserstoff – „sowohl für die Produktion als auch für die Nutzung“. Als „zu unkoordiniert“ bezeichnete er die bisherige Vorgehensweise. Um die Projekte von Abwasserverband und ZAK zu vernetzen, kommen am 9. Januar „die Spitzen aus Bund und Land“ für gemeinsame Gespräche nach Kempten. Auch die Lindauer Stadtwerke haben schon Interesse am Projekt bekundet. 

Susanne Lüderitz

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