Wenn Helfen ein Gesicht bekommt

Auftakt für die Aktion "Das Allgäu packt‘s" auf dem Residenzplatz

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Für uns eine Selbstverständlichkeit, aber für hilfsbedürftige Familien in Rumänien ein besonderes Highlight zu Weihnachten. Der Inhalt eines Päckchens der Aktion „Das Allgäu packt‘s“. Dringend benötigte Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Salz oder Öl, dazu Schokolade und ein Plüschtier für die Kinder.

Kempten – „Auf der Herfahrt habe ich mir gedacht, heute kriegen wir es mal ab.

Wir merken am eigenen Leib, was kalt und nass ausmacht, aber später geht’s für uns wieder in die warme Stube und alles ist gut. Nur ein paar Autostunden von Deutschland entfernt ist das anders. Da müssen die Menschen Kälte und Nässe aushalten - ob sie wollen oder nicht“, sagt Wolfgang Strahl vom Aktionsbündnis Allgäu zum Startschuss der Aktion „Das Allgäu packt‘s“ vor der Residenz in Kempten. Seit 2006 organisiert er jedes Jahr im Dezember zusammen mit dem City Management Kempten e.V. und vielen ehrenamtlichen Helfern die Weihnachtspäckchen-Aktion für hilfsbedürftige Familien in Südosteuropa. Die gute Nachricht: die Allgäuer packen immer fleißiger Päckchen. Letztes Jahr konnten rund 17.000 mit Grundnahrungsmitteln, Schokolade und Spielzeug nach Rumänien gefahren werden.

Seit Jahren sind Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle und Alexander Hold, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, als Schirmherren mit dabei. Beim verregneten Auftakt am Samstag im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich bin unheimlich froh und stolz über die Aktion. Hier bekommt Helfen ein Gesicht. Es beteiligen sich inzwischen so viele Schulen, Vereine und Organisationen und packen mit. Die Hilfsaktion ist zu einem riesigen Gemeinschaftswerk für Kempten und das Allgäu geworden. Das zeigt, dass wir den Blick für andere nicht vergessen haben“, betont Oberbürgermeister Kiechle und bedankt sich bei allen, die trotz des regnerischen Wetters zum Auftakt der Aktion gekommen sind. Auch für Alexander Hold ist „Das Allgäu packt‘s“ eine Herzensangelegenheit: „Was mich begeistert ist der Dreiklang. Zum einen das Helfen. Wir alle können später wieder ins Trockene, aber es gibt Menschen, die haben kein trockenes Zuhause, weil´s da einfach reinregnet. Wir hier sind wohlhabend, wir gönnen uns viel, gerade jetzt in der Adventszeit. 

Aber wir dürfen nicht diejenigen vergessen, denen es schlecht geht. Zum anderen finde ich die Aktion toll, weil es eine gute Gelegenheit ist, Kindern klar zu machen, woran es woanders fehlt. Wenn sie zu Hause, in den Schulen oder in den Kindergärten gemeinsam Reis, Zucker und Nudeln zusammenpacken und am Ende noch ein Plüschtier, wovon die meisten vielleicht eh eines zu viel daheim haben, dann wird das plastisch begreifbar. Außerdem finde ich die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfsorganisationen wie THW, Feuerwehr, Allgäu Medical, Malteser oder Bayerisches Rotes Kreuz eine wunderbare Sache. Die sehen sich nicht als Konkurrenz, sondern packen gemeinsam an, um zu helfen. Besonders mit ihren jeweiligen Jugendgruppen, die sich engagieren. Das ist klasse.“ 

1500 Kilometer Fahrt
Christian Spöttl ist letztes Jahr das erste Mal als Fahrer für „Das Allgäu packt‘s“ unterwegs gewesen. Kurz vor Weihnachten ging es im 40-Tonner-LKW los. 1500 Kilometer Strecke, reine Fahrzeit 20 bis 23 Stunden. Mit Übernachtung dauert es zwei Tage, bis er mit dem LKW voller Weihnachtspäckchen in den ärmsten Regionen Rumäniens angekommen ist. „Wir bleiben etwa zwei bis drei Tage, um alles in Ruhe zu verteilen. Teilweise fahren wir zu Schulen, aber auch in Sinti und Roma-Dörfer. Manche wissen, dass wir kommen, aber längst nicht alle. Die haben dann große Augen und manche sind den Tränen nahe“, verrät der gelernte Speditionskaufmann, der für Allgäu Medical arbeitet. 

„Die spüren, dass man ihnen was Gutes tun will, dass man was Gutes bringt. Da hat keiner Angst oder so.“ Was ist ihm nach seiner ersten Fahrt besonders im Gedächtnis geblieben? „Die Armut. Du merkst sofort, wie gut es uns hier doch geht. Wenn man die Dörfer dort unten sieht, das sind meistens Holzbuden mit zwei Zimmern und in einem Zimmer schläft eine ganze Familie. Das sind richtig schlimme Verhältnisse“. Drei LKW sind im vergangenen Dezember mit den 17.000 Allgäuer Weihnachtspäckchen Richtung Rumänien aufgebrochen. Auch dieses Jahr wird Christian Spöttl mit seiner Frau zusammen in einem der LKW sitzen. Dafür verzichtet der Kemptener auf sein eigenes Weihnachtsfest. „Ich freue mich schon drauf. Man hilft einfach, wo man kann“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Die Sparkasse Allgäu unterstützt die Aktion in diesem Jahr zum wiederholten Mal mit einem Scheck über 1500 Euro und beteiligt sich damit an den Transportkosten. Mit dem Geld sind bereits die Kosten für eine LKW-Tankfüllung der langen Reise abgedeckt. 

Annahme bis 19. Dezember
Nach dem Startschuss am vergangenen Samstag sind ab sofort alle Allgäuerinnen und Allgäuer mit ihren Kindern und Enkeln aufgerufen, sich in den nächsten Wochen an der Hilfsaktion zu beteiligen. Am kommenden Samstag, 14. Dezember, gibt es eine zweite gemeinsame Packaktion am Residenzplatz vor Galeria Kaufhof, vor dem Forum Allgäu, im Fenepark Kempten und am Kaufmarkt in Sonthofen. Jeweils von 10 bis18 Uhr können dort bereits zu Hause gepackte Weihnachtspäckchen abgegeben werden. Die Liste mit dem benötigten Inhalt finden Sie auf www. cm-kempten.de. Oder Sie packen an den Ständen vor Ort ihr Päckchen. Alle Artikel der Packliste sind vorhanden. Die gemeinnützige Aktion„Das Allgäu packt‘s“ läuft bis zum 19. Dezember. Bis dahin können Sie an den entsprechenden Stellen wie etwa allen Feneberg-Filialen und Kaufmärkten im Allgäu ihre Päckchen für Not leidende Familien abgeben. Genauso wie beim City Management Kempten oder dem Allgäu Medial Service in Waltenhofen. 

Premiere für Autohaus Brosch
 „Wir haben uns heuer überlegt, wir könnten eigentlich auch bei uns im Haus mal versuchen, Päckchen zu sammeln und am Ende haben wir tatsächlich 35 zusammenbekommen“, freut sich Melanie Theisen, Geschäftsführerin vom Autohaus Brosch in Durach. Dafür wurde extra ein SUV im Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt, in dem in den letzten Wochen die Päckchen gesammelt wurden. „Wir haben den Kofferraum aufgemacht und unsere Mitarbeiter, aber auch unsere Kunden animiert, sich zu beteiligen, um möglichst viele zusammenzubekommen. Als ich jetzt mit dem voll gepackten Auto nach Kempten gefahren bin, konnte ich fast nicht mehr rausschauen, weil Kofferraum und Rückbank komplett dicht waren. Alles voller Weihnachtspakete“, sagt Theisen strahlend. 

Sie selbst hat natürlich auch eines gepackt und würde sich gerne im nächsten Jahr wieder beteiligen. Die Bereitschaft anderen, denen es nicht so gut geht, eine Freude zu machen, ist im Allgäu ungebrochen. Bestes Beispiel ist der Ortsteil Muthmannshofen der Marktgemeinde Altusried. Gerade mal 370 Einwohner zählt der kleinste Ortsteil Altusrieds, aber sage und schreibe 117 Päckchen sind dort gesammelt und zum Auftakt am Samstag von der Feuerwehr Muthmannshofen übergeben worden. Das hat auch Oberbürgermeister Thomas Kiechle und Alexander Hold nachhaltig beeindruckt. In welche Regionen werden die „Das Allgäu packt‘s“-LKW denn in diesem Jahr aufbrechen? Wolfgang Strahl vom Aktionsbündnis Allgäu hat da einen ganz besonderen Wunsch: „Wir werden erneut Ziele in Rumänien anfahren. 

Dort waren wir auch in diesem Sommer für eine Hilfsaktion und haben wieder sehen dürfen, wie stark unsere Unterstützung gebraucht wird. Man sagt zwar, dass ist EU, aber die Armut, die Sie da erleben, ist erschreckend. Und ich liebäugele auch mit der bosnisch-kroatischen Grenze. Wir alle haben in den letzten Tagen gelesen, dass dort viele Flüchtlinge hängen geblieben sind. Es wäre ein Wunsch von mir, dass wir vor Ort helfen. Aber ob wir das mit den internationalen Hilfsorganisationen umsetzen können und die erforderlichen Genehmigungen erhalten, das wird sich erst in den nächsten Tagen entscheiden“, erklärt Strahl abschließend. 

Kathrin Dorsch

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