"Flora in the Slaughterhouse" feiert Premiere

In der Grauzone

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Yamlia Khodr als fragiles Symbol der Fruchtbarkeit versucht sich in der fremden Umgebung eines Schlachthauses zurechtzufinden.

Kempten – Schwarz-weiß-Denken hat absolut keinen Platz in der neuesten Eigenproduktion „Flora in the Slaughterhouse“ des TheatersInKempten (TIK).

Auch die Trennung von – scheinbaren – Gegensätzen wie Leben und Tod, Entstehung und Vergehen, Ordnung und Chaos, Opfer und Täter oder gut und schlecht fallen hier schwer. Vielmehr wird deutlich, dass alles Eins, untrennbar miteinander verwoben ist und sich gegenseitig bedingt. 

 Am vergangenen Freitagabend feierte das Tanztheater der britischen Choreographin Caroline Finn, belohnt mit sattem Schlussapplaus vom Publikum, Premiere im ausver- kauften TheaterOben und eröffnete sowohl die Theatersaison als auch den 13. Kemptener Tanzherbst. Flora, die Göttin der Fruchtbarkeit, verirrt sich in ein Schlachthaus, wo sie versucht gegen die Kälte und das lebensfeindliche System anzublühen. Schon in dieser kurzen Handlungsbeschreibung offenbart sich, dass Freud und Leid eng miteinander verknüpft sind. Denn wenn es Flora gelingen sollte, gegen dieses von Ordnung, Kontrolle, Sterilität und Regeln geprägte System anzukommen, zerstört sie zugleich ein System, das Anderen einen sicheren Rahmen bedeutet. Alles liegt also im Auge des Betrachters, in Abhängigkeit der Seite, auf der dieser schließlich steht. Und alles Vergehen, jede „Zerstörung“ ist zugleich die Chance für neue Entstehungsprozesse, wenngleich es das Neue, Fremde in der Regel erst einmal schwer hat und auf skeptische Ablehnung stößt. 

Die Gesetze der Natur gelten also auf besondere Art auch im Schlachthaus. Dabei spielt die Choreographin Caroline Finn nach eigenem Bekennen bewusst mit der Doppeldeutigkeit, für die der Name Flora steht: Fruchtbarkeitsgöttin, aber auch Bakterium – respektive Darmflora, denn Bakterien wurden laut ihrer Recherchen früher dem Pflanzenreich zugeordnet. Somit mutiert das Schlachthaus schließlich zu einem Ort, der das Entstehen von neuem Leben ermöglicht, auch wenn es nicht die jugendlich-frische Fruchtbarkeitsgöttin ist, die das vollbringt. Es ist das gerissene Bakterium, das Flora aus der zunächst Opferrolle in die der Täterin führt. Mit Yamila Khodr, Marta Zollet, Jorge Sole Bastida und Bert Uyttenhove hat Finn zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer verpflichtet, die das Stück sehr ausdrucksstark verkörpern. Die Doppel-Figur der Flora hat Finn auch doppelt besetzt, sodass die unterschiedlichen Qualitäten der letztendlich doch einen Flora optisch und choreographisch gut erkennbar werden: fragil und sinnlich der eine Aspekt, anpassungsfähig und manipulativ der andere. In ihren Bewegungen verschmelzen Verschiedenartigkeit wie Gemeinsamkeiten, die als Ganzes die unerbittlichen „Rituale“ im Schlachthaus zu verändern vermögen. Aber erst einmal wird auch Flora von den in grauen Overalls gekleideten Schlachtern sozusagen durch den Fleischwolf gedreht... 

Weitere Aufführungen von „Flora in the Slaughterhouse“ gibt es am Freitag, 8. November, um 20 Uhr, am Samstag, 9. November um 19 Uhr und am Sonntag, 10. November, um 16 Uhr.

Christine Tröger

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