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Großer Festakt und Gemeinschaftskonzert in Kempten zu „50 Jahre Gebietsreform“

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Von: Christine Tröger

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Alt-Oberbürgermeister Dr. Josef Höß (stehend) gilt als einer der Architekten der Gebietsreform 1972 und Eingemeindung von Sankt Lorenz und Sankt Mang zu Kempten und ließ die Zeit beim Festakt im Großen Rathaussaal nochmals aufleben.
Alt-Oberbürgermeister Dr. Josef Höß (stehend) gilt als einer der Architekten der Gebietsreform und ließ die Zeit beim Festakt im Großen Rathaussaal nochmals aufleben. © Foto: Stadt Kempten/Hiemer

Kempten – Am Donnerstag wurde das runde Jubiläum „50 Jahre Gebietsreform“ unter dem Motto „Drei werden eins“ mit einem großen Festakt und zahlreichen Gästen gewürdigt.


Eine „von einem beherzten Bürger in letzter Minute vor dem Funkenfeuer“ gerettete Gemeindefahne in St. Lorenz, ein Aufruf aus Sankt Mang, „eine Fuhre Mist vor den Durchlass zu kippen“ – zwei aus heutiger Sicht Anekdoten, die Oberbürgermeister Thomas Kiechle über die zum Teil „erbitterten“ Auseinandersetzungen, als die beiden bis dahin eigenständigen Gemeinden 1972 durch die Gebietsreform von Kempten einverleibt werden sollten.

Von seinem Vater Ignaz Kiechle, Gemeinderat in Sankt Mang von 1966 bis 1972, Kreisrat des damaligen Landkreises und Bundestagsabgeordneter, hatte der damals erst fünfjährige heutige Oberbürgermeister Kemptens die Geschichten gehört.

Vergangenen Donnerstag wurde das runde Jubiläum „50 Jahre Gebietsreform“ unter dem Motto „Drei werden eins“ mit einem großen Festakt und zahlreichen Gästen im – und später vor dem – Rathaus gewürdigt.

Mit einem Gemeinschaftskonzert am 30.6.2022 demonstrierten die Kapellen aus (v. hinten im Bogen nach rechts) Lenzfried, Stadt Kempten, Heiligkreuz und Sankt Mang die Geschlossenheit der Gebiete. Zum Jubiläum der Gebietsreform
Mit einem Gemeinschaftskonzert demonstrierten die Kapellen aus (v. hinten im Bogen nach rechts) Lenzfried, Stadt Kempten, Heiligkreuz und Sankt Mang die Geschlossenheit der Gebiete. © Tröger

Chancen der Gebietsreform im Jahr 1972

Ohne Gebietsreform wäre der heutige Stellenwert der Stadt weder im wirtschaftlichen und sozialen Bereich, noch in Kultur und Bildung möglich gewesen, war sich Kiechle sicher. Schlagartig habe sich die Stadt seinerzeit von 24 auf 63 Quadratkilometer, von 12.000 auf über 57.000 Einwohnervergrößert.

Vor allem Altoberbürgermeister Dr. Josef Höß bezeichnete Kiechle als „maßgeblichen Gestalter der Gebietsreform“. Seit 1970 Oberbürgermeister im Amt sei es Höß von Anfang an wichtig gewesen, „auf Menschen, Institutionen und Vereine in Sankt Mang und St. Lorenz zuzugehen“ und Verständnis für die Reformen zu wecken. So sei noch heute ein örtlich selbständiges Vereinsleben zu beobachten.

Die Entscheidung des Bayerischen Landtags im Dezember 1971 zur Gebietsreform nannte Kiechle „zukunftsweisend“ und mit ihrem Inkrafttreten zum 1. Juli 1972 „verschaffte sie der Stadt Kempten die Chance, sich bestmöglich zu entwickeln“: u.a. neue Gewerbegebiete, große neue Wohnbaugebiete, die Hochschule Kempten – auch hier habe Höß sich maßgeblich eingesetzt.

Zeitgleich mit der vergrößerten kreisfreien Stadt sei der neue Landkreis Oberallgäu begründet, beides eigenständige Gebietskörperschaften, denen von Anfang an wichtig gewesen sei, „für große und raumübergreifende Vorhaben Antworten und Entscheidungen zu treffen“, wie u.a. den Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK), Klinikum, Rettungszweckverband, Wasserversorgung, Berufliches Schulzentrum oder auch ÖPNV.

Dr. Josef Höß - Architekt der Gebietsreform

Dr. Josef Höß (Oberbürgermeister von 1970 – 1990) ließ die Zeit der Gebietsreform Revue passieren und nannte den bedeutenden Unterschied, dass diesmal die „Planung vom Staat vorgegeben“ gewesen sei, während sich die Stadt zuvor immer – „vergeblich“ – um Teile der Gemeinden bemüht habe. Er erinnerte sich an den Anruf während einer Reise durch die USA, als ihm seine damalige Büroleiterin Christa Eichhorst von der Sitzung der beiden Gemeinden berichtete: „Die haben nicht beschlossen“, was ihn zur sofortigen Rückreise veranlasst habe.

Dass die Gemeinden nicht besonders Kempten-affin waren, habe sich an Bürgerbefragungen gezeigt: In Sankt Mang hätten über 90 Prozent gesagt, „wir wollen nicht nach Kempten“ und in St. Lorenz hätten 96 Prozent dafür die Lösung mit Wiggensbach und gegen Kempten gestimmt. „Sankt Mang hatte ja am wenigsten Grund zur Stadt zu gehen“, räumte Höß ein. „Die beste Kuh im Stall des Landkreises war Sankt Mang und die gibt man nicht her.“

Dankbar zeigte sich der 90-Jährige für „die Gnade“ guter Gesundheit. „Es ist ein wunderbarer Augenblick, das nach 50 Jahren erleben zu dürfen.“ Mit stehenden Ovationen und langem Applaus bedankten sich die Anwesenden für sein Werk.

Zwei weitere Zeitzeugen legten Zeugnis von dem einschneidenden Schritt der Gebietsreform ab:

Die Lenzfrieder und Sankt Lorenzer waren zunächst gegen die Gebietsreform gewesen

Wilfried Rager, 40 Jahre lang Vorstand der in Sankt Mang ansässigen BSG-Allgäu, gestand sich bis heute als „Kotterner“ zu fühlen. Sankt Manger seien eh nie Sankt Manger gewesen, sondern immer Lenzfrieder, Kotterner, Neudorfer, Schelldorfer. Einigkeit habe aber bezüglich der Stadt Kempten geherrscht, auf die man nie gut zu sprechen gewesen sei. Die Eingemeindung sei dann auch mitten in die gemeinsame Identitätsbildung geplatzt, als u.a. die BSG die noch heute begehrte Seniorenwohnanlage im Oberösch baute und die Pläne für die dortige Ortsmitte mit Rathaus bereits fertig gewesen seien. Über die Entwicklungsmöglichkeiten habe er sich trotzdem gefreut.

Der aus St. Lorenz stammende ehemalige schwäbische Polizeipräsident Herbert Klaus betonte, dass es bei allem Flächengewinn auch um die Menschen gegangen sei. Dass über zwei Drittel der Menschen eher zu Wiggensbach gehören wollten, sei in der Sorge begründet gewesen, dass man bei Kempten nichts mehr zu sagen habe.

Weiter weitgehend eigenständig

Aber Menschen träfen Entscheidungen nicht rational. Am Ende hätten die Menschen gemerkt, dass sie von den Stadtoberen „gehört werden“ und sowohl Oberbürgermeister Dr. Josef Höß als auch seine Nachfolger Dr. Wolfgang Roßmann und Dr. Ulrich Netzer hätten Wort gehalten und weitgehende Eigenständigkeit ermöglicht. So gebe es auch heute noch ein „reges Vereinsleben“ in Heiligkreuz sowie wichtige Institutionen, wo so etwas wie „Heimatgefühl entstehen“ könne und auch die Kirche – „ein Kleinod“ im Dorf sei geblieben.

Er freue sich, so Klaus, dass OB Kiechle von einer „Dorfentwicklung“ spreche, als von einem „Dorf in der Stadt“, betonte aber abschließend: „Tradition zu wahren, heißt nicht, die Asche verehren, sondern das Feuer weiter tragen.“

Gebietsreform: Die Landrätin blickt zurück und nach vorn

Es mache sie „demütig“, was die Zeitzeugen berichtet hätten, erklärte die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller. Da sie selbst nur unwesentlich älter sei, als der Landkreis, habe sie kaum Erinnerung an die „politische Dimension“ damals, außer den Wechsel der Autokennzeichen von SF zu OA.

Zusammenhalt und Zusammengehörigkeitsgefühl seien, wie sie glaube, in den neu zusammengefügten Teilen sowohl in Kempten als auch im Oberallgäu im Lauf der Jahre gewachsen und „neue gemeinsame Identitäten entstanden“. Dennoch spüre sie noch immer ein Bewusstsein um die frühere Eigenständigkeit oder Zugehörigkeiten, wie bei Verbänden um kulturellen, sportlichen oder handwerklichen Bereich.

„Es war damals sicher kein einfacher Weg“, aber die Stetigkeit habe „auch etwas Gutes“, wie sie meinte. Nicht nur aufgrund der geographischen Lage der Stadt Kempten, inmitten des Landkreises, sondern auch „aus strukturellen und finanziellen Überlegungen“ mache es „immer wieder Sinn, große Projekte gemeinsam und auf Augenhöhe anzupacken und zu lösen“, verwies sie auf die von OB Kiechle bereits genannten Projekte sowie die Allgäu GmbH.

Die Herausforderungen „sind keine kleinen“, blickte Baier-Müller u.a. auf Themen wie den demographischen Wandel mit einhergehendem Fachkräftemangel in vielen Bereichen, Themen wie Migration und Integration mit allem was dazu gehört, Mobilität oder auch Energie und Klimaschutz.

„Wir sind gemeinsam allem gewachsen“, bemühte OB Kiechle abschließend ein in der Corona-Zeit ausgegebenes Motto der Sparkasse Allgäu.

Musikalisch setzte das Saxophonensemble der Sing- und Musikschule unter der Leitung von Zoltan Wagner Akzente zwischen den Redebeiträgen. Im Anschluss spielten die vier Kapellen – Lenzfried, Stadt Kempten, Heiligkreuz und Sankt Mang – auf dem Rathausplatz auf.

Eine noch länger laufende Ausstellung zur Geschichte der ehemaligen Gemeinden Sankt Mang und St. Lorenz im Foyer des Rathauses wurde ebenfalls im Rahmen der Feierlichkeiten offiziell eröffnet.

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