Ausbau der Kurzzeitpflege nötig

Sozialausschuss bemüht sich, "ein fehlgeleitetes Gesundheitssystem geradezubiegen"

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Kempten – Ein bedeutender Punkt im Seniorenpolitischen Gesamtkonzept ist das Thema Kurzzeitpflege.

In der Regel kommt sie bei den Übergängen vom häuslichen in den stationären Bereich oder von einer Klinik in eine anschließende Versorgung ins Spiel. Sie bietet für vier bis sechs Wochen Entlastung für pflegende Angehörige oder überbrückt die Spanne zwischen Entlassung aus dem Krankenhaus und Rehastart bzw. wenn eine Selbstversorgung in den eigenen vier Wänden nicht gleich wieder möglich ist. 

Wie Christine Weixler vom Amt für Ausbildungsförderung, Senioren- und Wohnungsfragen im Ausschuss für soziale Fragen erklärte, klagen Krankenhäuser zunehmend darüber, dass es sowohl in Kempten als auch dem Oberallgäu „kaum noch möglich ist einen Kurzzeitpflegeplatz zu finden“, selbst außerhalb der Urlaubszeit. Da die Versorgung zuhause aber von ambulanten Pflegediensten nicht geleistet werden könne, sei eine Entlassung aus der Klinik oft nicht möglich. Immerhin ist die Situation im Vergleich zu anderen Kommunen in Kempten laut Weixler „etwas besser“, da es bereits Kurzzeitpflegeplätze gibt: zwölf in der Kurzzeitpflegestation des Allgäu Stifts sowie 25 so genannte „eingestreute“ in anderen Heimen. Aber „das reicht nicht“, stellte Weixler klar und präsentierte Zahlen aus dem Klinikum: Von den 1200 in den letzten 12 Monaten entlassenen Patienten waren 620 aus dem Oberallgäu, 580 aus der Stadt Kempten; 400 wurden direkt ins Pflegeheim entlassen, weil sie bereits vor ihrem Krankenhausaufenthalt dort lebten; 400 bis 450 wurden über die Kurzzeitpflege in die Reha entlassen, 350 bis 400 ins Pflegeheim, weil eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich war. 

Keine konkreten Zahlen gibt unter anderem zum urlaubsbedingten Bedarf aus dem häuslichen Bereich, der dazu addiert werden muss. Die Einrichtungen würden hier aber eine steigende Tendenz verzeichnen, so Weixler. Zwar sei mit den Einrichtungen die Frage erörtert worden, ob, nach Vorbild anderer Kommunen, eine städtische Förderung für die Kurzzeitpflege Entspannung bringen könnte. Man sei sich aber einig, dass nur mehr Plätze zum Ziel führen und eine kommunale Förderung die Gefahr berge, dass bestehende Pflegeplätze als Kurzzeitpflegeplätze deklariert werden und sich die Situation in der Dauerpflege verschärfe. Allerdings ist laut Weixler das Ziel der Verwaltung, mehr Plätze in bestehenden Einrichtungen zu schaffen, insofern „nicht realistisch“, als weder Personal noch die nötigen Raumkapazitäten vorhanden seien und auch die Finanzierung unklar sei. Ebenso unrealistisch schätzte sie eine „solitäre Kurzpflegeeinrichtung“ ohne Pflegeheimanbindung ein und brachte eine sich „konkreter“ darstellende Möglichkeit ins Spiel: eine Einrichtung an eine Klinik des Klinikverbunds „anzudocken“.

Dazu soll die Kreisklinik Mindelheim besucht werden, die bereits seit 14 Jahren Erfahrungen mit einer angebundenen Kurzzeitpflege sammelt. Obwohl der Bedarf groß sei, „ist eine schnelle Lösung jetzt einfach nicht möglich“, nannte Sozialreferent Thomas Baier-Regnery „nicht finanzielle Hemmnisse, sondern strukturelle“ als Grund. Lothar Köster (SPD) verwies auf die Belastung für die Menschen, die oft nur in 100 bis 150 Kilometern Entfernung einen Kurzzeitpflegeplatz finden könnten, eine „Belastung auch für Angehörige“. Birgit Geppert (CSU) fand es „paradox“ dass sich hier ein städtisches Gremium damit befasse, „ein fehlgeleitetes Gesundheitssystem geradezubiegen“, welches dafür verantwortlich sei, dass die Menschen nicht mehr so lange im Krankenhaus behalten werden können, wie es vielleicht nötig wäre. Baier-Regnery räumte ein, dass es „nicht unsere originäre Aufgabe“ sei, das aber den Betroffenen im Moment nicht weiterhelfe. Natürlich streite man aber auch „überörtlich“, um die Dinge zu verändern. Gut würde er schonmal eine Koordinationsstelle für freie Kurzzeitpflegeplätze finden. Bislang müssten die Kliniken Faxanfragen an die einzelnen Einrichtungen schicken. Dr. Dr. Robert Wiedenmann (Freie Wähler) merkte an, dass das System „auf Durchlauf angelegt ist, in dem der Patient möglichst schnell statt im teuren Klinikbett „in der günstigeren Reha weiterbehandelt wird“. So werde praktisch das Problem der Station in die Kurzzeitpflege verlagert. 

Christine Tröger

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