Gemüse macht glücklich

Die SoLaWi in Durach lässt die Mitglieder erleben, wo ihr Essen herkommt

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Gemeinsam beim Kohlrabi-Setzen: Bäuerin Barbara Jörg, dahinter Psychologin Katja Stadelmann und Abiturient Jakob.
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Udo Marz freut sich über die neue Gemüsekiste. Im Hintergrund die Schilder mit den Namen der Mitglieder, die ihre Kiste an diesem Freitag noch nicht abgeholt haben.
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Auch das Ratschen und Leute-Treffen gehört zur Solidarischen Landwirtschaft.
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Die kleine Sophie Klaubert hat ein Kätzchen unter den Kisten entdeckt. Sie und ihre Eltern (Matthias, fehlt auf dem Bild, und Lena) genießen das Bauernhof- und Landleben der Solidarischen Landwirtschaft.
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Barbara und Hubert Jörg.

Mutter Erde spüren, selber machen, wissen was drin ist. Der Gemüse-Anbau ist wieder in. Und die Solidarische Landwirtschaft von Hubert und Barbara Jörg kann noch mehr.

VON SUSANNE KUSTERMANN

Freitagnachmittag, viertel nach drei. Bauer Hubert Jörg pflanzt Kohlrabi auf seinem Acker. Er späht in Richtung Straße, zieht die Stirn kraus. Von Durach her biegt ein silberner VW Caddy auf den Schotterweg zum Hof. „Und wer isch jetzt des? Den kenn i no it.“ Jörg joggt vom Feld hinunter zum Hof. Vor der eingewachsenen Doppelgarage trifft der 50-Jährige auf Michael Weiß. Er holt die Gemüsekiste von seinem Bruder Markus, der mit seiner Familie im Urlaub ist. „Da kannsch du die leere Kiste hinstellen“, erklärt Jörg und deutet auf den Stapel grüner Behälter.

In der linken Garage ist alles grün. Üppig ragen die Blätter von Lollo Rosso, Lollo Bionda, Rucola, Radieschen, Mangold und Kohlrabi in die Luft. 40 gleich gefüllte Kisten reihen sich auf einer Holzkonstruktion aneinander. Die Urlaubsvertretung strahlt. „Da werden wir gleich einen Salat machen“, sagt Weiß, „so frisch vom Feld kriegt man es sonst ja nirgends.“ Jörgs Mundwinkel wandern nach oben. An der Wand hängt eine Art Schlüsselbrett mit Namensschildern. Wenn Weiß seine Kiste abholt, soll er noch das Holzplättchen mit dem entsprechenden Namen in die umfunktionierte Eiskachel legen. Dann wissen alle, dass er seine Kiste geholt hat. Zwei Namensschilder liegen heute schon in der Box.

Vor zwei Jahren haben sich Jörg und seine Frau Barbara mit 13 befreundeten Familien zusammengesetzt und zusätzlich zu ihrer Bio-Milchproduktion eine „Solidarische Landwirtschaft“ – kurz „SoLaWi“ – gegründet. Im Herbst haben sie ein Stück der Kuhweide dafür hergerichtet und nach dem Winter bepflanzt. Die Mitglieder nehmen das Gemüse ab und helfen teils beim Anbau. Von März bis Dezember holen sie jeden Freitag ab 15 Uhr die Ernte der Woche ab. 700 Euro ist momentan der Jahresanteil für die wöchentliche Vier-Personen-Kiste. Das SoLaWi-Modell, dessen Name so sehr nach DDR, Kommunismus und Verordnung klingt, läuft gut. In diesem Jahr teilen sich schon 63 Familien 40 Kisten. Viele stammen aus dem erweiterten Bekanntenkreis der Jörgs, alle sind durch Mundpropaganda dazugestoßen.

Auf dem Feld setzt Bäuerin Barbara Jörg mit Diplom-Psychologin Katja Stadelmann die letzten Pflänzchen für heute. Knapp über dem Boden gespannte Schnüre markieren die Reihen. „Hier machen wir noch eine Reihe dazwischen, das hat schon Platz“, sagt Barbara, sie ist für die Einteilung der Zellen zuständig. Stadelmann wandert in Hockstellung die Schnur entlang, alle 30 Zentimeter schiebt sie Erde auseinander, setzt kleine Kohlrabi-Pflanzen in die Löcher und drückt alles fest.

Sie begeistert die soziale Komponente an der Arbeit: „Ich treffe gern die Leute – auch beim Kisten-Abholen.“ Und sie findet gut, dass die Arbeit freiwillig ist. Einmal im Monat informieren Jörgs per Mail darüber, was auf dem Acker los ist und laden die SoLaWi-Mitglieder zur Arbeit ein. Wer sich interessiert zurückmeldet, bekommt Anfang der Woche die Termine für Arbeitseinsätze. Das System ist noch neu. „Letztes Jahr haben wir so ziemlich alles alleine gemacht. Das ist uns fast über den Kopf gewachsen“, sagt Barbara. In der Jahressitzung im Dezember hat der Bauer das Thema angesprochen. Die Mitglieder haben ihre Hilfe angeboten und das System festgelegt. „Es klappt gut. Meistens verteilen sich zehn bis zwölf Leute auf die vier Monatswochen. Die, die helfen, helfen gern. Die anderen haben wenig Zeit“, erklärt sie.

Wunderwaffe Mulch

Die Kohlrabis sind nun alle unter der Erde. Barbara streut noch geschnittenes Gras um die Pflänzchen. Überall auf dem Feld liegt der angegraute Mulch. Nach typischem Bauerngarten sieht das nicht aus, spart aber die Bewässerung und hält CO2 im Boden. Außerdem sorgt der Mulch für ein gleichmäßiges Bodenklima. Der Boden verschlammt nicht so stark und wird nicht so sehr abgetragen. „Der Mulch fördert den Humusaufbau und das Bodenleben“, erklärt die 46-jährige Bäuerin. Ein wahres Wundermittel scheint das zu sein. Die Pflanzen sehen zumindest gut aus. Die Brokkoli-Blätter stehen bereits wadenhoch. „Der ist nächste Woche so weit“, sagt Jörg. „Man sieht zwar noch keine Röschen, aber das geht jetzt ganz schnell.“ Außerdem gibt es Blaukraut, Weißkraut, Spitzkraut, Wirsing, Lauch, Spinat, Gelbe Rüben, Pastinaken, Tomaten, Zucchini und Petersilie. Die Jörgs holen sich Unterstützung von einem Anbauberater von Bioland. Der hat zunächst Bodenproben gezogen, und untersucht, ob Standort, Hangneigung, Bodengüte und Ausrichtung überhaupt zum Gemüseanbau taugen. Er erstellt den Anbauplan, gibt Tipps und sagt, wann Termine anstehen, zum Beispiel für die Ausbringung der verdünnten Gülle.

Vor der Garage blättern Stadelmann und die Bäuerin, die inzwischen ihre Schuhe ausgezogen hat, in einem blauen Leitz-Ordner. „Ich bin auf der Suche nach einem Rezept für Kohlrabi“, sagt Stadelmann. Der Fundus reicht von Blumenkohl-Gratin bis Fenchel-Sellerie-Risotto. Barbara lacht: „Fenchel ist nicht so beliebt; seinen Anbau mussten wir schon reduzieren.“ An der Biertisch-Garnitur sitzt eine Nachbarin der Jörgs. Ihre Mutter ist allergisch gegen gespritztes Gemüse. Beim Spazierengehen hat sie das Gemüse-Feld entdeckt und ist seit diesem Jahr dabei. „Gut, dass wir uns beim Abholen über Rezepte austauschen können“, findet sie. Im Oktober können die Mitglieder die Vielfalt auch schmecken. Da feiert die Gemeinschaft ein Erntedankfest, bei dem jeder ein Gericht aus dem Ackergemüse mitbringt. „Letztes Jahr hatten wir dreierlei Rote-Bete-Suppen, und jede war anders“, sagt Barbara.

Gezahlt wird immer

Nach und nach wird der Garagenvorplatz immer voller. Leute umarmen sich, erzählen vom Urlaub. Kinder fahren mit Tretbulldogs um die Wette. Der Bauer kommt mit einem runden Tablett aus dem Haus. Die kurzen Haare sind von der Sonne ausgebleicht und kräuseln sich, der Dreitagebart ist leicht angegraut. Jörg bietet allen Kaffee an und gießt ihn aus der Isolierkanne in Frühstückstassen. Mehrmals holt er Nachschub, begrüßt Neuankömmlinge, beantwortet Fragen. „Hier erleben wir, wo das Essen herkommt“, sagt einer, der manchmal auf dem Acker hilft. „Ein Wahnsinn, wie viel Arbeit das ist. Allein die Kartoffeln…! Und dann den frisch geschnittenen Salat in Händen halten – richtige Glücksgefühle habe ich dabei.“ Er lacht. Für Jörg ist ein Bauernhof viel zu schade, um nur Nahrungsmittel zu produzieren. Vielmehr könnten „Konsument und Produzent aus der Anonymität herauskommen und zusammenfinden.“ Und dem Helfer gefällt, dass der Bauer das Risiko einer schlechten Ernte nicht alleine tragen muss: „Wird viel geerntet, profitieren alle, gibt es wenig, haben alle weniger – gezahlt wird immer“, erklärt er.

Mit dem Gemüse verdienen die Jörgs genauso viel wie mit der Milch, betrachtet man die eingesetzten Arbeitsstunden. Die Familie notiert die Stunden auf dem Feld plus die Kosten für Sämereien, Gerätschaften und Berater und bilanziert am Ende des Jahres, wie sie mit dem Geld der SoLaWi-Mitglieder klar kommt. Den Beitrag passen sie falls nötig im nächsten Jahr an. Andere Landwirte sagen, dass für den Aufwand zu wenig hängen bleibt. Aus finanziellen Gründen haben sich Jörgs aber nicht zu dem zweiten Standbein entschlossen. Es ist vielmehr die Konsequenz ihrer kritischen Sicht auf die Entwicklungen in der Landwirtschaft. „Das ist ein Scheiß-Gefühl, eine Kuh zu einem großen Schlachthof zu bringen, die zehn Jahre in deinem Stall gestanden und Milch gegeben hat“, sagt Jörg. Noch steckt die Familie „im System“. 38 Kühe leben im Moment auf dem Hof. Die Zweigleisigkeit und die viele Arbeit sind aber schon ein Problem. Die Zeit, die Jörgs mit den Kindern verbringen, könnte mehr sein, wie er sagt. Er sieht es kritisch, dass die zusätzlichen Standbeine wie Urlaub auf dem Bauernhof oder Direktvermarktung zu noch mehr Arbeit führen, statt zu weniger. Viele Landwirte entscheiden sich derzeit zu einem solchen Standbein, um sich über Wasser zu halten.

Tochter Magdalena und Abiturient Jakob haben sich zu den SoLaWi-Mitgliedern gesellt. Jakob ist über seine Mutter zur Gruppe gestoßen.

Die Verbindung spüren zum Ganzen

Die wiederum kennt Hubert Jörg über die Zen-Meditationsgruppe in Durach. „Ja, a bissle Yoga“ macht er auch, sagt der Bauer, „durch die Meditation verändert sich der Blick aufs Ganze.“ Magdalena ist mit 19 Jahren die zweitälteste von insgesamt sechs Kindern. Sie absolviert gerade ein Jahrespraktikum auf einem Hof mit Reittherapie. Sie findet es „cool“, dass die Eltern das System hinterfragen und dann auch ändern, was ihnen nicht passt. Grinsend zeigt sie auf ein Fahrrad, auf dem eine der grünen Kisten fest installiert ist. „Der ökologische Gedanke macht Schule in der Gruppe, kommentiert der Bauer, „am Freitag stehen immer weniger Autos bei uns auf dem Hof.“ Eine dreiköpfige Familie aus der Gemeinschaft verkauft ihr Fahrzeug jetzt komplett – im Allgäu eigentlich undenkbar.

Das Fahrrad gehört Timo Körber, der früher auf dem Jörghof Milch geholt hat. Mittlerweile leben er und seine Frau vegan. „Seit wir das SoLaWi-Gemüse essen, malen unsere Kinder die Karotten nicht mehr lang, sondern mit einem riesen Bauch und kurzer Spitze“, freut er sich. Für Körber und seine Frau steht das große Ganze im Mittelpunkt: „Wirtschaftet man intensiv, aber ökologisch, ist der Flächen- und Energieverbrauch für die Erzeugung von Gemüse geringer als für eine vergleichbare Menge an konventionellem Gemüse“, erklärt er. Der Energieverbrauch des Traktors, mit dem gedüngt und gespritzt wird, fällt weg; die Dünger-Herstellung ebenfalls. Außerdem könnten konventionelle im großen Stil hergestellte Produkte nur so günstig sein, weil in ihren Preis die Folgeschäden der intensiven Bewirtschaftung gar nicht einberechnet seien: unfruchtbare Böden, Fischsterben, Rodung von Wäldern, das alles müsse die Gesellschaft in späteren Jahren bezahlen.

Aus jedem Eck kommt ein Talent

Rums, macht es da plötzlich. Kurz herrscht Stille. Bis es aus der Garage tönt: „Ich wars!“ Die restlichen Kisten sind von der Konstruktion gerutscht. Salat, Radieschen und Kohlrabi liegen auf dem Boden. Mehrere Mitglieder klauben alles auf stellen die Kisten zurück. „Mir gefällt der Zusammenhalt in der Gruppe“, sagt Jörg, „jeder bringt sich auf seine Weise ein.“ Das Schlüsselbrett mit den Namensschildern hat jemand ausgetüftelt und gebastelt, einer hat einen Fragebogen erstellt und ausgewertet. „Und ich lerne von den Leuten die Wertschätzung der einfachen Dinge, die für mich ganz selbstverständlich waren: Zum Beispiel wenn sie vor der Kiste stehen und über das ganze Gesicht strahlen.“ Dass er die Wertschätzung nicht schon früher aufbrachte, findet der Landwirt kritisch an seiner eigenen Entwicklung. Erst seit 2009, als die Familie auf Bio umgestellt hat, verändert sich seine Sicht immer mehr, sagt er.

Barbara Jörg klopft ihrem Mann auf die Schulter: „Also ich fange jetzt an mit dem Melken. Wahrscheinlich krieg‘ ich nicht eine einzige Kuh; alle Kinder, die mir beim Eintreiben helfen könnten, sind weg.“ Er kommt auch gleich, verspricht der Bauer und steht auf. Er wirft noch einen Blick in die Garage. Alle Kisten sind weg, das Schlüsselbrett ist leer. „Wenn es so einen Acker vor jedem Dorf geben würde, das fände ich super“, sagt er.

Wissenswert

• 1988 wurde die erste SoLaWi auf dem Buschberghof in Schleswig Holstein gegründet. Heute versorgen sich dort 95 Familien nicht nur mit Gemüse, sondern auch mit Brot, Milch, Käse, Butter, Joghurt, Eiern und Fleisch.

• Seit 2010 ist die Zahl der SoLaWis in die Höhe geschossen. 2015 gab es in Deutschland bereits 77 Höfe, 91 waren damals in Planung.

• Die Idee hat Anhänger auf der ganzen Welt gefunden. In den USA sind es rund 12.000 solidarische Höfe. In Frankreich haben sich ganze 2500 Gruppen zusammengefunden (Stand: 2015, Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne)

• Auch im Allgäu steigt die Zahl der SoLaWis mit unterschiedlichen Organisationsformen, viele befinden sich im Aufbau; eine Auswahl: SoLaWi Unterthingau, SoLaWi Bad Waldsee, SoLaWi Ravensburg, SoLaWi Kornhofen-Bad Grönenbach, Lisa Hartmann und Willi Ederle Wildpoldsried, Gemeinschaftsgarten in Dietmannsried-Überbach, Solidarisches Gemüsehaus in Rot a.d. Rot,…

• Jeden zweiten Dienstag im Monat trifft sich der Permakulturstammtisch ab 19.30 Uhr im Gasthaus Hirsch in Betzigau, Kontakt: Josef Kraus 08304/53 62, Bernhard Kiesling 08361/92 59 940, www.permakulturfreunde-allgaeu.de

Weiterführende Literatur

www.solidarische-landwirtschaft.org; auf der Internetseite des Netzwerks solidarische Landwirtschaft werden das Konzept und ausführlich die Schritte zur Gründung einer SoLaWi erklärt. Nützliche Materialien gibt es zum Download.

• „Brauchen Lebensmittel einen Preis?“, Artikel erschienen in ZEIT WISSEN Nr. 3/2015 (kostenlos online)

• „Höfe der Zukunft“ von Trauger Groh: Buchklassiker von einem der SoLaWi-Pioniere vom Buschberghof (Verlag Lebendige Erde, Darmstadt 2013)

• „Die Humusrevolution“ (Ute Scheub/Stefan Schwarzer, oekomverlag, München 2017): Buch mit interessanten Fakten, Interviews und Handlungsanregungen, um die Welt zu retten

• „Tomorrow“, bemerkenswerter Dokumentarfilm über kleinstrukturierten Gemüseanbau auf der ganzen Welt, ausgezeichnet mit dem César.

WWF-Report „Fleisch frisst Land“ zum Download im Internet.

• „Vegetarier sind die besseren Umweltschützer“, Artikel erschienen auf ZEIT ONLINE, kostenlos einsehbar.

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