"In Asien ist die Hölle los"

Auslandsexperte Ingmar Niemann spricht zu Nordkorea und Ostasien 

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Aufschlussreich war der Fachvortrag „Die koreanische Halbinsel – eine Krisenregion vor der Eskalation“ von Hochschuldozent Dipl. Sc. Pol. Univ. M.A. Ingmar Niemann in der Hochschule Kempten, zu dem sich rund 120 Zuhörer einfanden.

Kempten – Derzeit wird in den deutschen Medien die Lage im Nahen Osten diskutiert. Allerdings steigt auch in Ostasien das Konfliktpotential. Der vom US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump spöttisch als „Raketenmann“ bezeichnete nordkoreanische Herrscher Kim-Jong-un schickt sich an, eine weitere dauerhafte Krisenregion in der Welt zu erschaffen. Dabei ist sein Land eingebettet in eine Region, die bis auf den heutigen Tag geprägt ist von der Auseinandersetzung des Kalten Krieges. Zu diesem Thema referierte der renommierte Politikberater und Hochschuldozent Dipl. Sc. Pol. Univ. M.A. Ingmar Niemann auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung in der Hochschule Kempten. Wie bei vorangegangen Veranstaltungen stieß auch der Vortrag „Die koreanische Halbinsel – eine Krisenregion vor der Eskalation“ auf reges Interesse und es fanden sich rund 120 Zuhörer in der Hochschule ein.

Korea ist noch heute ein zweigeteiltes Land. Entlang des 38. Breitengrades teilt es sich in einen nördlichen Landesteil, der unter der Kim-Dynastie steht und dessen Gesellschaftsordnung sich an die stalinistische Variante des Kommunismus anlehnt. Der südliche Teil ist heute nach einer 27-jährigen Phase als „Entwicklungsdiktatur“ demokratisch und kapitalistisch geprägt. Niemann wirft in seinem Referat die Frage auf, ob analog zur Geschichte Deutschlands, auch in Korea mit einer Wiedervereinigung zu rechnen ist. Im Verlauf seiner Ausführungen zeigt der Auslandsexperte auf, dass sich in Korea die Dinge grundlegend anders verhalten. Anders als Deutschland war Korea nur in der Zeit von 1897 bis 1910 ein eigenständiges Kaiserreich. 

Blutige Geschichte

Zu Beginn seiner Entstehung war Korea ein Vasallenstaat des Mongolischen Reiches, bevor die ostasiatische Halbinsel für lange Zeit Teil Chinas wurde. 1905 wurde Korea zum Protektorat des Japanischen Kaiserreiches, aus dem es sich erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges befreien konnte. 1948 teilte sich das Land auf in einen pro-sowjetischen Norden und einen pro US-amerikanischen Süden. 

Die Einflussnahme der Siegermächte des 2. Weltkrieges, der Sowjetunion und Chinas im Norden und der USA im Süden, führte in den Jahren von 1950 bis 1953 zum Koreakrieg. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen Nordkoreas mit Unterstützung seiner Schutzmacht Chinas, wurden die in Südkorea stationierten UN-Truppen bis auf einen Brückenkopf in Busan zurückgedrängt. Nach Kriegseintritt der USA wendete sich das Blatt. Bis zur chinesischen Staatsgrenze stießen die US-Streitkräfte vor, bevor ein von China aufgestelltes „Freiwilligenheer“ die Amerikaner bis zur heutigen Demarkationslinie des 38. Breitengrades zurückdrängte.

Fremdgesteuerte Systeme

Seitdem haben sich beide Landesteile unabhängig voneinander entwickelt. Südkorea durchlief eine Phase als „Entwicklungsdiktatur“ und ist heute eine kapitalistisch geprägte Demokratie, in der einige von großen Familienclans geführte Großkonzerne wie unter anderem Samsung, LG, Daewoo, Ssangyong, Hyundai die Geschicke des Landes bestimmen. 

Nordkorea geriet unter die Herrschaft des Kim-Il-sung, auf den auch die heutige Zeitrechnung des Landes zurückgeht. Politisch hatten die Sowjets das Sagen, was eine Ausrichtung hin zum Kommunismus stalinistischer Ausprägung bis in die heutige Zeit begünstigte. Entgegen der Politik Chinas, die in den letzten Jahren durch wirtschaftliche Reformen, den Wohlstand innerhalb der eigenen Bevölkerung vermehren konnte, ist Nordkorea bis heute ein bettelarmes Land geblieben, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 960 Dollar und einem riesigen Militärapparat, der ein Viertel des BIP verschlingt und in dem 1,2 Millionen Soldaten dienen (Anm. Bundeswehr 2018 180.000 aktive Soldaten). 

Dieser Umstand führte, so Niemann, zu einer „Erpressungsdiplomatie“ seitens Nordkoreas gegenüber dem Westen. Immer wieder kommt es durch Nordkorea zu absichtlichen militärischen Provokationen, um dann für in Aussicht gestellte Zugeständnisse dringend erforderliche Güter wie Erdöl und Getreide zu erhalten, die einen Fortbestand der Kim-Dynastie sichern. Dabei stellt nicht nur Niemann das tatsächliche militärische Bedrohungspotential Nordkoreas in Frage. Augenscheinlich aber soll nun dem erpresserischen Verhalten Nordkoreas durch den Westen ein Ende bereitet werden.

Wiedervereinigung unmöglich

Nordkoreas Führung zeigte sich zuletzt kompromissbereit gegenüber den Forderungen des Westens, nahm Teil an der Winterolympiade in Südkorea und spricht sogar offiziell von einer möglichen Wiedervereinigung. Allerdings hält Ingmar Niemann eine solche für völlig utopisch. Nordkoreas Produktivität beträgt nur fünf Prozent des südkoreanischen Niveaus, das Pro-Kopf-Einkommen beläuft sich im Norden auf jährliche 960 Dollar, im Süden auf 23.000 Dollar. Käme es zu einer Wiedervereinigung, würde Nordkorea implodieren und der südkoreanische Staat mit den exorbitanten Kosten einer Vereinigung völlig überfordert sein. Entgegen dem Main-

stream glaubt Niemann nicht an eine militärische Konfrontation der beiden Supermächte China und USA. „Die einflussnehmende Entourage des US-Präsidenten setzt sich zunehmend zusammen aus Vertretern des US-Miltärs, die klug genug sind, eine direkte militärische Konfrontation mit China zu vermeiden“, so Niemann. Eine Lösung der Spannungen sieht der Referent eher in der Option, den maximalen Druck auf Nordkorea aufrechtzuhalten, gleichzeitig aber das Land wirtschaftlich zu unterstützen und analog zu China wirtschaftliche Reformen einzuführen, die es der Bevölkerung ermöglichen, für sich selbst mehr Wohlstand zu erwirtschaften. Nur wenn sich die düstere Lebensperspektive des einzelnen Nordkoreaners ändert, bestünde die Möglichkeit, langfristig die beiden koreanischen Landesteile anzunähern.

Wie bei seinen anderen Vorträgen lud der Auslandsexperte auch diesmal seine Zuhörer im Anschluss zu einer Diskussion ein, an der sich viele Zuhörer lebhaft beteiligten. Dabei wurden viele Fragen zur gesamten Krisenlage Ostasiens gestellt, die neben dem Hotspot Nordkorea unter anderem noch Konflikte Chinas mit seinen Nachbarn Taiwan, Philippinen und Vietnam bereithält.

Jörg Spielberg

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