Ausnahmsweise im Mittelpunkt

Geschwister – sie können manchmal ganz schön nerven. Brüder oder Schwestern mit einer Behinderung sind da nicht ausgenommen. Allerdings wird von den „gesunden“ Geschwistern immer Rücksichtnahme, Verständnis, Fürsorge erwartet. Immer nur im Schatten der Geschwister mit Behinderung zu stehen, tut nicht gut, daher hat die Lebenshilfe Kempten über die Offenen Hilfen nach einer langjährigen Pause ihr Geschwisterprojekt aktiviert.

Unter dem Motto „Heute nur ich“ erlebten jetzt 14 Kinder im Alter von sieben bis 12 Jahren einen Tag, an dem es in der Hauptsache nur um sie ging. „Der Tag hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, neben den Kindern mit Behinderung auch die Bedürfnisse der Geschwisterkinder in den Familien zu sehen“, berichteten dazu Christine März, Leiterin der Offenen Hilfen, und Sozialpädagogin Monika Willert. Gemeinsam mit zwei ehrenamtlichen Helfern veranstalteten die beiden Fachkräfte den Geschwistertag. Mit fünf Mädels und neun Buben ging es per Zug nach Haslach am Grüntensee. „Für ein Mädchen war beispielsweise das bereits eine Premiere. Sie war noch nie mit dem Zug unterwegs“, berichtete Willert. Von Haslach aus unternahm die Gruppe, die erst noch zu einer zusammenwachsen musste, eine Wanderung zum See. Im Wald gab es Kennenlernspiele. Nach dem gemeinsamen Mittagessen ging es in den Tiefblick-Kletterwald „Grüntensee“. „Erlebnispädagogik ist ein guter und wirksamer Ansatz, um Zutrauen, Zuhören, Zusammenwachsen aufzubauen. Dies sind elementare Eigenschaften, mit denen die Heraus-forderungen beim Klettern gemeistert werden können“, weiß Monika Willert. „Das aufeinander Schauen im Klettergarten war für die Geschwisterkinder gar kein Problem. Sie sind in ihren Sozialkompetenzen sehr sensibel und diese werden auch schon früh bei ihnen eingefordert.“ Nach Lust und Laune konnten die Geschwister ihren ganz eigenen Wünschen nachgehen. Und noch etwas war möglich: nachdem jeder von seinem Geschwister erzählt hatte, durfte man auch mal sagen, was stört oder „nervt“ – ohne sofort angemahnt zu werden. Starker Zusammenhalt „Es war zu sehen, dass die Teilnehmer sich in der Gruppe verstanden fühlten. Sie erlebten, es geht anderen ähnlich wie mir“, resümierte Monika Willert. Folglich war es kein Wunder, dass einige ihre Adressen austauschten und nach dem Geschwistertag in Kontakt bleiben möchten. Laut Willert soll so ein Geschwistertag künftig wieder regelmäßig stattfinden. Bei der Rückfahrt mit dem Zug gab es noch ein weiteres Highlight. Die Mädchen und Buben, durch das Erlebnis im Klettergarten zusammengeschweißt, trauten sich, beim Zugführer im Führerhaus anzuklopfen – und durften dann tatsächlich bei ihm im Führerhaus stehend in den Kemptener Bahnhof „ein-laufen“. „Ein toller Tag“, kommentierte ein Bub. „Endlich mal was nur für mich.“

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