Bildung und Betreuung im Schatten der Pandemie

Ausschuss berät über Modellschule in Kempten

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Alles gemeinsam: Unterricht, Mittagessen, Hausaufgaben und Sport

Kempten – In seiner Juli-Sitzung informierte sich der Ausschuss für Schule und Sport über das bayerische Modellprojekt „Kooperative Ganztagsbildung“.

Marion Haugg, Leiterin des Amtes für Kindertagesstätten, Schulen und Sport, erklärte, die Stadt Kempten wolle an diesem Pilotversuch mit mindestens einer ihrer Grundschulen teilnehmen und habe, nachdem sich der Jugendhilfeausschuss im März letztlich dafür ausgesprochen hatte, im April eine Bewerbung an das Bayerischer Sozialministerium gerichtet. Eine Antwort stehe noch aus.

Falls Kempten Erfolg hat, könnten die Erfahrungen der nächsten Jahre auch für die projektierte zehnte Grundschule am Aybühlweg interessant sein (Kreisbote vom 11. Juli). Die Ideen, die Thomas Baier-Regnery, Referent für Jugend, Schule und Soziales, bisher für Gebäude, Gelände und Schulalltag skizziert hat, passen gut zum Modell der Kooperativen Ganztagsbildung. Das Konzept, das die Grundschule am Pfanzeltplatz in München bereits seit dem Schuljahr 2018/19 erprobt, soll an insgesamt 30 Modellschulen verwirklicht werden und in Zusammenarbeit mit dem Bund sicherstellen, dass die bayerischen Kommunen bis 2025 den im Koalitionsvertrag vereinbarten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter erfüllen können. An den ausgewählten Schulen werden alle Kinder von Montag bis Freitag mittags verköstigt und bis 18 Uhr betreut, sowohl während der Schulzeit als auch in den Ferien. Das Betreuungsangebot kann mit dem Unterricht in Ganztagsklassen kombiniert und „rhythmisiert“ werden, gilt aber auch für Kinder, die nach dem Vormittagsunterricht in „flexiblen“, klassenübergreifenden Gruppen gemeinsam essen, Hausaufgaben machen und ihren Freizeitbeschäftigungen nachgehen – je nach dem, wie sich die Berufstätigkeit der Eltern und das Familienleben am besten vereinbaren lassen. Während die rhythmisierte Variante für die Eltern kostenlos ist, müssen sie für die flexible kooperative Ganztagsbetreuung einen finanziellen Beitrag leisten, wobei, ähnlich wie bei Kindertageseinrichtungen, die individuellen Voraussetzungen des einzelnen Kindes ebenso wie die Bedürftigkeit der Familie durch Fördergelder oder eine Kostenübernahme berücksichtigt werden können.

Das Modellprojekt will aber nicht nur eine große zeitliche Flexibilität bieten, sondern auch die übrigen Vorteile der bisherigen Ganztagsbetreuungsformen vereinen und weiterentwickeln: Leitidee der Kooperativen Ganztagsbetreuung ist die enge Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe „auf der Basis einer staatlich-kommunalen Verantwortungsgemeinschaft“ für den gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Das Lehrerkollegium der Modellschule und der Ganztagskooperationspartner – ein freigemeinnütziger Jugendhilfe-Träger, die Stadt Kempten selbst oder ein anderer geeigneter Träger – entwickeln gemeinsam pädagogische Konzepte und gestalten den (Schul-)Alltag in einem eng „verzahnten“ Team. Auch Sportvereine, Musik- und Kunstschulen können als Bildungspartner mitwirken. Dabei legt die Staatsregierung als Initiatorin des Projekts besonderen Wert „auf eine erfolgreiche Inklusion und Integration sowie die Entwicklung einer Partizipationskultur“. LehrerInnen und sozialpädagogische Fachkräfte sollen auch mit den Eltern eine „enge Erziehungspartnerschaft“ pflegen und das nachbarschaftliche, sozialräumliche Umfeld der Schule in die Gestaltung des Schullebens miteinbeziehen. Während der Jugendhilfeausschuss im Frühling auf das neue Modell mit viel Kritik, Zweifeln und Vorbehalten reagiert hatte (Kreisbote vom 12. März), scheint inzwischen nicht nur Erna-Kathrein Groll (Bündnis 90/Die Grünen) die Kooperative Ganztagsbetreuung als „tolle Chance“ zu betrachten, in der Schule „das ganze Leben abzubilden“ und „Kinder wahrzunehmen wie sie sind“. Darauf habe Kempten lange hingearbeitet.

Homeschooling bringt überraschende Impulse

Vor diesem Ausblick auf eine mögliche Schule der Zukunft hatte Haugg die Sitzung mit ihrem „Bericht zur schulischen Situation während der Corona-Pandemie“ eröffnet. Sie schilderte die Entwicklung der letzten Monate von der Schließung der Schulen über die allmähliche Ausweitung der Notfallbetreuung bis zur schrittweisen Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts und äußerte die Hoffnung, dass nach den Herbstferien, ab 8. September, wieder alle SchülerInnen „unter Aufhebung der Abstandsregelungen“ die Schule besuchen könnten. Derzeit erhalte noch immer abwechselnd jeweils die Hälfte einer Schulklasse digitalen Heimunterricht. Die technische Ausstattung, die Kapazitäten der Kommunikations- und Videokonferenzsysteme sowie Kenntnisse und Erfahrungen in Sachen E-Learning habe man gemeinsam mit den Schulen und dem Kultusministerium seit dem Frühjahr „sukzessive ergänzt und erweitert“.

Julius Bernhardt (Future for Kempten) erkundigte sich, ob diese teils neu geschaffene Basis für den Fernunterricht in den nächsten Wochen „heruntergefahren“ werde oder ob man sie „vorhalte“, um besser vorbereitet zu sein, falls es zu einer zweiten Pandemiewelle kommen sollte. Außerdem interessiere es ihn auch unabhängig vom weiteren Infektionsgeschehen, wie die Voraussetzungen für computergestützes Lernen in der prämierten Digitalen Bildungsregion Kempten verbessert und weiterentwickelt werden sollen. Baier-Regnery erläuterte, die ursprünglich anvisierte „digitale Revolution“ habe sich durch den plötzlichen Stillstand des analogen Schullebens in eine „digitale Explosion“ verwandelt: Innerhalb weniger Wochen habe die Stadt den Bedarf ihrer Schulen erfragt, ausrangierte und schuleigene Tablets oder ähnliche Geräte seien SchülerInnen für den Gebrauch daheim zur Verfügung gestellt worden und in der nächsten Stadtratssitzung Ende Juli werde eine „adäquate“, sechsstellige Summe an Fördergeldern von Land und Bund vergeben, um so schnell wie möglich sowohl die Schulen als auch einzelne SchülerInnen besser auszustatten.

Dem Antrag von Dr. Dominik Spitzer (FDP) zur Bildung eines Zweckverbands „Schule Digital“, an den Barbara Haggenmüller (Bündnis 90/Die Grünen) erinnerte, und dem Vorschlag von Prof. Dr. Robert F. Schmidt (CSU), ein Zentrum für digitale Lehrerfortbildung zu gründen, erteilte Baier-Regnery eine Absage. Anders als der von Spitzer beispielhaft genannte digitale Zweckverband des Landkreises Günzburg werde ein entsprechender Verbund in Kempten 28 Gemeinden und 40 Grund- und Mittelschulen sowie zusätzliche weiterführende Schulen umfassen. Eine solche „Konstruktion“ löse „ganz viel Abstimmungsbedarf“ aus, und würde nicht zu den erhofften Synergien führen, sondern der digitalen Offensive eher „Schlagkraft nehmen. Die Weiterbildung der LehrerInnen könnten die Kommunen auf Dauer alleine ebenso wenig „stemmen“ wie die technische Pflege und regelmäßige Erneuerung der Hardware. Die Stadt könne „Ansprechmöglichkeiten“ schaffen, sei aber auf die Unterstützung des Freistaats angewiesen. Denn die Definition digitaler Bildungsziele, so Oberbürgermeister Thomas Kiechle, der seinem Referatsleiter beipflichtete, komme der Konzeptionierung von Schulbuchinhalten gleich und übersteige „die Aufgaben eines Sachaufwandträgers“. Auf den Städtetagen komme es immer wieder zu „harten Auseinandersetzungen“ um diese „Folgekosten“ der Digitalisierung.

Sportförderung

Abschließend erklärte sich der Ausschuss einstimmig einverstanden mit der von Haugg vorgeschlagenen Verteilung der Barzuschüsse für das Wettkampfjahr 2019 an die Kemptener Sportvereine. Die Verwaltung hatte in Abstimmung mit den Sportbeauftragten und dem Stadtverband der Sportvereine 160. 000 Euro vergeben. Im Vergleich zum Vorjahr 2018 sind im Haushalt 20.000 Euro mehr veranschlagt worden, um, fünf Jahre nachdem die Fördersumme zuletzt erhöht worden war, die Steigerung der Lebenshaltungskosten auszugleichen. Vereinseigene Sportanlagen bezuschusst die Stadt mit 30 Prozent, die Kosten für Wettkämpfe, angemietete Sportstätten und Flutlicht mit 74,3 Prozent. Außerdem erhalten die Vereine für jedes jugendliche Mitglied eine Grundförderung von vier Euro, insgesamt 18.124 Euro. Auch wenn derzeit angesichts der befürchteten Infektionsgefahr keine Wettkämpfe stattfinden, haben die Turn- und Sportvereine, seit wieder trainiert und gespielt werden darf, wegen der Hygieneauflagen einen finanziellen Mehraufwand. Ein Gespräch mit den Vereinen über die neue Situation sei bereits verabredet, berichtete Haugg. Nach dem aktuellen Stand einer ganzen Reihe laufender sportlicher Projekte erkundigte sich Alexander Buck (Freie Wähler): So erfuhren die Ausschussmitglieder von Baier-Regnery, dass die Sporthalle an der Westendstraße bereits früher als geplant fertig saniert sein werde, da die Handwerker während des Lockdowns mehr freie Kapazitäten gehabt hätten. Für die geplante Dreifach-Turnhalle am Hildegardis-Gymnasium werde man noch in diesem Monat erste Entwürfe vorlegen.

Antonia Knapp

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