Außergewöhnliche Lesung

Mindestens sieben Kopfkissen habe sie gekauft, weil ihr hier keines bequem genug war, erzählt Maria Adela Morán Stief, Migrantin aus El Salvador. Ihre Geschichte und die dreier weiterer Migrantinnen wurden am Wochenende im Haus International im Rahmen einer Lesung autobiografischer Texte vorgetragen.

Als Adela wegen ihres Mannes nach Deutschland kam, war der Schnee ziemlich kalt, die lange Helligkeit störte sie sehr und sie hatte keine Freunde. Erst über einen Deutschkurs fand sie Anschluss an die Gesellschaft. Vor allem der Dialekt im Allgäu habe ihr Probleme bereitet. „Ich ging auf die Straße und verstand nichts!“ Ein weiteres Problem sei die Arbeitssuche gewesen. „Selbst nach einem Computerkurs wurden meine Bewerbungen immer wieder abgelehnt“, so Adela. Zur Zeit gibt sie Spanischunterricht an der VHS. Wenn sie gewusst hätte, wie schwierig alles werden würde, hätte sie es vielleicht anders gemacht, gab Adela zu denken. Trotzdem sei es ein großes Abenteuer, im Ausland zu wohnen. Für die Philippina Chato Bellmer von der Insel Leyte, die seit 1982 in Deutschland verheiratet ist, sei es ein großes Privileg, zwei Heimaten zu haben ohne dabei die wahre Identität zu verlieren. Bis zu ihrer jetzigen Situation – sie ist als Dolmetscherin tätig, arbeitet in der Ambulanten Pflege und ist Kinderbetreuerin bei einem großen Unternehmen – sei es „Eine lange Reise“ gewesen. So lautet auch der Titel ihrer Geschichte. "Störung der Landschaft" Selma Sousa Diel aus Natal im Nordosten Brasiliens hatte anfangs vor allem mit der Sprache Schwierigkeiten. Zum Beispiel war sie einmal aus Versehen mit dem Zug in die entgegen gesetzte Richtung gefahren, bis der Schaffner, der sich angesichts ihres Heimatlandes über „Pelé, Pelé, Fußball“ freute, ihr netterweise den Weg wies. „Dadurch lernte ich den Unterschied zwischen den kleinen Wörtern ‚von_ und ‚nach_“, so Selma. Die Berge habe sie zuerst als „eine Störung der Landschaft“ empfunden, doch inzwischen sehe sie diese als „Sicherheit“. Als Selma in Deutschland zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sah, da habe sie ihn „angefasst, probiert und immer wieder einfach nur gelacht“. Ganz ungewohnt für sie war auch das unüberschaubare Angebot in deutschen Bäckereien gewesen. Von ihrer Heimat kannte sie das nicht. „Roggenmischbrot, Weizenbrot, Allgäuer Hausbrot – ich war völlig überfordert. Am Schluss habe ich mich für Baguette entschieden“, erzählte Selma über ihren ersten Besuch in einer deutschen Bäckerei. Nadezhda Krainenko verarbeitete in ihren autobiografischen Texten vor allem die Motive und Wege ihrer Reisen zwischen Kasachstan, ihrem Geburtsland, und Deutschland. Das erste Mal kam sie als Au-pair-Mädchen nach Deutschland. „Ich hatte die Freiheit zu gehen, weil ich in Kasachstan an nichts gebunden war.“ Alle ihre Freundinnen dort seien mit 24 Jahren bereits verheiratet gewesen und haben Kinder gehabt, nur sie nicht. In Kasachstan sei das nicht gerne gesehen. Nach dem Jahr bei ihrer Gastfamilie kehrte sie nach Kasachstan zurück, entschloss sich jedoch ein halbes Jahr später, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Die Ankunft sei „mächtig und erdrückend“ gewesen. Die Texte der Migrantinnen entstanden in den Schreibwerkstätten der „In Via Kofiza“ Landesstelle Bayern, einem Förderungs- und Integrationszentrum für außereuropäische Frauen und deren Familien. Die Lesung in Kempten war der bayernweite Auftakt für eine Reihe weiterer Lesungen im Freistaat. Sie „sollen die Begegnung und den Austausch zwischen Migrantinnen und der einheimischen Bevölkerung fördern“, so der Caritas-Fachverband.

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