Ausstellung zum Thema Wahrnehmung

"Fake" oder Realität?

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Christian Hof (re.) vor Fotobildern aus seiner Reihe „Mordmotive“ im Gespräch mit Kulturamtsleiter Martin Fink.

Zeigt ein fotografisches Bild die Wirklichkeit oder eine „gezimmerte“ Wirklichkeit? Und wie nehmen wir (Ab-)Bilder wahr. Verzerrt die eigene Wahrnehmung die Realität? Ist Realität allgemeingültig oder etwas Individuelles? Ist sie (zwangsläufig) manipuliert?

Kuratiert hat die mit Werken von fünf mehrfach prämierten Künstlerinnen und Künstlern aus Schwaben bestückte Ausstellung in der Kemptener Kunsthalle mit dem schönen Titel „Filter“ der Kemptener Künstler Christian Hof, der auch selbst mit fünf Werken vertreten ist. In der am gestrigen Freitagabend mit öffentlicher Vernissage gestarteten Gemeinschaftsausstellung nähern sich Hof, Florence Bühr, Pit Kinzer, Wolfgang Mennel und Christine Reiter auf gänzlich unterschiedlichen Wegen der Frage nach der zumindest manipulativen Wirkung fotografischer Bilder. Gezeigt werden nicht nur neue Werke. Für die angenehm luftig präsentierte Ausstellung, in der jedes Werk seine individuelle Wirkung voll entfalten darf, hat Hof einige Bilder aus Privatsammlungen zusammengetragen. Auch manches Werk, das einem noch aus Ausstellungen vergangener Jahre in Erinnerung ist, findet sich hier wieder. Vielleicht ja eine gute Gelegenheit für einen Selbsttest bezüglich der Wahrnehmung – der von damals und der heutigen?

Bei Florence Bühr, Jahrgang 1978, geht es stringent um das Meer. Szenerien, die die Weitgereiste auf ihren Trips so gemacht haben könnte – fast. Denn bei näherem Hinsehen stellt man schnell Ungereimtheiten in den Bildern fest. Da sind Schattenwürfe, die so nicht sein können, Wasserströmungen, seltsame Perspektiven, unwirkliche Übergänge... Bühr ist eine Meisterin der Fotomontage und so verwundert es kaum, wenn Hof ihren Ansatz so erklärt, dass sich ja unsere Urlaube in der Erinnerung auch „verdichten“ zu letztendlich manipulierten, „zusammengestückelten“ Bildern, in denen die Übergänge aus der Realität fehlen.

Wolfgang Mennel, Jahrgang 1955, widmet sich in seiner Reihe „Familienlandschaft“ dem aufpoppen von Erinnerungen durch (und in) Alltagssituationen; zum Beispiel beim Anblick eines bestimmten Puddingbechers, einer Sandform, einer Verpackung für Drucker-Toner... In seiner Installation hat er solchen Dingen aus dem Alltag das Label-Gesicht genommen und statt dessen Bilder aus dem Familienalbum verpasst. Bilder, die oftmals in ähnlicher Form in tausenden anderen Familienalben zu finden sind und ihre Einzigartigkeit nur so lange aufrecht erhalten können, solange es jemanden gibt, der sich an die Personen darauf erinnert.

Ebenfalls aus Mennels Schaffen stammen die drei Fotoarbeiten an der hinteren Wand links, die auf den ersten Blick motivisch identisch zu sein scheinen. Ein näherer Blick offenbart aber eine unterschiedliche Anzahl von Menschen. Welches ist das Original? Mennels Ansatz beschäftigt sich laut Hof mit dem Filter im Kopf, der jeden etwas anderes sehen lässt.

56 der nur stecknadelgroßen Köpfe seiner „Gerngroß Models“ hat Pit Kinzer, Jahrgang 1951, mit einem Makroobjekt portraitiert und in seiner Reihe „Gerngroß Models: Einkommensgrößen A –Z“ aneinandergereiht. Es sind vom Leben gezeichnete Gesichter, denen Kinzer jeweils einen Namen gegeben hat und auch einen Beruf. Das dazu genannte Durchschnittseinkommen hat er im Internet recherchiert – eine „Pseudorecherche“ wie Hof beim Gang durch die Ausstellung meint, geschuldet dem Umstand, dass niemand darüber rede, „was er verdient“. Kinzers Anliegen ist, „das leise Verschwinden unserer urbanen Wertebilder zwischen Leistung und Lohn“ zu zeigen.

Christian Hof, Jahrgang 1970, hat sich in seiner Reihe „Mordmotive“ auf Vorspannsequenzen aus Fernsehkrimis verlegt. Der Eindruck, alle fünf Werke stammen aus ein und demselben abendfüllenden Film trügt. „Die Bilder haben definitiv nichts miteinander zu tun“, betont Hof. Es sind düstere, bedrohlich wirkende Bilder, ähnlich denen aus Überwachungskameras, was der Künstler bewusst unter anderem durch Überlagerungen erzeugt.

Aber warum wirkt ein düsteres Bild, auf dem der Schattenriss eines Mannes erkennbar ist, dessen Taschenlampe – als einzig lichter Moment – einen strahlend hellen Lichtkegel erzeugt, für die meisten Menschen bedrohlich? Hier kann man trefflich philosophieren, ob das Bedrohliche eine reine Kopfsache ist – Dunkelheit konnotiert mit potentieller Gefahr – und auch ob es eine individuelle Sache ist oder etwas mit dem kollektiven Bewusstsein zu tun haben könnte.

Christine Reiter, Jahrgang 1954, ist „so der Störer“ in der Ausstellung erklärt Hof, dass sie als einzige „keine manipulierten Bilder“ zeige, sondern „klassisch, echt geschossene Fotos“, aber jeder hier im Kontext natürlich denke, sie seien ebenfalls „fake“. Ihre Fotoserie zeigt Ausschnitte von ganz normal gestapelten „Eurokisten“, wobei sie lediglich durch verschiedene Techniken besondere Wirkungen erzielt. Bei einigen könnte man meinen, sie seien im Vorbeifahren aufgenommen worden, andere stellen die Struktur der Kisten in den Vordergrund. Für Hof besteht hier ein Reiz darin, herauszufinden, wie aus einer banalen Eurokiste etwas so „Faszinierend-Geheimnisvolles“ entstehen kann.

Wer das aktiv herausfinden möchte, kann sich in der Ausstellung an einem eigens dafür aufgestapelten Eurokisten-Turm versuchen, sofern er eine Kamera dabei hat.

Am 29. Juni findet im Rahmen der Ausstellung außerdem das erste der „Gespräche zur Zeit“ in diesem Jahr statt. Um 19 Uhr diskutieren in der Kunsthalle dann der Historiker, Publizist und Ausstellungsmacher Hannes Heer mit dem Philosophen Dr. Rainer Jehl und dem Künstler Wolfgang Mennel zum Thema „Das erste Opfer ist immer die Wahrheit. Propaganda, Fake News und die Rolle der Medien“.

Die Ausstellung kann noch bis 2. Juli 2017 besichtigt werden, Donnerstag bis Sonntag, jeweils von 15 – 18 Uhr, in der Kunsthalle Kempten, Memminger Straße 5. Die Eintritte für die Ausstellung wie für das „Gespräch der Zeit“ sind frei.

Christine Tröger

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