Wider die ästhetische Leere

Ausstellung in Kempten: Hundertwasser bereichert mit Schönheit und Vielfalt

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In den Genuss einer facettenreichen Führung durch die Hundertwasser-Ausstellung „Schönheit ist ein Allheilmittel“ kamen die Vernissage-Gäste, mit denen Gregor Wörner vom gleichnamigen Verlag und Initiator der Ausstellung, seine profunde Kenntnis des Werks, Künstlers und Mensch Friedensreich Hundertwasser teilte.

Kempten – Die richtige Ausstellung zum richtigen Zeitpunkt. Zumindest war das, mit Blick auf die zahlreichen Bauvorhaben in Kempten, eine Art „running gag“ unter den Vernissagegästen vergangenen Freitagabend im Hofgartensaal der Residenz.

Das lag nicht zuletzt an den dort unter anderem in Architekturmodellen und großformatigen Architekturfotografien gezeigten Bauwerken, die die Handschrift eines der weltweit wohl bekanntesten Maler und Grafiker tragen, der sich zudem als „Architekturdoktor“ verstand. Und es lag ebenso an der Aktualität der Ziele, die Friedensreich Hundertwasser in seinem gesamten Schaffen als Maler, Grafiker, Kunsttheoretiker, politischer Aktivist, Philosoph, Weltverbesserer, ökologischer Visionär, Vorreiter... verfolgte: Er setzte sich dafür ein, das Leben der Menschen mit Schönheit und Vielfalt zu bereichern, für ein Leben in Harmonie mit der Natur und mit individueller Kreativität.

So hatte der als Friedrich Stowasser 1928 in Wien geborene Querdenker beispielsweise ein „Fensterrecht“ für jeden gefordert, d.h. das Recht jeden Bewohners, die Fassade rund um sein(e) Fenster so weit individuell zu bemalen, wie sein Arm reicht, um zu zeigen, dass dort ein Mensch wohnt. Für seine farbenfrohen Spiralen - laut Hundertwasser „das Symbol des Lebensbeginns“ -, geschwungenen Linien (eine gerade Linie ist seines Erachtens „gottlos“), die Zwiebeltürme, Säulen und verschobenen Fluchten ist er von der „seriösen“ Kunstszene vor allem in den 1970er/80er Jahren gern belächelt worden; und so stellt er im auch in der Ausstellung zu sehenden Oskar nominierten Film „Regentag“ des Regisseurs Peter Schamoni fest, er habe „nie zur Wiener Schule gehört, ich war immer ein Außenseiter“. Während andere Künstler es als Degradierung empfinden würden, als „Behübscher“ bezeichnet zu werden, erfüllte es Hundertwasser „mit Stolz“, wie Gregor Wörner vom gleichnamigen, ausschließlich auf Hundertwasser spezialisierten Verlag, sagte. Ihm ist es zu verdanken, dass die Ausstellung „Schönheit ist ein Allheilmittel“ (in Kooperation mit der Hundertwasser Gemeinnützigen Privatstiftung in Wien) nach einer Vorab-Besichtigung des Hofgartensaals den Weg nach Kempten gefunden hat und vom Kempten Messe- und Veranstaltungsbetrieb bis 8. April 2018 gezeigt werden kann; man kann wohl sagen, ein echter „Wurf“ für Kempten und auch OB Thomas Kiechle merkte beeindruckt an, dass die im März 2017 zu Ende gegangene Hundertwasser-Ausstellung im Buchheim-Museum in Bernried schon „in den ersten 14 Wochen 30.000 Besucher“ verzeichnet habe. Nun also lockt ein repräsentativer Querschnitt von Originalgrafiken verschiedenster Techniken (Hundertwasser setzte als erster Metallfolien, Samtbeflockung oder auch fluoreszierende Farben ein), Originalposter, bemalte Gläser und Keramiken sowie Hundertwassers Beiträge für eine natur- und menschengerechtere Architektur nach Kempten. Entziehen kann man sich der Wirkung kaum, zumal Hundertwasser auf einen zentralen Nerv zielt und ihn auch trifft: er setzt dem allgegenwärtigen Mittelmaß und der seelenlosen Konfektionierung seine Philosophie „Beauty is a Panacea – Schönheit ist ein Allheilmittel“ entgegen.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist das Modell der Markthalle Altenrhein, das in Realiter auf der Schweizer Seite des Bodensees, in Staad steht und zum Besuch einlädt. Zur Vernissage ist Nicole Stettler-Lindemann nach Kempten gereist, die das außergewöhnliche Gebäude mit einer ebenso ungewöhnlichen Baugeschichte von ihrem Vater Herbert Lindemann geerbt hat und betreibt. Sie ist eine glühende Botschafterin und Kennerin des Künstlers selbst wie des hundertwasser’schen „Geistes“, der sich als roter Faden durch all seine Projekte und Werke zieht. Gestorben ist der Querdenker im Februar 2000 im Pazifischen Ozean an Bord der Queen Elizabeth II. und mit seiner letzten Ruhestätte im Garten der glücklichen Toten auf seinem Grund in Neuseeland unter einem Tulpenbaum, schließt sich sein Lebenskreis – oder besser gesagt: geht seine Lebensspirale den Weg zurück – in Harmonie mit der Natur.

Die Hundertwasser-Ausstellung „Schönheit ist ein Allheilmittel“ läuft bis 8. April 2018; geöffnet ist sie täglich von 10 bis 17 Uhr; Öffentliche Führungen: Mi. 14 Uhr, Fr. 15.30 Uhr. Gruppenführungen buchbar bei Kempten Tourismus, Tel.: 0831/96 09 55-25 oder per E-Mail: fuehrungen@kempten-tourismus.de

Christine Tröger

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