Ein Meer bunter Luftballons

Autorenfilmfestival auch in Kempten und dem Oberallgäu

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Festivalplakat mit dem Goldenen Blasi im bunten Luftballon. Die filmzeit-Trophäe für den Jurypreisträger ist nach Blasius, dem Schutzheiligen von Kaufbeuren, benannt.

Allgäu – „Kauf dir einen bunten Luftballon, nimm ihn fest in deine Hand, stell dir vor, er fliegt mit dir davon in ein fernes Märchenland…“

Der Verein Filmzeitkaufbeuren hat als Motto für sein heuriges Autorenfilmfestival einen beliebten Schlagertitel aus den vierziger Jahren gewählt. Zwar sind wir weit entfernt vom Kriegsalltag der damaligen Lichtspielhausbesucher, die eben diese Filmmusik im Herbst 1943, wenige Monate nach der Schlacht von Stalingrad, im Revuefilm „Der weiße Traum“ in Scharen zu hören bekamen. Doch auch heute, im Pandemiejahr 2020, sehnen sich Filmfans und MusikliebhaberInnen nach origineller Unterhaltung, vergnüglicher Zerstreuung, nach einem fröhlichen oder romantischen Tagtraum. 

Auch dazu lädt das Allgäuer Autorenfilmfestival ein, zum Beispiel mit dem schrillen studentischen Abschlussfilm „Bonbon – Das Musical“. Doch anders als der UFA-Eistanzfilm aus dem Wiener Prater will die 13. Filmzeit nicht nur von einer (damals alptraumhaften Wirklichkeit) ablenken und verzaubern, sondern thematisiert mit einer internationalen Auswahl von 72 Filmen unterschiedlicher Genres auch Erfahrungen wie Trauer, Migration, Arbeitsalltag, Luftverschmutzung, Bandenkriminalität und politischen Aufruhr, um so „den Dialog zur gesellschaftspolitischen Beeinflussung durch das Medium Film“ anzuregen. Seit seiner Gründung 2008 wird das Filmfest fast ausschließlich von ehrenamtlich tätigen Filmenthusiasten gestaltet und organisiert. Inzwischen hat sich die Filmzeitkaufbeuren „als kleines, feines Festival“ etabliert, bei der Programmkommission und ihren „Vorab-Sichtern“ werden jedes Jahr mehrere hundert Filme aus vielen verschiedenen Ländern eingereicht. 

Der Organisationsaufwand und die Arbeitsbelastung haben derart zugenommen, dass das Kaufbeurer Team beschlossen hat, das Ostallgäuer Leuchtturm-Projekt auf Kempten und Immenstadt auszuweiten, um das Festival noch bekannter zu machen und seine finanzielle Basis zu verbessern. So findet der internationale Wettbewerb, trotz der besonderen Herausforderungen durch die CoronaPandemie, wie geplant ab 27. September zum ersten Mal im Colosseum Center in Kempten statt. Um den Preis der Filmzeit - international konkurrieren bis 1. Oktober 30 Filme, unter anderem aus Brasilien, Griechenland, Norwegen, Weißrussland, dem Iran und Myanmar; davon werden zwei zum ersten Mal in Deutschland gezeigt. Zur Eröffnung der Filmzeitallgäu feiert im Colosseum der deutsch-türkische Film „Dondurma (Eiscreme)“ seine Uraufführung: Er spielt in einem Dorf an der ägäischen Küste und ist das neue Projekt der RegisseurInnen Ismet und Kerem Ergün, die im vergangenen Jahr in Kaufbeuren den Demokratiepreis gewonnen haben. 

Der neue Musikfilm-Wettbewerb war eigentlich erst für 2021 vorgesehen, doch nachdem im Festivalbüro „einige spannende Musikfilmproduktionen“ eingegangen waren, lädt das Filmzeit-Team schon dieses Jahr vom 30. September bis 2. Oktober gemeinsam mit den Kinobetreibern ins Union Filmtheater nach Immenstadt ein. Auch die beiden Blöcke dort bieten mit insgesamt zehn Filmen eine große Programmvielfalt, musikalisch, aber auch thematisch und stilistisch: von einem ganz besonderen Kinderchor in „AMA (MAMA)“ über die Bachkantate Nr. 55 in „Ich armer Mensch“ bis zum selbstironischen Cineasten-Musical „Peskador singt was vor“ klingt und swingt es auf der Leinwand. Zur Einstimmung dürfen sich die ZuschauerInnen im Union außerdem auf einen Publikumsliebling von 2019 freuen: Die österreichische Komödie „Die Schwingen des Geistes“ erzählt von Szabo, dem gescheiterten Musikwissenschaftler. 

Am Stammsitz in Kaufbeuren wetteifern im deutschsprachigen Wettbewerb vom 6. bis 10. Oktober 22 Filme um den Innovationspreis sowie um den Hauptpreis der Jury. Auch hier zeigt sich die Offenheit des Festivalkonzepts, das neben Spiel- und Dokumentarfilmen auch Trick-, Animations-, Kunst- und Experimentalfilme präsentiert. Eine kleine Programmvorschau findet sich bereits unter https://filmzeitkaufbeuren.de/programm/hauptwettbewerb. Zum Auftakt werden auch im Corona Kinoplex die nominierten und prämierten Filme aus dem internationalen Wettbewerb und der Musikfilmzeit zu sehen sein. Für den Dokumentarfilmpreis bewerben sich 14 deutschsprachige und internationale Produktionen, die am 8. Oktober in zwei Blöcken zu sehen sein werden. Der folgende Festivaltag ist dem 2019 eingeführten Demokratieblock gewidmet und präsentiert ausgewählte Filme aus allen Wettbewerben, die für den vom Familien- und Jugendreferat der Stadt gestifteten Demokratiepreis nominiert wurden. 

Zum feierlichen Abschluss des Abends erwartet die Festivalbesucher die Welturaufführung des Spielfilms „Grad deutscher Härte“. Der aus Kempten stammende Regisseur Alexander Löwen hat für das Drehbuch zu seinem filmischen Kammerspiel um einen verschwörungsgläubigen Klempner den erstmals ausgelobten Drehbuchpreis der Filmzeit gewonnen (Kreisbote vom 30. Mai 2020). Für Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 17 Jahren bietet die Schulfilmzeit an allen drei Spielorten geschlossene Filmvorführungen. 

Dank der Unterstützung der Kaufbeurer Bürgerstiftung verleiht heuer zum ersten Mal eine Jury aus Jugendlichen den Preis der Schülerfilmzeit. Trotz des ambitionierten Festivalprogramms sind angesichts der Abstands- und Hygieneregeln einige Zugeständnisse nötig: Alle Veranstaltungen, auch die Preisverleihungen, finden ausschließlich in den Kinos statt; die Filmzeit-BesucherInnen in Kaufbeuren werden auf Vorführungen im Stadttheater verzichten müssen. Zudem müssen sowohl das traditionelle Rahmenprogramm als auch die eigentlich im zweijährigen Rhythmus stattfindende Buronale, die Videokunstausstellung im Stadtmuseum, ausfallen. Dennoch wird das Filmzeit-Team um Festivalleiterin Birgit Kern-Harasymiw und den Künstlerischen Leiter Roman Harasymiw seinen Gästen einen festlichen Rahmen und zahlreiche bunte Luftballons bieten.

Viele Filmschaffende haben ihren Besuch angekündigt, könnten aber auch durch vorbereitete Video-Interviews oder Live-Schaltungen zur Festivalatmosphäre beitragen. An allen drei Spielorten soll die Filmzeitallgäu am 12. Oktober mit einer Sonntagsmatinée enden, bei der alle preisgekrönten Filme – darunter auch der Publikumspreisträger – nochmals zu sehen sein werden. Die Tickets sind ausschließlich in den drei Kinos erhältlich. Der Vorverkauf, auch online und telefonisch, beginnt am 1. September.

Antonia Knapp

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