Mit Kopf, Herz und Hand

SES-Expertin Dr. Viktoria Lofner-Meir berichtet von Projekten in Uganda

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Nach dem Vortrag von SES-Expertin und Rotarierin Dr. Viktoria Lofner-Meir über ihre Erfahrungen aus Uganda konnten die Zuhörer einige Nähprodukte der Mädchenschule käuflich erwerben.

Kempten – Gleich zweimal war Dr. Viktoria Lofner-Meir im vergangenen Jahr im ostafrikanischen Uganda zu Besuch gewesen. Dabei begleitete die ehemalige Ministerialrätin am Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zwei Entwicklungsprojekte im Auftrag des Senior Experten Service (SES) sowie des Rotary Clubs Bad Wörishofen.

Kürzlich hat sie im Haus International von ihren Eindrücken vor Ort berichtet und die Zukunftsperspektiven des Landes aufgezeigt. Die Veranstaltung wurde von den Allgäuer Eine-Welt-Experten organisiert.

Uganda, ehemals englische Kolonie, erlangte 1962 seine Unabhängigkeit. Mit einer Fläche von rund 240.000 Quadratkilometern ist es ungefähr zwei Drittel so groß wie Deutschland. Die Geburtenrate liegt mit 6,4 Kindern je Frau deutlich höher als hierzulande, allerdings ist mit acht Prozent die Säuglingssterblichkeit hoch. Die Lebenserwartung beträgt 60 Jahre. Landschaftlich ist besonders der Westen Ugandas reizvoll. Das Land verfügt über zehn Nationalparks, wird als „die Perle Afrikas“ bezeichnet und lockt ferne Touristen mit ihren Safaris an. Die im Westen gelegene Stadt Fort Portal im Distrikt Kabarole ist ein Ausgangspunkt für solche Safaris. Dessen war sich auch der hiesige Chairman, Patrick Muhumuza, bewusst, der ebenfalls vom Tourismus profitieren wollte. Mittels einer NGO sollten Einnahmen generiert werden, um den Kindern vor Ort eine schulische Ausbildung zu ermöglichen. Muhumuza fragte deshalb beim SES einen Experten an, der beim Aufbau der Tourismusregion beratend zur Seite stehen könnte.

Als Dr. Viktoria Lofner-Meir als eben jene angeforderte Beraterin den Chairman kennenlernte, musste zunächst ein gemeinsamer Nenner der Zusammenarbeit gefunden werden.

„Muhumuza schwebte vor, die Bauernhäuser touristisch aufzubereiten. Dass ein Plumpsklo und eine Dusche, bestehend aus einer Steinplatte und einem Kanister, außerhalb des Hauses nicht den hygienischen Standards der Touristen entspricht, die er erreichen will, hatte er so nicht erwartet“, zeigte Lofner-Meir die anfangs sehr unterschiedlichen Vorstellungen auf.

"Bananen, Bananen und noch mehr Bananen"

Die SES-Expertin wollte die Lebensweise und Kultur in der Region kennenlernen und erkundigte sich nach den vorhandenen Stärken. „Bananen, Bananen und noch mehr Bananen“, sei die Antwort darauf gewesen. So sei aus der dortigen Hauptfeldfrucht die Erlebnistour „Jungle of Bananaplantation“ entstanden, bei der ein Guide über die Bananenpflanze und die 30 dort wachsenden, Sorten aufkläre.

Eine Bananensorte werde für die Bier- und Gin-Produktion verwendet. Aus dieser Erkenntnis heraus sei die „Banana Beer and Gin Tour“ organisiert worden, bei der Bananenbüschel mit einfachsten Mitteln fermentiert und destilliert werden. Diesem Prinzip folgend, konnten noch viele weitere Touren für ausländische Gäste entwickelt werden. „Bei den Erlebnistouren wurde darauf geachtet, dass die Touristen mit allen Sinnen, mit Kopf, Herz und Hand, dabei sein können. So bleibt das Erlebnis hängen“, erklärte Lofner-Meir das Erfolgsprinzip.

Zwei Vorzeigeprojekte

Als zweite Station besuchte Lofner-Meir den Distrikt Bukedea im Osten Ugandas. Der Rotarierin und ehemaligen Präsidentin des Rotary-Clubs Bad Wörishofen sei es eine Herzensangelegenheit gewesen, dort zwei Projekte für Mädchen und Frauen zu unterstützen. Im Zuge dessen lernte sie Moses Aisia kennen, der bereits während seines Studiums im Bereich der Entwicklungshilfe erforscht hatte, dass gut ausgebildete Frauen der Schlüssel zur Zukunft Ugandas seien. Infolgedessen hatte er eine berufliche Schule für Frauen und Mädchen sowie ein Gesundheitszentrum gegründet, das überwiegend Frauenleiden behandelt.

In der 2003 gegründeten Mädchenschule werden jährlich rund 80 Schülerinnen in den Berufszweigen „Catering“ und „Näherin“ ausgebildet. „Moses geht hierbei clever vor. Wenn er auf Reisen ist, fotografiert er die ausländischen Produkte. Diese lernen die Mädchen dann in der Schule zu produzieren“, erzählte Lofner-Meir. Damit sich die Frauen, die selbst schon wieder eigene Kinder hätten, auf die Ausbildung konzentrieren könnten, verfüge die Schule über einen eigenen Kindergarten. „Bei der Einweihung des Kindergartens waren auch ehemalige Schülerinnen zu Besuch. Man hat sofort gemerkt, dass diese eine Ausbildung genossen haben. Sie traten selbstbewusster auf, waren gut gekleidet und hielten kurze Redebeiträge“, so die Rotarierin.

Aus einer persönlichen Betroffenheit heraus gründete Aisia im Jahr 2014 mit Unterstützung der Regierung und der deutschen Botschaft das Gesundheitszentrum „Holy Innocent Health Center“. Zwei Kinder von Aisia waren bei der Geburt verstorben, weshalb er eine bessere medizinische Versorgung für Frauen schaffen wollte. Das Gesundheitszentrum ist Anlaufstation für über 100.000 Menschen und konzentriert sich vorrangig auf Schwangerschaftsberatung, Geburtshilfe und die Therapie von Frauenbeschwerden. Da die meisten Kinder an Malaria sterben und auch TBC und HIV große Probleme bereiten, berät das Klinikpersonal vorbeugend und führt Impfungen sowie HIV-Tests durch. „Auch im Gesundheitszentrum gab es unzureichende Hygienestandards. Das Wasser für die OPs wurde aus einem nahegelegenen Brunnen geholt, deshalb hat die Regierung weitere Operationen untersagt“, erklärte Lofner-Meir.

Aus diesem Grund haben sich die Rotary Clubs Bad Wörishofen, Germering und Mindelheim zusammengeschlossen, um 15.000 Euro für die Installation einer fließenden Wasserversorgung mit solarbetriebener Pumpe sowie für weitere 4000 Euro ein Bewässerungssystem von Gärten und Feldern bereitstellen zu können.

„Neben der medizinischen Versorgung berät das Klinikpersonal in Hygiene- und Wirtschaftsfragen. So wurden beispielsweise die Hygienestandards beim Abwasch, nach dem Toilettengang und bei der Müllentsorgung verbessert und die Einwohner lernten neue Möglichkeiten der Viehhaltung und der Lagerung ihrer Ernteerträge kennen. Ein ganz besonderes Ereignis war das Solartechnik-Seminar der Technikerschule Mindelheim.“

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die rund 40 Gäste im Haus International ausgiebig über die Entwicklungen Afrikas. Viele Anwesende konnten selbst von Projekterfahrungen in Uganda und anderen afrikanischen Ländern berichten. Angesprochen wurde zudem der problematische Einfluss Chinas auf den Kontinent. Am Ende nutzten die Gäste die Möglichkeit, die von Lofner-Meir mitgebrachten Nähprodukte aus der Mädchenschule käuflich zu erwerben.

Dominik Baum

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