1848er Revolution im Allgäu

Barbara Lochbihler stellt ihr Buch "Es lebe die Freiheit" vor

Lochbihler

Kempten – Einen besonderen Beitrag zur Allgäuer Heimatkunde leistet das von der Grünen-Europaabgeordneten Barbara Lochbihler herausgegebene Buch über die 1848er Revolution im Allgäu. Dieses Gemeinschaftswerk zahlreicher Fachleute hat die Politikerin im besonderen Ambiente der Villa Kaffeehaus vorgestellt und dabei vermutlich einige Wissenslücken des Publikums geschlossen.

Im öffentlichen Bewusstsein ist wenig bekannt, dass es vor 170 Jahren auch im Allgäu rumorte. Auch bei uns wehrten sich, wie Lochbihler im Vorwort schreibt, „die unterschiedlichsten Personen und Gruppen gegen die Willkür der bayerischen Behörden, die Macht des Klerus, die Unwissenheit der breiten Masse der Bevölkerung, die Unfreiheit der Presse und die Gängelung der Justiz“.

Der in Weidach bei Kempten geborenen Balthasar Waibel und Fidel Schlund sind Beispiele für gewaltfreie Kämpfer für freie Meinungsäußerung und Menschenrechte. Dr. Hansjörg Straßer, früher Richter am Landgericht Kempten, hat sich mit deren Rollen im dramatischen Revolutionsjahr befasst und las aus seinem Beitrag. Wie viele andere „Liberale“ nahmen sie für ihre Gesinnung Gefängnisstrafen auf sich und wurden schließlich vom Sieg der Gegenrevolution bitter enttäuscht.

Dass einer der reichsten Männer des Allgäus, der Käseproduzent Carl Hirnbein, auch ein sogenannter „Demokratenhäuptling“ war, wusste der Filmemacher Leo Hiemer zu berichten. Als „Demokrat“ galt damals „ein Roter, ein Linker, einer, der gegen die herrschende Ordnung aufbegehrt“. Er legte sich im Streit um die Nutzung der Alpe Ehrenschwang jahrelang mit der Obrigkeit an und setzte sich für die Verwirklichung der Grundrechte ein, die man in der Paulskirchen-Versammlung beschlossen hatte. Sein Heimatort Wilhams galt als „wühlerisch gesinnte Gemeinde“.

Als schulpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/die Grünen im Landtag war MdL Thomas Gehring natürlich prädestiniert, über die „Morgenröte der Volksbildung – Revolution in der Schule“ zu forschen und im Sammelband darüber zu berichten. Die soziale Stellung der Lehrer war damals offenbar miserabel, ihre Ausbildung und Auswahl unterstand den Ortspfarrern. Trotzdem engagierten sich viele für die Ziele der Revolution 1848 und damit für eine höhere Volksbildung und „Befreiung der Schule von der ausschließlichen Abhängigkeit von den Geistlichen.“ Gehring schreibt, dass es weit bis ins 20. Jahrhundert dauerte, bis die meisten ihrer Forderungen Realität wurden.

Die Grünen-Stadträtin Erna-Kathrein Groll übernahm das Thema „Frauen und die Revolution von 1848/49“ und las aus dem Beitrag der Historikerin Ute Grau. Die Suche nach ihnen war offenbar mühsam gewesen, die Revolution scheint auch im Allgäu eine reine Männerangelegenheit gewesen zu sein. Trotzdem brachten sich einige ins politische Geschehen ein, wenngleich deren Mitarbeit mit Verweis auf ihre vermeintliche „weibliche Bestimmung“ enge Grenzen gesetzt waren. Das Fahnensticken war ihnen allerdings gestattet und so wollten im Juni 1849 „35 Bürgertöchter“ dem Immenstädter Turnverein eine mit Revolutionssymbolen geschmückte Fahne übergeben, die jedoch die bayerischen Truppen umgehend konfiszierten. Heute noch bekannt ist der Name von Louise Aston, die als „Emanzipierte“ verschrien war, weil sie in ihren sozialkritischen Schriften die Befreiung aller Unterdrückten forderte und die Frauen dabei nicht ausnahm. Sie ist auf dem Friedhof in Wangen begraben.

Die Buchvorstellung wurde passenderweise von Revolutionsliedern begleitet. Das Trio aus Hubert Endhardt (Gitarre/Gesang), Hansjörg Gehring (Kontrabass) und Markus Kerber (Querflöte) hat sie ausgegraben und zum Mitsingen aufbereitet.

„Es lebe die Freiheit“ ist ein Lesebuch, zu dem viele weitere Allgäuer Persönlichkeiten beigetragen haben, wie Hubert Endhardt, Thomas Riedmiller, Uli Leiner, Ernst T. Mader. Das Vorwort stammt vom Heimatpfleger des Bezirks Schwaben, Dr. Peter Fassl, gewidmet ist es dem 2013 verstorbenen MdL Adi Sprinkart „der mit viel Kraft und Ausdauer gegen den Strom geschwommen ist.“

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Das Herzstück der König-Ludwig-Brücke fliegt ein
Das Herzstück der König-Ludwig-Brücke fliegt ein
Alice hoch drei auf der Burghalde - Bilder zum Märchensommer 
Alice hoch drei auf der Burghalde - Bilder zum Märchensommer 
Richtfest in Durach
Richtfest in Durach

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.