Barfuß gehen ist Kopfsache

500 Kilometer "Barfuß über die Alpen" – Vortrag von Martl Jung

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567 Kilometer und 34.000 Höhenmeter ist Martl Jung barfuß von München bis nach Verona gelaufen.

Betzigau - "Barfuß gehen ist Kopfsache", sagt Martl Jung bei seinem Vortrag "Barfuß über die Alpen".

Barfuß steht er auf über 3000 Höhenmetern im Schnee. „Der Schnee“, kommentiert er das Foto, „ist barfuß gar nicht so schlimm, solange man in Bewegung bleibt.“ Ist er leicht geschmolzen, sei es sogar ein richtiger Genuss, darin zu laufen. Martl Jung (51) läuft barfuß durch die Welt – und das so gut wie immer: beim Einkaufen, beim Autofahren und beim Wandern. Und auch bei seinem bisher größten Barfuß- Abenteuer: Der Überquerung der Alpen von München bis nach Verona. In einer eindrucksvollen Multivisionsshow nahm er am vergangenen Freitag 160 Interessierte im Bürgerzentrum in Betzigau mit auf seine Reise. 

2009 startete Martl Jung seine außergewöhnliche Barfuß-Tour in München auf der Praterinsel an der Isar. In seinem 25 Kilogramm schweren Rucksack, befanden sich neben einer Fotoausrüstung viele Dinge, die er benötigte, um draußen zu übernachten. Schuhe allerdings, hatte er keine im Gepäck. „So konnte ich gar nicht auf die Idee kommen, welche anzuziehen“, erklärt Jung, „barfuß kam ich in Garmisch-Partenkirchen zur Welt.“ Zur Natur und den Bergen hatte er schon immer einen besonderen Bezug. Irgendwann begann er mit leichten Barfuß-Touren und merkte, dass er ohne Schuhe einfach mehr spürte und dass es ihm Spaß machte. „Man hat einfach viel mehr Sinneseindrücke, die man mit Schuhen gar nicht hat“, erklärt der Pionier. 

Durch das Barfußwandern kennt er die Gesteine inzwischen genau und weiß wie sich Kalk, Granit und Porphyr unter nackten Fußsohlen anfühlen und auf was er beim jeweiligen Untergrund achten muss. Zum Bergwandern ohne Schuhe gehören für ihn Stöcke – die sind Pflicht! Außerdem braucht es ein bisschen Übung, denn erst durch häufiges barfuß laufen, wird die Haut an den Fußsohlen dicker und die Muskeln werden wieder ausgebildet. In Schuhen sind die Füße eingezwängt und die Muskeln verkümmern. Trotzdem gab es Etappen auf dem Weg über die Alpen, die sehr beschwerlich waren. Da hätte sich Jung schon mal gerne kurz in die unbequemen Schuhe gezwängt. „Gerade der Abstieg vom Marmolata war aufgrund des Gerölls sehr schwierig zu begehen“, erzählt er. 

Um solche Herausforderungen zu meistern, musste er seine Lauf-Geschwindigkeit extrem reduzieren und genau auf seine Tritte achten. Gerade diese ständige Konzentration beim Laufen, sei eine enorme Herausforderung für ihn gewesen. Während seiner Alpenüberquerung biwakierte er meist im Freien oder suchte Unterschlupf in Hütten. Im Durchschnitt legte er täglich etwa 18 Kilometer zurück. Eine extreme Belastung für seine Füße, die laut Martl aber während dieser Zeit keine besondere Pflege benötigten. Auf seinem Weg über die Alpen hatte er immer wieder interessante Begegnungen. So traf er einen Künstler, der sich hingebungsvoll der Farbe Gelb widmete und bereits 150 Bilder in verschiedenen Gelbtönen gemalt hatte. In einem Bergdorf unterhielt er sich mit einem Bauern, der auf zimbrisch, einer oberdeutschen Sprache, die nur noch von etwa 1000 Menschen gesprochen wird, auf die EU-Erweiterung und den billig importierten Käse schimpfte. Allerdings verstand man als Zuhörer nur die Worte „Europa“ und „Kaas“. 

Doch das wohl skurrilste Bild war das eines Baggers unterhalb des Gipfels des Piz Boè (3152 Meter). In gefährlicher Hanglage drohte der Bagger in nächster Sekunde zu kippen. Martl Jung erklärte, dass der Baggerfahrer schon seit mehreren Tagen unterwegs Richtung Gipfel war, um oben auf dem Refugio eine Kanalisation zu graben. Nach 32 Tagen kam Jung schließlich in Verona an. 567 Kilometer und 34.000 Höhenmeter hatte er hinter sich gelassen, als er zufrieden mit sich selbst im Amphitheater von Verona seine Füße betrachtete und in die Kamera schaute. „Vieles im Leben ist einfach Kopfsache, man muss es einfach machen“, beendet er seinen Vortrag „Barfuß über die Alpen“ im Bürgerzentrum in Betzigau, natürlich barfuß. Das Buch über die Barfuß-Alpenüberquerung: „O Sohle mio“ von Martl Jung, erscheint am 1. März beim Malik Verlag. 

tl

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