Wohnungen oder Denkmal?

Vom Denkmal in die Moderne

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Großes Interesse: Neben den Bauausschussmitgliedern kommen zahlreiche Interessierte zur Besichtigung der alten Sheddachhalle.

Kempten – Im Zwielicht der riesigen Halle ist es an diesem Spätnachmittag des bisher heißesten Tags des Jahres angenehm kühl. Die Luft ist modrig und riecht stark nach altem Maschinenöl. In jedem Winkel hängen noch Fetzen alter Baumwolle.

Es braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, wie hier einst ein Heer von Arbeitern an ihren Maschinen schufteten oder wie sie von Häftlingen des KZ Dachau im Herbst 1943 demontiert wurden, da auf Rüstungsproduktion umgestellt werden musste. 

Aber genau diese historische Bedeutung macht den Umgang mit der Sheddachhalle in der Gegenwart so schwierig, wie am Mittwoch bei einer Sondersitzung des Bauausschusses deutlich wird. Denn wie berichtet, will ein Investor aus Kaufbeuren die historische Industriebrache – einst Wahrzeichen von Kemptens industrieller Stärke – zum Teil abreißen und zu einem modernen Wohnquartier machen. Zusammen mit drei neuen Wohnhäusern entlang der Keselstraße sollen gegenüber dem Wohnquartier Rosenau an die 200 neuen Wohnungen in den Überbleibseln der Weberei-Sheddachhalle entstehen. Nur die Außenwände der ehemaligen Weberei auf der Ost- und Nordseite sowie der Ölturm und die Schlichterei auf der Südseite würden erhalten bleiben. Das entspräche allerdings nicht exakt dem Bebauungsplan von 2003, weshalb dieser geändert werden müsste. Trotzdem: „Eine durchaus sinnvolle Nutzung”, wie einige Stadträte am Mittwochabend befanden. Dem gegenüber steht die historische Bedeutung des Komplexes, der durch die Bewerbung um das Landesmuseum der bayerischen Geschichte (der Kreisbote berichtete) wieder in den Fokus gerückt ist. Außerdem stehen Teile der Halle unter Denkmalschutz. Daher hatte Baureferentin Monika Beltinger auch zunächst eine Veränderungssperre für den bestehenden Bebauungsplan erwogen. 

"Schwierige Frage" 

Am frühen Mittwochabend sagte sie, sie sei froh über den Termin vor Ort, denn so falle eine Abwägung leichter. „Schon 2003 war es eine schwierige Frage, wie gehe ich mit so einem Industriedenkmal um”, erinnerte sie. Tatsächlich war das Interesse von Politik und Öffentlichkeit selten so groß an einer Bauausschusssitzung wie am Mittwoch. Der Ortstermin führte die Teilnehmer nicht nur durch die riesige Halle, sondern auch rund um den Komplex und ins Erdgeschoss, wo früher Versand und Lager war. Aus dem soll nach dem Willen des Investors eine Tiefgarage mit bis zu 175 Stellplätzen werden. Dass dabei noch keine Entscheidung getroffen werden musste, war womöglich ganz gut so. Denn die Meinungen können zum Teil unterschiedlicher nicht sein, wie sich in der abschließenden Diskussion zeigte. So positionierten sich die Vertreter es Architekturforums klar für einen größtmöglichen Erhalt des Industriedenkmals. Natürlich müsse man eine sinnvolle Nutzung für das Areal finden, so Architekt Martin Lindermayr. „Aber wenn man von Außen schaut, wünscht man sich die Gesamtkulisse”, sagte er. Architekt Dieter Heiler, der 2003 bereits an der Erstellung des Bebauungsplans maßgeblich beteiligt war, ergänzte: „Ich möchte, dass die Großform erhalten bleibt.” 

"Schlüssige Lösung"

 Auch das Landesamt für Denkmalpflege ist laut Uwe Weißfloch vom Stadtplanungsamt, wenn möglich, für einen Erhalt, zumindest des südlichen Teils. Die Denkmalexperten würden die Sheddachhhalle als „sehr ortsbildprägend und architektonisch wertvoll” betrachten, so Uwe Weißfloch weiter. Stadtheimatpfleger Tillmann Ritter habe sich ebenfalls für den Erhalt des südlichen Teils ausgesprochen. Investor Peter Leinsle hingegen verwies darauf, dass eine sinnvolle Nutzung des Areals her müsse. Die bisher vorgestellten Pläne seien lediglich als „Diskussionsgrundlage” zu verstehen. „Wir wollen eine schlüssige Lösung mit allen Beteiligten”, betonte er. Dietmar Markmiller, Vorsitzender der Altstadtfreunde, empfahl den Investoren, die Bürger bei ihren Plänen mit ins Boot zu holen. „Das ist ein sehr sensibler Bereich”, mahnte er. OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) sagte: „Die Frage ist: Mit welchem Ziel gehe in das Änderungsverfahren.” Das solle nun in Ruhe diskutiert und entschieden werden. Zumindest die drei geplan-ten Wohnhäuser entlang der Keselstraße entsprechen aber dem derzeit gültigen Bebauungsplan. „Wir halten uns komplett an den Plan”, betonte Investor Leinsle.

Matthias Matz

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