Vielschichtiges Thema Bio

Ist Bio schon "in aller Munde"?

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Ob Eigenmarke oder Premium-Marke : Bio ist mittlerweile in allen Einkaufstätten zuhause

Meine Besucherin schaut skeptisch auf den gut mit Bio gefüllten Küchenschrank. „Ihr gebt aber ordentlich Geld aus für Essen. Man kann doch gar nicht wissen, ob da wirklich Bio drin ist. Schließlich gibt es das ja auch beim Discounter.“ Bio-Käufer hören oft solche Sätze. 

Obwohl Bio mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sind deutsche Verbraucher oft skeptisch. Rechtfertigt die höhere Qualität den Preis? Wie viel Bio konsumieren die Deutschen tatsächlich und wer prüft, ob wirklich Bio drin ist, wo Bio drauf steht?

Kleine Nische, großer Zuwachs

Man findet heute Bio-Produkte in allen Einkaufsstätten, vom Bio-Laden über Drogerie-Märkte bis zum Discounter. Denn der Markt wächst stark und stetig. Doch der Schein vom omnipräsenten Bio-Produkt trügt. Bio ist noch immer in der Nische zuhause. Allerdings in einer mit großem Wachstumspotential. Zweistellige Zuwächse erfreuten die Branche auch letztes Jahr. Schaut man sich die aktuellen Zahlen vom Bund ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) genauer an, wird jedoch schnell klar: bis Bio „in aller Munde“ steckt, ist es noch ein weiter Weg. Knapp fünf Prozent macht der Bio-Anteil aktuell bei Lebensmitteln in den Supermarkt-Regalen aus. Und konzentriert sich dabei auf ausgewählte Warengruppen, die „sich besonders schnell drehen“ respektive abverkaufen. Der Lebensmittelhandel nennt die Produkte deshalb auch „Schnelldreher“. Bei Discountern und Vollsortimentern wie REWE und Edeka sind dies vor allem Obst und Gemüse wie Äpfel, Bananen oder Kartoffeln. Erfreulicherweise ist bei klassischen Supermärkten das Bio-Angebot oft regional geprägt. So gibt es im Allgäu auch Äpfel vom nahen Bodensee und nicht aus Neuseeland. Denn die Nachhaltigkeit von Bio-Produkten passt nicht zu langen Transportwegen. Auch Molkereiprodukte sind in Bio-Qualität stark nachgefragt und im letzten Jahr sogar um zehn Prozent gewachsen. Ebenso stark steigt die Nachfrage bei Bio- Fleisch und Bio-Eiern. Mittlerweile stammt sogar jedes zehnte deutsche Ei von einer Bio-Henne. Hier sind es vor allem die besseren Haltungsbedingungen, die für die Bio-Käufer ausschlaggebend sind.

Wer kauft überhaupt Bio?

Rund 100 Euro gibt jeder Deutsche statistisch gesehen im Jahr für Bio-Produkte aus. Die eingefleischten Bio-Fans machen davon nur einen kleinen Teil, etwa drei Prozent, aus. Rund ein Viertel aller Verbraucher kauft immerhin schon „regelmäßig“ Bio-Produkte, hat das „Ökobarometer 2016“ festgestellt: Die Konsumenten-Befragung wird regelmäßig vom Bundesministerium für Ernährung durchgeführt. Und: fast jeder zweite Deutsche is(s)t zumindest „bio-interessiert“ und kauft somit hin und wieder Bio-Lebensmittel ein. Die genannten Gründe sind meist artgerechte Tierhaltung, gentechnikfreie Produktion und der natürliche Geschmack der Lebensmittel. Auch der faire Handel spielt für viele Verbraucher eine Rolle. Im klassischen Supermarkt und Discounter kaufen je 21 Prozent der Kunden vorwiegend ihre Bio-Lebensmittel, dicht gefolgt vom Bio-Fachhandel mit 18 Prozent. Es mag überraschen, dass der Discounter den Löwenanteil an Bio-Produkten verkauft. Hier macht es jedoch die Masse an wenigen, beliebten Produkten, nicht die Auswahl. Vor allem Milchprodukte sind in den letzten Jahren immer beliebter in Bio-Qualität und so auch in die Discount-Regale gewandert. Das Sortiment reicht von Bio-Milch über Joghurt und Quark bis hin zu ausgewähltem Bio-Käse. Gerade bei Bio-Milch sind laut verschiedener Umfragen viele Verbraucher bereit, mehr zu bezahlen als für konventionell erzeugte Milch. Gerade stehen so viele Bio-Milchprodukte in den Regalen, dass die deutschen Milchbauern gar nicht mit der Produktion hinterher kommen. Dabei beträgt der Anteil an Bio-Milch im deutschen Einzelhandel insgesamt nur rund 2,4 Prozent. Die Bio-Milch-Lücke wird aktuell aus Nachbarländern wie Österreich und Dänemark geschlossen. Aufgrund der fallenden Milchpreise haben in den letzten Jahren viele konventionelle Milchbauern umgestellt.

Bio drauf, Bio drin?

Das EU-Biosiegel definiert die Mindest-Anforderungen an Bio-Lebensmittel, die in der EU produziert und gehandelt werden. Staatlich beauftragte Bio-Kontrollstellen überprüfen regelmäßig die gesamte Lieferkette, vom Anbau bis zur Verpackung. Mindestens einmal im Jahr wird jeder Betrieb kontrolliert. Auch unangemeldete Stichproben werden durchgeführt. Schon beim Anbau dürfen weder Pestizide noch chemisch-synthetischer Dünger verwendet werden, und nur 47 von den sonst möglichen 315 Zusatz-Stoffen sind in den Zutaten für Bio-Produkte erlaubt. Gentechnik ist generell in Bio-Produkten verboten. Die strengen Auflagen definieren zudem die artgerechte Tierhaltung nach den Bio-Richtlinien, die vom Futter über den adäquaten Platzbedarf im Stall bis zur Behandlung mit Medikamenten reicht. Damit ein Produkt das Bio-Siegel tragen darf, müssen 95 Prozent der Inhaltsstoffe aus ökologischem Landbau stammen. Man erkennt Bio-Lebensmittel am EU-Bio-Logo, das „grüne Blatt“ ziert Bio-Ware aus der europäischen Union. Seit Juni 2012 muss es auf allen europäischen Bio-Produkten aufgebracht sein. Dazu gehört ein Kontrollstellencode, auf dem vermerkt ist, wo der letzte Verarbeitungsschritt stattgefunden hat. Produkte aus Deutschland tragen somit die Länderkennung „DE“. Der Zusatz „ÖKO – 000“ steht für die prüfende Kontrollstelle. Auch die Herkunftsangabe der verwendeten Zutaten aus EU- oder Nicht-EU Landwirtschaft ist verpflichtend. Das deutsche sechseckige Bio-Siegel ist seit 2001 das Erkennungszeichen für Bio-Produkte in Deutschland. Es wird weiterhin gerne verwendet, da es bei den Verbrauchern ein hohes Vertrauen genießt. Für Produkte, die das Bio-Siegel tragen, gelten ebenfalls die Richtlinien der EU-Bioverordnung.

Gut, besser, Bioverband?

Und dann gibt es noch Bio-Verbände wie Demeter, Naturland, Biokreis und Bioland, die mit ihren Verbandssiegeln allerhöchste Bio-Qualität versprechen. Bioverbände sind die letzten Jahre stark gewachsen, Bioland beispielsweise um zehn Prozent. Bei sogenannter „Verbandsware“ gelten teilweise deutlich strengere Auflagen für die Erzeuger und Verarbeiter, als es das staatliche EU-Biosiegel verlangt. So stehen auf Demeter Bauernhöfen nur Kühe mit Hörnern, die selbst angebautes Bio-Futter bekommen, denn das Enthornen ist hier genauso verboten wie nur einen Teil des Betriebes auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Bei den Verbänden dürfen auch deutlich weniger Tiere im Stall gehalten werden, als nach EU-Bio-Richtlinien. Bei Bioland sind beispielsweise nur 140 Legehennen pro Hektar erlaubt, statt 230 Legehennen. Eine biodynamische Kreislaufwirtschaft, im Sinne von „nehmen und im gleichen Maß zurück geben“ spielt bei den Verbänden eine wichtige Rolle. Der zahlenmäßig größte Zusammenschluss im Biolandbau in Deutschland ist der Bioland. 2016 wirtschaften 6861 Erzeuger und 1071 Hersteller nach den Bioland-Richtlinien.

Gut, besser, Bio?

Sind denn Bio-Produkte nun hochwertiger als konventionelle Lebensmittel? Eine Studie im Auftrag der „Grünen“ stellte jedenfalls gerade erst fest, dass Bio-Obst durchschnittlich 350mal weniger mit Pestiziden belastet ist als konventionell erzeugtes Obst. Waren Bio-Lebensmittel in dieser Studie damit verunreinigt, so befanden sich diese nahe konventionellen Feldern. Natürlich gibt es auch im Biobereich schwarze Schafe, die versuchen, zu tricksen und zu täuschen. Doch aufgrund der scharfen Regelungen in Anbau und Verarbeitung und den mehrstufigen Kontrollen sind Bio-Produkte sehr vertrauenswürdig. Noch dazu gibt es seit 2002 ein „Ökomonitoring“ . Es werden regelmäßig Bio-Produkte auf Rückstände oder verbotenen Zusatzstoffe untersucht. Die Beanstandungsquote lag laut Ökomonitoring 2015 in Baden Württemberg bei frischen Ökoprodukten nur bei 1,1 Prozent. Sprich: wo Bio draufsteht, ist in der Regel auch Bio drin. Nicht nur externe Kontroll-Organe, auch die Bio-Hersteller überprüfen ihre Wareneingänge regelmäßig, um ihre Qualität abzusichern. So nimmt beispielsweise „Rapunzel“ beim Wareneingang in Legau kontinuierlich Proben. Ein Team von Lebensmitteltechnikern und Bio-Spezialisten wird regelmäßig sensorisch geschult und probiert sich fast täglich durch die verschiedenen Produkte, von Bio-Reis über Schokolade und Nussaufstriche bis hin zu Bio-Prosecco.

Bio und Discounter?

Und wie gut ist Bio beim Discounter? Grundsätzlich ist die Bio-Qualität im Discounter in Ordnung, hat Greenpeace bei seinen Recherchen festgestellt. Jedoch weiß man hier selten, welche Lieferanten hinter den Produkten stecken. Bio-Marken wie „Rapunzel“ in Legau dagegen kennen ihre Lieferanten persönlich und eine eigene Rohstoffsicherung sucht sich Partner aus, die zur Unternehmensphilosophie passen. Eigene „Hand in Hand“ Projekte bestätigen, dass sich der Naturkost-Hersteller sozial in der Verantwortung sieht, was seine Lieferanten angeht. Faire Löhne und soziale Absicherung sind ein wichtiger Punkt bei der Auswahl der Lieferanten. Beim Discounter präsentieren sich Bio-Waren weitaus günstiger als im Regal des Naturkost-Fachhandels. Dafür sind die Produkte und deren Lieferkette selten transparent für den Verbraucher. Hier gibt es außerdem nur eine begrenzte Auswahl an Bio-Produkten. Denn rentabel sind für Lidl, Penny und Co. eben nur Schnelldreher, die in großer Menge verkauft werden. Zwar passen Preisdruck und Massenware nicht zur Ideologie der Bio-Verbände; ihre Erzeuger dürfen jedoch den Discount-Handel beliefern. So kann man durchaus auch beim Discounter „Premium Bio“ in der Tüte haben, ohne es zu wissen. Wer ausschließlich Bio kaufen möchte und Wert auf gute Beratung legt, der ist im klassischen Bio-Laden besser aufgehoben. Denn dem ursprünglichen Bio-Gedanken einer nachhaltigen Produktion mit fairen Lieferbedingungen wird hier Rechnung getragen. Auch wenn „Naturkost - Fachhandel“ noch etwas angestaubt klingt, die „Ur-Einkaufsstätte“ für Bio-Fans hat sich heute zu modernen Läden mit schickem Interieur gemausert. Lichtdurchflutete Bio-Supermärkte mit Wohlfühl-Ambiente findet man mittlerweile in fast allen Städten, in Kempten etwa bei „PurNatur“ in der Bahnhofstraße oder im „Bio Mercato“ in der Lindauerstraße. Ein ansprechendes Ladendesign, viel Holz, ein leckerer Mittagstisch im eigenen Bistro und ein umfassendes Bio-Sortiment locken bio-affine Kemptener Kunden in die schmucken Läden. Regionalität liegt den Betrieben sehr am Herzen. So finden sich dort Eier, Äpfel, Milchprodukte und vieles mehr aus dem Allgäu. Der Hauptlieferant für Trockensortiment und teilweise Obst und Gemüse ist die Firma Bodan in Überlingen.

Lukrativer Biomarkt

Dass Bio eine echte Erfolgsgeschichte ist, sieht man auch am Allgäuer Bio-Unternehmen „Rapunzel“ in Legau. Aus einem kleinen Bioladen in Augsburg, für den Joseph und Jennifer Wilhelm noch selbst Früchte aus der Türkei importierten und Müsli in der Badewanne mischten, ist mit 182 Millionen Euro Umsatz (2015) ein „big player“ im Bio-Markt geworden. Neben der Stammkundschaft im Naturkost-Fachhandel hat „Rapunzel“ heute zudem einen Online Shop. Auch wenn man sich in Legau stark auf den Fachhandel konzentriert, in dem man groß wurde, viele Premium-Biomarken sind heute ebenso im klassischen Lebensmitteleinzelhandel oder Drogeriemarkt vertreten. Alnatura findet man neben den eigenen Filialen auch bei „Edeka“ und „Müller“. Aber nicht mehr bei „dm“. Denn der Drogerie-Riese hat mit „dm Bio“ jetzt seine eigene Bio-Marke in die Regale geräumt. Eigenmarken sind bei Handelsketten sehr beliebt, denn sie versprechen den Märkten höhere Margen. Verständlich, dass diese Auslistung „Alnatura“ Gründer Götz Rehn nicht so gut geschmeckt hat. Denn die Drogerie ist auch ein lukrativer Absatzmarkt für Bio-Produkte. Rund zwölf Prozent alle Bio-Einkäufe werden dort getätigt. Vor allem Mütter sind eine gefragte Zielgruppe. Angelockt von meterlangen Windelregalen und Baby-Produkten werden gerne noch schnell ein paar Bio-Produkte in den Einkaufskorb gepackt.

Nachhaltig und umweltschonend (land-)wirtschaften

Wir Deutschen geben nicht besonders viel für unser täglich Brot aus. Die Ausgaben für Lebensmittel liegen nur bei 13,6 Prozent des Einkommens. Lebensmittel sind hierzulande sehr günstig. Bio erscheint deshalb vielen Verbrauchern als besonders teuer. Doch die aufwändige Verarbeitung und die umfangreichen Kontrollen bei Bio-Lebensmitteln rechtfertigen höhere Preise. Eine recht interessante Rechnung macht der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) auf. Würde man bei konventionellen Lebensmitteln die „externen Kosten“ ermitteln, also Zusatz-Kosten, die im Rahmen der Produktion für die Gesellschaft entstehen, so müssten Lebensmittel deutlich teurer sein. Hier sind Kosten für Trinkwasserverunreinigung, Nitrat- und Pestizidbelastung oder für die Verschlechterung von Bodenqualität gemeint, die durch extensive Landwirtschaft entstehen. Deutsche Studien gibt es dazu noch nicht. Eine britische Studie rechnet mit rund 80 Euro pro Einwohner und Jahr. Mit nachhaltigerer Landwirtschaft beschäftigte sich auch die geplante „Bauernregeln“- Kampagne der Umweltministerin Barbara Hendricks, die kurz vor der Plakatierung gestoppt wurde. Sprüchen, wie „Gibt‘s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur“, sollten die Bevölkerung zum Nachdenken anregen. Das Umweltministerium wollte laut eigener Aussage auf die möglichen Folgen einer extensiven Landwirtschaft aufmerksam machen. Doch diese Botschaft kam vor allem bei den Landwirten wohl gar nicht (gut) an und wurde wieder eingestampft. Trotz Kampagnen-Stopp bleibt die Umweltministerin aber bei ihrer Aussage: „Die Intensivhaltung hat in ihrer jetzigen Form keine Zukunft. Nur eine nachhaltige Landwirtschaft, die Biodiversität, Klimaschutz und die Gesundheit der Menschen berücksichtigt, ist zukunftsfähig.“ Solch ein Umdenken fordern auch Bio-Bauern. Vor allem in der Pestizid-Politik. Sowohl Herbizide als auch Insektizide sind im Bio-Landbau verboten. Denn Herbizide, wie „Round-up“ der Firma Monsanto mit dem Wirkstoff Glyphosat sollen auch für den Artenschwund verantwortlich sein. Ein Blick aufs Feld zeigt: auf Bio-Äckern ist die Artenvielfalt doppelt so hoch wie auf konventionellen Böden. Glyphosat wird derzeit auf rund 40 Prozent der deutschen Äcker ausgebracht. Zudem wurde das Herbizid, das Unkraut fernhalten soll, von der Weltgesundheits-Organisation (WHO) als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Zum Schutz der Bienen fordern Bio-Verbände außerdem schon lange ein Verbot von Neonicotinoiden, hochwirksamen Insektiziden, auch bekannt als „Bienenkiller“. „Erhalt der Landschaft, der Böden und des Wassers, der Biodiversität und eine umwelt- und klimaschützende Bewirtschaftung“ fordert die Umweltministerin für die Landwirtschaft. Diese Anforderungen erfüllt der Bio-Anbau auf jeden Fall. Steffi Koller

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