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Baukultur und Bestandserhalt gewinnt an Bedeutung

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Von: Christine Tröger

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Einen besseren Umgang mit der „Grauen Energie“ wünschen sich (nicht nur) die Podiumsgäste des „Bewegten Donnerstag“ (v. li.) Tilmann Ritter (Stadtheimatpfleger und ehemaliger Leiter des Staatlichen Bauemtes in München), Jakob Lax (Ostallgäuer Kreisbaumeitser), Jörg Heiler (Landesvorsitzender Bund Deutscher Architekten) und Susan Funk (Vorständin Alte Schule Bühl eG).
Einen besseren Umgang mit der „Grauen Energie“ wünschen sich (nicht nur) die Podiumsgäste des „Bewegten Donnerstag“ (v. li.) Tilmann Ritter (Stadtheimatpfleger und ehemaliger Leiter des Staatlichen Bauemtes in München), Jakob Lax (Ostallgäuer Kreisbaumeitser), Jörg Heiler (Landesvorsitzender Bund Deutscher Architekten) und Susan Funk (Vorständin Alte Schule Bühl eG). © Tröger

Kempten – „Graue Energie“ – ein Begriff, der immer öfter zu hören ist und mit dem es sich näher zu beschäftigen lohnt.

In das Bewusstsein von Entscheidungsträgern wie Gesellschaft dringt die Bedeutung vom Erhalt von Bestandsbauten und Baudenkmälern erst allmählich vor. Deutlich wurde das beim Bewegten Donnerstag vergangene Woche, zu dem das Kempten-Museum einmal mehr zusammen mit dem Architekturforum Allgäu (af) eingeladen hatte.

„Bitte erhalten! – Vom Wert alter Bausubstanz“ war somit auch das einhellige Credo der Gäste, die – eine Premiere – nicht im Zumsteinhaus auf dem Podium saßen, sondern (passenderweise) im Reglerhaus, ehemals Gebäude des Gaswerks und nach 35 Jahren Leerstand seit geraumer Zeit Veranstaltungsort für das Architekturforum. Rund 50 Interessierte waren offensichtlich vom zunehmend brisanten Thema „bewegt“ oder wollten sich „bewegen“ lassen, statt sich der im Allgäu noch immer vorherrschenden Meinung anzuschließen, weg mit dem alten „Glumpp“, wie Museumsleiterin Christine Müller Horn eingangs anmerkte.

Leuchtende Gegenbeispiele warf Moderator und af-Geschäftsführer Franz Schröck per Beamer an die Wand: u.a. das Bergdorf Gerstruben unter der Höfats mit seinen pittoresken über 400 Jahre alten Gebäuden. Auch andernorts wurden Überreste verfallener Gebäude in den natürlichen Kreislauf eingebunden und wiederverwertet. Was Schröck zudem bedauerte: Früher sei an der Hausform „unverwechselbar“ feststellbar gewesen, in welcher Gegend man sich befand. Nach dem Krieg habe man viel abgerissen und nicht mehr für die Gegend typisch gebaut. Er verwies auf den Dokumentarfilmer und Autor Dieter Wieland, der sich bereits seit den 1970er Jahren der Verschandelung der Natur, der Zersiedelung der Landschaft und der Unwirtlichkeit der Städte, u.a. in seiner großen Reihe im BR-Fernsehen „Topographie“ widmete. Dieser habe festgestellt, „nicht viel erreicht“ zu haben. Mit seinem bezüglich Fehlplanungen nach wie vor aktuellen Beitrag „Grün kaputt“ können sich Interessierte derzeit – der Beitrag ist seit Entstehen vor rund 40 Jahren unverändert – im Reglerhaus auseinandersetzen.

An Negativbeispielen im Allgäu mangelte es Schröck nicht, u.a. der Abriss der Ortsmitte in Blaichach, für die es große Pläne gegeben habe – bevor die Finanzkrise diese zugunsten eines großen Parkplatzes zunichte gemacht habe. In vielen ehemaligen Hofstellen lebe nur noch eine alte Person oder sie stünden bereits leer, dem Verfall preisgegeben. Der Ostallgäuer Kreisbaumeister und Podiumsgast Jakob Lax machte dafür oftmals steuerrechtliche Probleme verantwortlich, durch die Hofstellen „schwer aus dem Betriebsvermögen zu nehmen sind“. Auch wenn einer gerade kein Geld brauche, warum sollte er dann verkaufen?

„Baukultur braucht Bildung“, so Schröcks Überzeugung, um mehr Sensibilität erreichen zu können. Diese sei zu seinem Bedauern auch in der Politik oft nicht erkennbar. Fingerspitzengefühl mahnte er aktuell z.B. in Kempten beim Sparkassen-Quartier an oder in Immenstadt für die Zukunft des Hofgartensaales. Im Allgäu gebe es generell genügend Bauten, „man muss eigentlich nichts Neues bauen“, warb Schröck für die drei R der Abfallvermeidungs-Hierarchie: „Reduce, Reuse, Recycle“ (Reduzieren, wiederverwerten, aufbereiten) für einen sinnvollen Umgang mit „Grauer Energie“.

Widerstand aus der Bürgerschaft für Erhalt

Einen erfolgreichen Kampf hat eine inzwischen Bürgergenossenschaft in Bühl am Alpsee gegen den Abriss des 1865 erbauten, denkmalgeschützten Schulgebäudes geführt, wovon die Kunstwissenschaftlerin und Vorständin der Alten Schule Bühl eG Susan Funk berichtete. Die von Schröck am 6. Januar 2020 organisierte Mahnwache, zu der rund 300 Menschen gekommen waren, sei „der Beginn des Widerstands“ gewesen. Unter der Schule seien sogar Baudenkmäler vermutet worden, aber das „war dem damaligen Bürgermeister egal“.

Dennoch „gibt es nach wie vor viele Gegner“ der Initiative, die enttäuscht darüber seien, dass das geplante Gemeinschaftshaus nun nicht komme, schilderte Funk auch eine andere Sicht in der Bevölkerung. Im sanierten Gebäude sollen ihr zufolge Dorfsaal, Co-Working-Spaces, Café/Bistro und Mächler:innen Werkstatt Platz finden.

„Wichtiges berufspolitisches Thema“

Der Kemptener Architekt Jörg Heiler, Landesvorsitzender Bund Deutscher Architekten (BDA) und im Vorstand der Bayerischen Architektenkammer, verwies auf die zehn Thesen des BDA-Postulats „Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“, mit dem sein Berufsstand klare Position beziehe, u.a. durch „politisch denken und sich einmischen“ oder These 3 „Achtung des Bestandes“. Bestandsgebäude hätten schließlich auch „sozialen Wert“ sowie eine „zeithistorische Dimension“ und seien deshalb auch ein „ganz wichtiges berufspolitisches Thema“. Als weiteres Instrument verwies Heiler auf die Publikation mit Ausstellung „Sorge um den Bestand. Zehn Strategien für die Architektur.“ Darin laden Architektinnen und Architekten dazu ein, sich mit der Permanenz von Gebautem und Gewachsenem zu befassen, weiterzudenken.

Trennung zwischen Vorgaben von Neubau und Altbau nötig

„In ganz Bayern die gleiche Thematik“ sieht Architekt und Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter, ehemaliger Leiter des Staatlichen Bauamtes in München und langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins in Kempten. Deshalb habe er sich einst zum Ziel gesetzt, „jeden Abbruch zu verhindern“ und statt dessen die Frage zu stellen, „was kann ich aus dem Gebäude machen“. Dass er nicht nur redet, hat er bekanntlich u.a. durch seine Einmischung beim Sparkassen-Quartier bewiesen oder auch als das ehemalige Gesundheitsamtsgebäude einem Neubau für die Polizei hätte weichen sollen. Zwar werde noch immer viel abgerissen, aber seit den 1960er Jahren habe sich auch „viel getan“.

Großes Lob sprach er der Sozialbau u.a. für die Sanierung der alten Spinnerei und Weberei aus. Insgesamt werde auch bei der Stadt Kempten auf Erhalt geachtet. Um künftig den Abriss von Gebäuden wie das ehemalige Bavaria bzw. Weiß-Haus oder Haslacher Hof zu vermeiden, empfiehlt Ritter künftig „besser einen volkswirtschaftlichen Weg zu gehen, als den betriebswirtschaftlichen“. Vor allem aber kritisiert er: „Mit der bestehenden Bauordnung kann ich keinen Altbau sanieren“, das sei „schlichtweg unmöglich“. Vielmehr müsse getrennt werden zwischen den Vorgaben für Neubau und Altbestand. Das sah in der anschließenden offenen Gesprächsrunde auch Sozialbau-Geschäftsführer Herbert Singer so, der „Verordnungen in unserem Land“ sieht, die „eine Kuh zum Stabhochsprung bringen müssen“, v.a. bei Brandschutz, Barrierefreiheit und Energieeffizienz. „Ein Bestandsgebäude kann nicht das Gleiche wie ein Neubau“, betonte er.

Mangelnde Sensibilität für Baukultur

Jakob Lax, Ostallgäuer Kreisbaumeister und abschließender Podiumsredner, sieht vor allem mangelnde Sensibilität für Baukultur. Erst wenn man sich die kulturellen Hintergründe des Gebäudes, seine bauliche Qualität und Historie „genauer anschaut“, könne man diese bewerten und schließlich eine „nachhaltige Entscheidung treffen“. Problematisch sieht er die „Kaskade“ an Fördermöglichkeiten, „die manchen verzweifeln lässt“, angefangen bei Stiftungen bis zu Entschädigungsfonds. Auch wisse man bei vielen Fördertöpfen erst sehr spät, wieviel drin sein wird, „was für uns in der Beratung eine blöde Situation ist“.

Von einem regelrechten „Dschungel“ bei den Fördermöglichkeiten weiß auch Funk ein Lied zu singen. Man stoße dabei „ständig auf Hürden“ und komplizierte Anträge“. Viele Förderungen gehen aus Sicht Ritters zudem „in die falsche Richtung“. Leider seien alle bisherigen Versuche, eine unabhängige Beratung an Kommunen zu installieren, gescheitert. Und noch ein Problem stößt ihm auf: Spekulationsobjekte, bei denen die Stadt preislich meist nicht mithalten, vielleicht aber ein Vorkaufsrecht Abhilfe schaffen könne.

Für Thomas Meusburger, Architekt und Zuhörer, geht es nicht zuletzt um „den Respekt, den man den Leuten gegenüber haben müsste“, die beispielsweise 1920 etwas gebaut haben. Bezüglich der Investoren, die „wie Kraken“ auf Baulücken vorgingen, müssten nicht nur die Regierungen reagieren. Es sei ebenso „das Bewusstsein der Menschen gefordert“.

„Wir müssen weg vom Verhindern“, sieht Heiler auch „eine Chance“, beginnend auf der baurechtlichen Ebene, denn es brauche eine „Umbauordnung“ und vor allem auch eine „Kostenwahrheit“, da die tatsächlichen Kosten sonst einfach nur in die nächsten Generationen verschoben würden.

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