Klopfen und Lauschen 

Baumsonographie an der 150 Jahre alten Dietmannsrieder Friedenslinde 

Christian Knaus bei der Baumsonografie.
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Christian Knaus bei der Baumsonografie.

Dietmannsried – Die alte Friedenslinde auf der Motte im Inselweiher ist ein Wahrzeichen der Marktgemeinde Dietmannsied. 150 Jahre hat der stattliche, wunderschöne Baum seit seiner Pflanzung 1870/71 ins Land ziehen sehen. Somit ist es nicht nur eine Frage der Sicherheit und Haftung, sondern fast schon Ehrensache, dass man sich seitens der Gemeinde um das Wohlergehen des liebgewonnenen, betagten Dorfbewohners sorgt. Neben der jährlichen regulären Kontrolle lässt man ihm hin und wieder sogar eine Schalluntersuchung – genauer gesagt, eine Baumsonographie – angedeihen. Dabei wird die Holzfestigkeit überprüft und so die Bruchfestigkeit beurteilt. Wir haben dem Baumpfleger Christian Knaus bei seiner letzten Überprüfung über die Schulter geschaut. Vor 20 Jahren war er einer der ersten, die in einen Schalltomographen investiert haben. 

Für den Baumpfleger und Baumkontrolleur Christian Knaus, der im Lauf seines Berufslebens schon häufig von öffentlichen Stellen beauftragt wurde, ist seine Arbeit eine echte Herzensangelegenheit. Der erfahre- ne Experte aus Kempten liebt „seine“ Bäume und setzt sich mit großem Fachwissen und vor allem mit viel Herz für sie ein. Auch die markante Friedenslinde am Inselweiher in Dietmannsried  gehört schon seit vielen Jahren zu seinen Schützlingen, die er regelmäßig untersucht. „Jede Kontrolle beginnt mit der Sichtkontrolle“, erklärt er. „Dabei schaue ich auf das Gesamt- bild des Baumes und auf eventuelle Auffälligkeiten wie beispielsweise Wülste am Stamm – hier hat der Baum Schäden repariert, vergleichbar mit einem aufgeschweißten Blech beim Auto. Ist die Krone dicht oder licht? Wie sehen Stamm, Rinde und der Übergang zum Wurzelbereich aus?“

Schnell wird klar: Was der Laie nur auf ausdrücklichen Hinweis hin be- merkt, besitzt für den Profi auf den ersten Blick große Aussagekraft. Darum schaut Knaus in jeden Ritz in der Rinde. „Schlecht wäre es, wenn die Rinde sich ablösen würde – das ist hier nicht der Fall.“ Auch Baumpilze spielen bei der Begutachtung eine wichtige Rolle. „Die müssen nicht per se schlecht sein – in manchen Fällen besteht eine Symbiose. Dann liefert der Baum dem Pilz Kohlehydrate und erhält im Gegenzug über dessen Myzel wichtige Spurenelemente. Bei gesunden Bäumen ist die Resilienz in den äußeren Holzschichten so stark, dass der Pilz nicht tief ins Innere vordringen kann, wo er schwerwiegende Schäden verursachen könnte“, sagt Knaus. Auch wenn ein Baum hohl sei, mache das „in den allermeisten Fällen überhaupt nichts aus, denn entscheidend für die Statik und die Lebenskraft ist der äußere Bereich. Die Lebensprozesse finden unter der Rinde im Splintholz statt.“ Die Probleme befänden sich oftmals im Wurzelbereich, erklärt er und fügt kritisch hinzu: „Das größte Problem für Bäume sind wir Menschen.“

Manche Bäume könne man nicht mehr retten, aber „viel zu oft werden auch wertvolle, völlig gesunde alte Bäume einfach so umgehauen, einfach nur, weil sie jemandem im Weg standen“, schüttelt er den Kopf. „Das häufigste Todesurteil sind Baumaßnahmen. Sehr oft werden dabei die Wurzeln zerstört, was ein langsames Sterben nach sich zieht. Wenn der Baum dann ein paar Jahre nach den Bauarbeiten kränkelt und eingeht, denkt meist niemand mehr daran, dass jene eigentlich die Ursache waren.“

Mit seiner aufwändigen Baumsonographie kann Christian Knaus verschiedenen Arten der Baumfäule auf die Schliche kommen. „Die haben viele alte Bäume. Das bedeutet aber nicht das Aus. Wenn das Fundament stabil ist und die Lebenskraft stimmt, ist alles okay.“ Für die Untersuchung der Friedenslinde bringt er rings um den Stamm mit seinen 3,78 Metern Umfang 16 Schrauben in geringer Tiefe an. „Das verursacht nur minimale Schäden im Splintholz“, betont er. Auf jeden Schraubenkopf wird ein Sensor gesteckt. „Die Messebene liegt da, wo die statische Belastung am größten ist.“ Die Messung selbst erfolgt mit Klopfschall. Das heißt, Knaus schlägt mit einem speziellen Hammer reihum mehrmals auf jede der Schrauben. „Ich erkenne manchmal schon am Klopfgeräusch, ob Schäden vorliegen“, sagt er. Der Hammer ist per Kabel mit dem mitgebrachten Tablet verbunden. Darauf ist eine spezielle Software installiert, die die Daten aufnimmt, auswertet und zu einem – sogar für den Laien verständlichen – Bild zusammensetzt. „Bei jedem Schlag wird die Zeit gemessen, die der Schall benötigt, um vom Klopfgeber zu den anderen Messpunkten zu gelangen. Je fester und somit stabiler das Holz ist, desto schneller läuft der Schall.“ Diese Bereiche werden schwarz oder dunkelbraun dargestellt. Andere Farben können anzeigen, dass im jeweiligen Bereich eventuell verschiedene Schwierigkeiten wie z.B. Risse oder Fäulnis bestehen.

Nach einer ganzen Weile Klopfen, Lauschen und auf dem Bildschirm Prüfen, steht das beruhigende Ergebnis fest: „Die Friedenslinde hat zwar zentrale Kernfäule, aber das ist für die Bruchfestigkeit und die Baumphysiologie nicht relevant“, sagt Knaus. Die Dietmannsrieder können sich also auch noch die nächsten Jahre an ihrer Linde erfreuen und sich im Sommer in ihrem Schatten abkühlen.

Sabine Stodal

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