Lehrer wünschen sich mehr Unterstützung - personell wie sozial- und heilpädagogisch

Steht die Mittelschule vor dem Kollaps?

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Das Buch, in dem Martin Güll (SPD), Vorsitzender des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag, die Sorgen und Nöte der Lehrer notiert, ist schon ziemlich voll. Zusammen mit der regionalen SPD-Landtagsabgeorndeten Ilona Deckwerth hat Güll Schulvertreter aus dem Allgäu nach Kempten geladen, um zu hören, was an den Schulen los ist.

Die Lehrer an den bayerischen Mittelschulen fühlen sich alleine gelassen. Um die immer größer werdenden Herausforderungen von Ganztages-Angebot, über Inklusion bis hin zur Integration stemmen zu können, bräuchte es mehr sozial- und heilpädagogische Unterstützung.

Dringend benötigt wird auch Lehrpersonal, das es auf dem Markt einfach nicht mehr gibt. Von diesen Missständen berichten die SPD-Politiker Martin Güll, Vorsitzender des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag und die regionale SPD-Landtagsabgeorndete Ilona Deckwerth, Sprecherin der Landtagsfraktion für Menschen mit Behinderung und Inklusion.

Güll war auf seiner „Schulkonferenz“-Reise nach Kempten gekommen, um von regionalen Lehrkräften, Schulleitern, Elternvertretern, Verwaltungsangestellten und Schülern zu erfahren, wie es um die bayerischen Schulen bestellt ist. 20 Vertreter fast aller Schularten waren vor allem aus dem Oberallgäu, Lindau und auch bis aus Memmingen der Einladung gefolgt. Insgesamt 20 Städte in ganz Bayern möchte Güll bereisen. Nachdem er unter anderem bereits in Mühldorf, München, Weiden, Regensburg, Coburg Halt gemacht hatte, war Kempten Gülls 13. Station. „Es sind nicht nur einzelne Lehrer die jammern“, sagt der Bildungspolitiker, „die Probleme ziehen sich durch ganz Bayern.“

„Heutzutage brauchen alle Schüler an der Mittelschule Begleitung in irgendeiner Form“, sagt Deckwerth. Den „normalen“ Schüler gebe es dort nicht mehr. Es fehlen Schüler, die die anderen mitziehen. Und der schlechte Ruf der Schulart erhöht den Druck auf Grundschüler enorm, den Schnitt für das Gymnasium zu erreichen. „Unsere Antwort auf das Problem wäre die ‚Gemeinschaftsschule‘, in der die Klassen fünf bis zehn an nur einer Schulart unterrichtet werden“, erklärt die Politikerin.

Zwar seien bereits Sozialpädagogen an den Schulen tätig, doch reichten diese bei Weitem nicht aus, um flexibel und präventiv agieren zu können. Diese Kräfte sind im Bildungsetat nicht vorgesehen. „Unsere Anfragen dahingehend sind immer abgelehnt worden“, sagt Deckwerth. Bei den Lehrern fordert die SPD, zehn Prozent über dem Budget einzustellen, damit die Schulen bei Schwangerschaften, Krankheitswellen, Fortbildungen handlungsfähig bleiben.

Während an der Mittelschule die Lehrer fehlen, finden derzeit viele Gymnasiallehrkräfte bestimmter Fächer nach der Ausbildung keine feste Anstellung und hangeln sich von Aushilfsvertrag zu Aushilfsvertrag. Vor allem an den Grenzen zu anderen Bundesländern führen die Probleme zu Abwanderung, sowohl von Schülern als auch von Lehrern. „Vor allem Hessen wirbt massiv mit Verbeamtungen“, erklärt Güll. Dabei werden mit dem wiedereingeführten neunjährigen Gymnasium in ein paar Jahren 1000 bis 1200 neue Lehrkräfte benötigt. Zählt man den Aufwand des auszubauenden Ganztagsangebots dazu, sind es noch mehr.

Ein Thema, das Lehrer aller Schularten angesprochen hätten, sei die Digitalisierung. Da sich nicht alle Kommunen die Ausstattung aller Schüler mit ­Tablets leisten können, drohe die Gefahr einer „Zwei-Klassen-

Gesellschaft“. Güll sieht hier den Freistaat in der Pflicht. Auch der Aufwand für die Wartung könne bei solch einer großen Zahl an Computern nicht mehr von den Lehrern selbst gestemmt werden. „Man bräuchte IT-Spezialisten, die das Lehrpersonal hier unterstützen“, so Güll.

Nach dem Ende der „Schulkonferenzen“ steht für den Politiker die parlamentarische Aufarbeitung der Erkenntnisse an. Bis zur Wahl möchte er zahlreiche Gesetzesanträge und parlamentarische Anfragen erstellen. Denn „wir sind zwar gut in Bayern, aber es gibt noch Luft nach oben“.

Angesprochene Probleme bei der Kemptener Schulkonferenz:

• FOS: Wegen der geringen Schülerzahlen im ländlichen Raum ist es nur schlecht möglich, einen neuen Zweig, wie den des Gesundheitswesens, einzuführen. Hier brauche es flexiblere Bedingungen.

• Realschule: Das Ganztags-

angebot sei gut, aber die Zusammenarbeit mit Sozial- und Heilpädagogen müsse besser werden.

• Grundschule: Die Anrechnungsstunden, die Schulleiter für ihre Leitungstätigkeiten erhalten, reichen durch den hohen Verwaltungsaufwand nicht mehr aus.

Susanne Kustermann

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