Bedrückende Art

Es war eine Premiere der Extraklasse, mit der das Bayerische Staatsschauspiel ein begeistertes Publikum im Theater in Kempten (TiK) beglückte. „Ich, Feuerbach“ von Tankred Dorst bot in der Inszenierung des Regisseurs Veit Güssow ein fesselndes, mit Metaphern gespicktes Zweipersonenstück, in dem der Schauspieler Robert Joseph Bartl mehr als in der tragisch-komischen Rolle des Protagonisten aufging – ja, er war Feuerbach mit Haut und Haar, mit Leib und Seele.

In einer eineinhalbstündigen Glanzleistung lies er das Publikum an allen Licht- und Schattenseiten des egozentrischen Feuerbach und seiner Lebenswelt Theater teilhaben, zugleich Sinnbild für ein Gesellschafts- und Arbeitssystem, das den Menschen sich gegenseitig bedingende und auch kreierende Masken und Rollen aufnötigt, in dem Lüge zur Normalität, zur Überlebensstrategie geworden ist, das Außenseiter kalt stellt. In Perfektion zeigte Bartl den kindlich-naiven, den überheblichen dann wieder in sich zusammensackenden oder auch aggressiven Feuerbach. Waren es zu Beginn noch eine Reihe komischer Szenen, die den Zuschauern ein Lachen entlockten, rückte schon bald die dahinter steckende Tragik auf bedrückende Art in den Vordergrund. Fünf Jahre Bühnenabstinenz haben aus dem einst gefeierten Schauspieler Feuerbach einen Bittsteller gemacht, den der Regisseur Lettau beim Vorsprechtermin warten lässt. Nur der Regieassistent, dessen auf Feuerbach provozierende Art aus Gleichgültigkeit von Shenja Lacher hervorragend zum Ausdruck kam, ist anwesend. Das gemeinsame Warten wird für beide zur Zerreißprobe. Feuerbach, der, wie ihm entschlüpft, die letzten fünf Jahre in der Psychiatrie verbracht hat, läuft zur Hochform auf, erzählt von seinen Bühnenerfolgen und Niederlagen, die dem jungen Assistenten nichts mehr sagen, legt nach und nach Maske für Maske ab, entblößt sein Innerstes – und flüchtet auch in Scheinwelten, sichtbar nur für ihn. Wer ist dieser Feuerbach, der Genie, Wahn und Wirklichkeit zu einer fast untrennbaren Einheit verschmelzen lässt? Als Feuerbach dem Assistenten aggressiv zu nahe kommt, fällt auch dessen Maske für einen kurzen Moment völlig. Seine ganze Abscheu vor dem großen Lettau geradezu herauskotzend, lässt er den von Feuerbach zum Herrn über Untergang und Leben erhobenen Regisseur zu einem abstoßenden Unmenschen schrumpfen. Auch für Feuerbach wird der niemals sichtbar werdende Lettau nicht zum Retter. Als er endlich den Tasso-Monolog aus Goethes Drama vorsprechen kann, ist Lettau schon gegangen. Feuerbach verlässt die Bühne wie er sie betreten hat – im Dunkel. Ein Spot richtet sich auf die von ihm zuvor errichteten Häuschen aus Karton – das mittlere Kartenhaus fällt in sich zusammen.

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