Beeple. Bitcoin. Bargeld. Beuys. 

Wie das Internet heute Kreativität, Kunst und Kapital verändert 

Druckfrisch, signiert und mit Staeck-Zertifikat: einer von acht echten Beuys 10.000-Lire-Scheinen.
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Druckfrisch, signiert und mit Staeck-Zertifikat: einer von acht echten Beuys 10.000-Lire-Scheinen.

5.000 Bilder. 443.902.761 Pixel. 69.346.250 Dollar. Beeple. Die Feuilletons aller großen Zeitungen überschlugen sich Anfang März 2021 angesichts dieses atemberaubenden Auktionsergebnisses für das digitale Kunstwerk des Computergrafikers Mike Winkelmann. Beeple, der sich selbst als „politischer Cartoonist“ bezeichnet, postet seit 2007 fast täglich ein digitales Bild in den Sozialen Medien. Nun verdrängte er mit seinem Verkaufserfolg sogar Gerhard Richter aus den Top 3 der teuersten lebenden Künstler und rangiert plötzlich selbst direkt hinter Jeff Koons und David Hockney, der ironischerweise tatsächlich seit 2008 regelmäßig mit einem Stift auf iPhone- und iPad-Touchscreens leuchtend luftige Zeichnungen kreiert. Schon seit mehreren Jahren schrauben sich Auktionsrekorde immer weiter nach oben. Hat Joseph Beuys also mit seiner legendären Parole „Kunst = Kapital“ recht behalten? 

Digitale Renditen

Auch Beuys war in den 1970er Jahren mit seiner Kunst in einer ähnlichen Rangliste neben Andy Warhol und Robert Rauschenberg unter den Top 3 geführt. Allerdings standen hier noch nicht finanzielle Auktionserfolge im Vordergrund, sondern Ausstellungen in bedeutenden Museen und Besprechungen in angesehenen Kunstzeitschriften. Ein umfangreiches Punktesystem ermittelte die künstlerische Relevanz. Das 1970 von Kunst- und Wirtschaftsjournalist Willi Bongard für die deutsche Wirtschaftszeitschrift Capital entwickelte Verfahren erinnert dabei ein wenig an die Weltrangliste im Tennis. Bongards Kunst-Kompass stand wegen seiner nicht wirklich nachvollziehbaren Bewertungskriterien immer wieder in der Kritik.1 Dennoch sagen solche Punktesysteme in der Summe immer noch mehr über den Wert von Kunstschaffenden aus als spektakuläre Auktionsergebnisse. Wer nun glaubt, Beeples Erfolg wäre über Nacht aus dem Nichts gekommen, der irrt. Bereits im Dezember 2020 verkaufte der Grafiker eine 20-teilige Bilderkollektion für 3,5 Millionen Dollar. Im Februar 2021 wechselte seine zehnsekündige animierte Videoarbeit „Crossroads“ für 6,6 Millionen Dollar den Besitzer. Angesichts der Dynamik dieser Summen fühlt man sich an Damien Hirst erinnert, der 2008 bei Sotheby’s 287 Arbeiten für 172 Millionen Dollar versteigern ließ.2 Werke von Beeple könnten Hirsts Rekorde künftig weit übertreffen, denn ein Sammler hatte „Crossroads“ ursprünglich am 4. November 2020 für „nur“ knapp 67.000 Dollar erworben3. Vier Monate später hatte sich der Preis dafür fast verhundertfacht und Beuys‘ Parole scheint damit sogar ins Gegenteil gekehrt: „Kapital = Kunst“.

Kreativität = Kapital

Als Beuys seine Gleichung „Kunst = KAPITAL“ samt Signatur mit schwarzem Filzstift auf druckfrische Zehn-Mark-Scheine notierte, hatte er andere Ideen im Kopf. 1977 verdeutlichten Gleichungen wie „erweiterter Kunstbegriff = Kapital“, „Kapital = Fähigkeit“ und schließlich „Kunst = KAPITAL“ auf der documenta 6 die Beuys‘sche Vision von einer Welt, die ihre Kreativität als treibende Kraft und somit als Kapital der Gesellschaft begreift. Jedes Individuum soll sich auf seine Stärken besinnen und diese einbringen. „Jeder Mensch ist ein Künstler“, der seine Umgebung mitgestaltet. Die sich in diesem Sinne weiterentwickelnde Gesellschaft wird so im bildhauerischen Sinne zu einer „sozialen Plastik“. Beuys schrieb während seiner Vorträge solche Erkenntnisse meist mit Kreide auf große Schultafeln. Insgesamt 36 davon bildeten anschließend die Grundlage für seine spätere Installation „Kapital-Raum 1970-1977“. Im gleichen Jahr überarbeitete Beuys auch eine Zeitungsseite zu Anleihen der Inter-American Development Bank. Dieser Bank traten damals 13 europäische Staaten bei. Über 4.000 kleingedruckte Nummern listet der Ausdruck, zwei Drittel davon sind künstlerisch großzügig mit Rostfarbe getilgt. Die letzte dieser gedruckten fünfstelligen Ziffern unten rechts erweiterte Beuys hingegen handschriftlich mit Bleistift um eine weitere Ziffer.4 Ein kleiner Pfeil zeigt auf diese künstlerische Datenmanipulation, das Werk heißt sinnigerweise „Kreativität = Kapital“.

Ob Beuys, der gerne Zeitung las, damals an den zeitgleichen „Chiasso-Skandal“ dachte, bei dem betrügerische Zinsmanipulationen einer Züricher Großbank aufgedeckt wurden?5 Beuys‘ Werke waren zur selben Zeit in Willi Bongards CAPITAL-Kunstkompass als günstig unter Marktwert eingestuft. Bongard war aber auch befreundetes Gründungsmitglied des 1973 gegründeten Trägervereins für eine geplante „Freie Akademie“, dieser Interessenkonflikt wurde damals wohl gern übersehen. Einflussnahmen im Kunsthandel sind eben meist von subtiler Natur, denn das Wissen um geplante Einzelausstellungen oder diskutierte Ankäufe reicht, um potenzielle Wertsteigerungen vorhersehen zu können. An der Börse gilt Insiderhandel als Straftat. In der Kunst aber nicht.6

Bitte in Beuys bezahlen!

Beuys machte sich bereits im Vorfeld seiner Installation auf der documenta 6 in Kassel konkrete Gedanken zu Themen wie Wirtschaft, Lohn und Geld. „Kreativität ist gleich Volksvermögen“, erklärte er schon 1964 auf dem „Festival der neuen Kunst“ in Aachen. „Ich habe das Gefühl, dass neue Ideen in der Nationalökonomie nur noch aus der Kunst kommen können“, zitiert ihn das Wirtschaftsmagazin CAPITAL in Ausgabe 6/77. Im Rahmen der Themenausstellung „Kunst= Kapital“ präsentierte die Schweizer Galerie Ficher-Rohr im Jahr 2011 nun Werke von Joseph Beuys, die in Folge seines Besuchs bei CAPITAL zeitnah entstanden sein sollen. Ein Heft zur Ausstellung zeigt zehn Geldscheine unterschiedlicher Währungen, jeder gestempelt und mit zwei überlagerten Joseph Beuys Signaturen in Bleistift und dünnem Filzstift versehen. Das Exposé datiert die unbetitelte Serie auf 1977. Die Basler Zeitung7 schreibt dazu: „Er unterschrieb damals die Noten verschiedenster Währungen – von Dollar über Lira bis Mark. Mit dem Ziel, deren Wert gleichzuschalten und eine einzige Kunstwährung zu schaffen. Kunst sollte nicht nur sozial, sondern auch Kapital sein.“ Bezüglich der Signaturen Beuys‘ war weiter zu lesen: [...] Bei Banknoten hat das aber einerseits eine besondere Berechtigung, da sie quasi von Natur aus schon Unterschriften von Nationalbankchefs enthalten, die es zu übersteuern gilt. [...]“ Galeristin Rita Ficher erklärt dazu, der für CAPITAL tätige Grafikdesigner und Künstler Karl Gerstner hätte 1977 bei Beuys‘ Besuch den Gedanken formuliert, dass Künstler ihre eigene Währung haben. Chefredakteur Manfred Schumacher habe im Anschluss Beuys einen Brief geschrieben und Geld- scheine verschiedener Länder mitgeschickt. Er habe ihn gefragt, ob er die Banknoten unterschreiben würde, da er der Ansicht war, mit der Unterschrift von Beuys würden alle Banknoten egalisiert werden. So würde eine neue Währung geschaffen, die auf der ganzen Welt den gleichen Wert habe. Leider finden sich keine weiteren Belege, die diese durchaus reizvolle, künstlerische Intention faktisch untermauern. Dennoch ließe sich damit erklären, warum Beuys wiederholt ausländische Banknoten in dokumentierten Auflagen beschriftet und signiert hat. Anlässlich der ausgestellten „Beuys-Banknoten“, die zu Stückpreisen von 4.000 Franken und höher gehandelt wurden, titelte die Basler Zeitung dazu treffend: „Bitte in Beuys bezahlen!“

Museum des Geldes

Ungeachtet der CAPITAL-Banknoten-Idee hatte Joseph Beuys bereits 1974 echte Geldscheine zum zentralen Element eines Kunstwerks gemacht. Hinsichtlich des Signierens von Dollarnoten wird zwar immer wieder auf Andy Warhol verwiesen, dieser hat sich künstlerisch aber auf die reine Abbildung von Geld in Gemälden und Siebdrucken konzentriert. Beuys darf somit als legitimer Vorreiter für Kunstwerke mit echten Banknoten gesehen werden. Nach einer Reise in die USA schrieb er für das Auflagen- Multiple „Notice To Guests“ auf Ein-Dollar-Scheine den Namen des gewalttätigen Bankräubers „John Dillinger“. Für die Ausstellung „Museum des Geldes“, die 1978 erstmals die fast vollständige Installation „Kapital-Raum 1970-1977“ präsentierte, griff er gemeinsam mit Klaus Staeck die Dollar-Idee nochmals auf. Zur Eröffnung eben dieser Ausstellung lud der beteiligte Künstler Daniel Spoerri abends mit signierten Euroschecks als Tickets zum Essen ein. In Gesellschaft niederländischer Künstler hat Beuys aber wohl mit einem signierten Zehn-Gulden-Schein Eintritt verlangt, wie 2001 eine Sotheby‘s-Versteigerung in Amsterdam belegt. Anschließend wurde das Geld wie eine Eintrittskarte durchgetrennt.8 Auch hier wurde also anscheinend bar in „Beuys‘ bezahlt.

Ein Zehner für 300 Mark

1979 kürte der CAPITAL Kunst-Kompass Joseph Beuys zur Nummer 1 des Kunstmarkts nach Ausstellungspunkten. Das nahm eine Düsseldorfer Galerie zum Anlass, unter dem mehrdeutigen Ausstellungstitel „Kunst = Kapital“ die Top 3 der Liste zu einer gemeinsamen Ausstellung einzuladen. Ein Ölbild Andy Warhols im Großformat kostete in der Galerie zu dieser Zeit 38.000 DM9, eine Collage von Robert Rauschenberg 34.000 DM10. Auch Beuys bewegte sich bereits mit Unikaten in dieser Preisliga. Er präsentierte aber zur Eröffnung der Ausstellung zwanzig seiner signierten „Kunst = KAPITAL“-Zehner zum Verkauf. Beuys soll an dem Abend aber auch einfach so Geldscheine der Gäste signiert haben.11 Der Kunsthistoriker Mario Kramer vermerkt hierzu: „Der Geldschein wird in seinem eigenen Charakter als Multiple entlarvt und in seiner Nutzlosigkeit bloßgestellt.“12 Das Kunstpublikum war irritiert und reagierte wohl verhalten, denn vier Jahre später hatte der Verleger Klaus Staeck noch immer signierte Zehner für 300 DM im Angebot.13

Teure Sammlerstücke

Inzwischen sind diese Geldscheine begehrte Sammlerstücke und werden von renommierten Kunstgalerien in unterschiedlichsten Währungen für bis zu 7.000 Euro angeboten. Neben den nummerierten Zehnern gibt es in begrenzter Auflage noch Zwanziger und Fünfer, Lire-Scheine, Britische Pfund und sogar ein Einzelstück Isländischer Kronen, die durch Zertifikate der Edition Staeck belegt werden können – wenn die Scheine dort ursprünglich gekauft wurden. Ohne solche Zertifikate wird der Erwerb aber zum Glücksspiel, da Beuys eben auch aus Gefälligkeit zahlreiche Geldscheine mit Parole und Signatur versehen hat. Das 500 Seiten schwere Schellmann-Verzeichnis erwähnt als Standardwerk für Beuys-Multiples ca. 15 weitere nicht nummerierte Zehn-Mark-Scheine. Dies sind aber vermutlich Arbeiten, auf denen „Kunst = KAPITAL“ am oberen Rand des Scheins mit Filzstift14 notiert wurde, während die Signatur mit Bleistift erfolgte15. Online-Recherchen zeigen eine wesentlich höhere Anzahl sich im Umlauf befindender Beuys-Scheine. Da mit dem 2. Januar 1980 das Ausgabedatum der „Dürer/Cranach“-Zehner zum letzten Mal geändert wurde, können hier Fälschungen leider nur schwer nachgewiesen werden. Manche Scheine sind also echt, viele aber leider nicht. Auch bei ausländischen Banknoten hilft nur Expertenwissen. Wenn z.B. ein von Beuys signierter 1.000 Lire Schein den Namen des Bankdirektors Fortunato Spezialis trägt, so kann dieser nicht echt sein, da diese Banknoten erst nach dem Tod von Beuys gedruckt worden sind. Ein darüber informiertes italienisches Auktionshaus versteigerte im Februar 2020 solch ein Stück aber trotzdem.

Dubiose Dachbodenfunde

Gerade kleinformatige Auflagenwerke von Beuys wie signierte Banknoten, Postkarten oder handliche Drucke sind für Fälscher leider eine willkommene Inspiration. Die Kreationen werden anschließend gerne auf Ebay angeboten, viele davon sind erheiternd stümperhaft ausgestaltet, einige aber auch mit verblüffend professionellen Signaturen versehen. Seit 2020 wurden auf Ebay mehrere Dutzend nummerierte und fragwürdig signierte Druckgrafiken von Beuys veräußert, die Abbildungen von weniger bekannten Frühwerken zeigen. Die vermeintlichen Sammlungsauflösungen, dubiosen Dachbodenfunde oder plötzlichen Erbschaften präsentierten auch Werke von Andy Warhol, Gerhard Richter, Damien Hirst und sogar Banksy. Eine Handvoll Anbieterprofile offerierte acht Monate lang insgesamt fast 900 verschiedene Blätter, allesamt im druckerfreundlichen DIN-A4-Format mit Startpreisen zwischen 50 und 100 Euro. Regelmäßig steigen bei solchen Stücken unbedarfte Bieter mit ihren Geboten ein, der Verkäufer versucht dann meist mit weiteren Fake-Profilen den Preis hochzutreiben. Das gelingt nicht immer, in 90 Prozent der Fälle bleibt er sogar als Höchstbietender auf der eigenen Ware sitzen. Die erfolgreichen Verkäufe können allerdings schon mal bei 500 Euro und mehr lan- den und generierten so beachtliche Gewinne von schätzungsweise 3.000 bis 4.000 Euro pro Monat. Leider werden hier aber nicht nur blauäugige Ebayer betrogen. Jüngst tauchten solche unterschriebenen „Farbkopien“ in zwei deutschen Auktionshäusern auf. Eine davon wurde erfolgreich für 700 Euro versteigert.

Signierter Gips für 4.200 Euro

Trotz zahlreicher Fälschungsofferten können aber gerade im Fall Joseph Beuys Kunstangebote auf Ebay, Ebay-Kleinanzeigen oder Catawiki durchaus interessant sein. Beuys signierte zu Lebzeiten eine Vielzahl Multiples, Postkarten, Programme und vermeintliche Alltagsgegenstände. Der Soziologe Hans-Peter Müller schrieb 1976 in seinem Buch „Kunst kommt nicht von Können“ dazu kritisch, „[...] dass viele Bewunderer des engagierten Akademieprofessors Reliquien kaufen. Auf Wunsch signiert er alles, vom Würfelzucker bis zur Einkaufstüte.“ Beuys entgegnete dazu später schlicht: „Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich.“ Eine Beuys-Signatur adelt nun ein unterschriebenes Erinnerungsstück wie einen documenta-Pass noch nicht zum Kunstwerk. Wenn allerdings die Edition Staeck einen signierten und mit einer Hirsch-Zeichnung versehenen, aufgeschnittenen Gipsarm für 4.200 Euro verkaufen kann und damit zum Kunstwerk erhebt, dann scheint tatsächlich alles möglich.

Spielwiese für Nerds

Der Kunstmarkt des neuen Jahrtausends soll vor gewaltigen Umbrüchen stehen. Kryptowährungen werden wie Spielgeld eingesetzt, sogenannte NFT-Technik will als digitale Signatur die Echtheit und Einzigartigkeit jeder Datei garantieren. Krypto-Begeisterte feiern dies als „Demokratisierung des Kunstbetriebs.“ Schon jetzt werden klassische Modelle aus der analogen Kunst adaptiert. Im Februar 2020 verkaufte die mit Tesla-Chef Elon Musk liierte Musikerin Grimes auf je 100 Editionen limitierte Digital- grafiken ihrer vierteiligen Serie „Newborn 1-4“ zu 20 Dollar pro Stück. Weiterverkäufe erzielten bereits über 3.300 Dollar, aktuell wird rund ein Drittel der Dateien für Preise zwischen 1.200 Dollar und absurden 35 Millionen Dollar angeboten.16

Die FAZ resümierte zu der- artigen Phänomenen: „Der NFT-Handel zeigt sich als Spielwiese für krypto-finanzstarke Nerds und Unternehmer, die neue Spekulationsobjekte suchen. Transparent geht es dabei nicht zu.“17 Derweil investiert Tesla 1,5 Milliarden Dollar in Bitcoin und erwägt, die Kryptowährung als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Positive Tweets in Elon Musks Twitter-Profil sorgen für zeitnahe Kurssteigerungen, knapp zwei Monate später führen Verkäufe zu Unternehmensgewinnen von über 100 Millionen Dollar. Beuys hatte also recht: „Kreativität = Kapital“.

Skurril, plump und unterkomplex

So komplex der technische, juristische und philosophische Unterboden dieser neuen Zukunftstechnologie ist, so banal zeigt sich leider aktuell da- mit verbundene Kunst. Das Online-Magazin für digitale Wirtschaft t3n spricht bei Beeples Kreationen von „mehr und minder skurrilen Zeichnungen“18, Ben Davis von artnet erkennt „eher plumpe Kommentare auf Politik und Popkultur“,19 die Kunsthistorikerin Isabelle Graw spricht gar im Allgemeinen von „zumeist inhaltlich und visuell sehr vordergründig unterkomplexen Arbeiten“.20 Dabei könnte die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem neuen Medium durchaus interessant sein. Ist der Programmiercode der ersten Meldung auf Twitter mit dem weltweit veröffentlichten Tweet und seiner Bedeutung selbst gleichzusetzen? Genügt es, einen signierten „Banksy“ zu verbrennen und lediglich sein digitales Abbild in der Blockchain zu verankern, wenn danach noch immer weitere 599 signierte Exemplare existieren?21 Änderte sich die Bewertung, wenn ein echtes Unikat nach seiner Digitalisierung vernichtet würde? Kann das digitale Abbild analoger Erzeugnisse überhaupt echte Kryptokunst sein? Verliert eine Digitalfotografie ihren Status, sobald sie auch nur einmal ausgedruckt wird? Am Ende wird angesichts der gegenwärtig immens hohen Krypto-Kaufkraft die Frage bleiben, ob sich das Analoge überhaupt an das Digitale anbiedern muss. Beeple verlor keine Zeit, den in „Ether“ generierten Gewinn von umgerechnet 53 Millionen Dollar22 umgehend in analoges Geld zu tauschen.23 Christie‘s auch nicht.24 „In einigen Jahren werden die Menschen den wahren Wert dieses Tweets erkennen, wie beim Bild der Mona Lisa“25, verkündete der Blockchain-Unternehmer Sina Estavi, nachdem er bei einer Auktion umgerechnet 2,9 Millionen Dollar für die erste Twitter-Meldung bezahlt hatte. Warum nicht „...wie bei Beeple‘s ‚Everydays‘“? Als Referenz für Wertvorstellungen wird der digitalen Gesellschaft wohl noch lange die alte, analoge Welt dienen.

Analoge Schnäppchen

„Ich bin interessiert an der Verbreitung von physischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin“, erklärte Beuys 1970 in einem Interview. Bis zu seinem Tod am 23. Januar 1986 entwickelte er insgesamt 556 Multiples, von denen nicht wenige als preisgünstige Auflagenwerke in größerer Zahl konzipiert waren. Es ist also nicht verwunderlich, dass 40 bis 50 Jahre später solche Stücke für den Hausgebrauch außerhalb der renommierten Auktionshäuser ganz unbedarft im Internet auftauchen. Mit etwas Glück, Wissen und regelmäßigen Blicken in Nachschlagewerke kann man abseits des gerade boomenden digitalen Krypto-Kunstmarkts so manches seltenes analoges Schnäppchen ergattern. Am Ende ist es vielleicht sogar egal, ob man „Greifbares“ mit Patina oder „Wischbares“ aus Pixeln sammelt, denn unabhängig vom eingesetzten Kapital gilt: „Kunst = LEIDENSCHAFT.“

Christian Hof

Der Artikel entstand im Nachgang eines Vortrags zum Thema, den der Autor vor dem Lions-Club Kempten-Cambodunum gehalten hatte.

Quellenverzeichnis

1 Die Vermessung der Kunstwelt, Paul Buckermann, 2020, Seite 136

2 Damien Hirst Skips the Middleman, Colin Gleadell, Wall Street Journal, 17.09.2008

3 Burned Banksy NFT Sets Art And Crypto Worlds Alight, Lawrence Wintermeyer, Forbes, 03.03.2021

4 Kreativität = Kapital, MoMA, 1977

5 Chiasso-Skandal: Nachhaltiger Imageschaden, Welt, 13.07.2013

6 Der Wert der Kunst, Jacqueline Nowikowsky, 2011, Seite 137

7 Bitte in Beuys bezahlen!, Daniel Morgenthaler, Basler Zeitung, Juni 2011

8 The Henk Peeters Collection Katalog AM0810A, Sotheby‘s, 11.06.2001, Seite 50

9 Zeitgenössische Kunst 2, Denise René, Hans Mayer, 1979, Seite 55

10 Zeichnungen, Gouachen, Grafiken, Denise René, Hans Mayer, 1979, Seite 21

11 Ein Mann stellt die Machtfrage, Alfred Nemeczek, 2004

12 Joseph Beuys ‚Das Kapital‘, Mario Kramer, 1991, Seite 210

13 Joseph Beuys Editionen, Edition Staeck, 1983

14 Joseph Beuys: Mit dummen Fragen fängt jede Revolution an, 1996, Seite 20, Abb.

15 Joseph Beuys - Werbung für die Kunst, 2012, Seite 66-67, Abb.

16 niftygateway.com/marketplace?page=1&collection=0x948b3515d81034a3c16d5393c6c155946c93c103&type=5, 2021

17 Ein Museum für das teuerste Digitalkunstwerk, Ursula Scheer, FAZ, 15.03.2021

18 Krypto-Kunst bei Christie’s: NFT von Beeple erzielt 69 Millionen Dollar, Dieter Petereit, t3n, 11.03.2021

19 Eye Candy, Andrian Kreye, Die Süddeutsche, 29.03.2021

20 Die Kopie als Original, Patrick Beuth, Michael Brächer, Benjamin Knaack, Carola Padtberg, Der Spiegel, Nr. 12/ 20.03.2021

21 Banksy: Morons (2007), myartbroker.com, 2021

22 Krypto-Art-Automat: Dieser Generator kreiert Digitalkunst im Beeple-Stil, Dieter Petereit, t3n, 25.03.2021

23 How Beeple Crashed the Art World, Kyle Chayka, The New Yorker, 22.03.2021

24 Im digitalen Tulpenfieber, Rose-Maria Gropp, FAZ, 27.03.2021

25 This is not just a tweet!, Estavi, Twitter, 22.03.2021, 15:22 

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