Begeisternde Ein-Mann-Show

Eine Besetzung wie man sich kaum eine bessere wünschen kann: Michael Miensopust im Ein-Mann-Erzähltheater „Faust Fiction – Ein virtuelles Roadmovie frei nach Goethe“. Foto: Tröger

„Unterschreib mit einem Tropfen Blut. Winnetou und Old Shatterhand haben das auch so gemacht“, umschmeichelte Mephisto Dr. Heinrich Faust, den Vertrag zu unterzeichnen. Goethes Faust bei aller Ernsthaftigkeit des Inhalts mit unterhaltsamem Witz? Warum nicht? Im Ein-Mann-Erzähltheater „Faust Fiction – Ein virtuelles Roadmovie frei nach Goethe“ zeigte das TheaterInKempten (TIK) in seiner rundum gelungenen dritten Eigenproduktion der Spielsaison, wie das funktioniert.

Die Idee zur kurzweiligen, von hintersinnig-humorvollen Einfällen strotzenden Adaption des großen Klassikers haben Theaterdirektorin Nikola Stadelmann und der schlichtweg geniale Darsteller Michael Miensopust, der bereits mit seinen Parzival- und Macbeth-Adaptionen im TIK brillierte, gemeinsam entwickelt. Die Geschichte in Kurzform: der angesehene Lehrer Heinrich Faust zieht eine niederschmetternde Lebensbilanz und verspricht dem Teufel seine Seele, sollte es ihm gelingen ihn von seinen Selbstzweifeln zu befreien. Dieser verjüngt seinen „Vertragspartner“ und spielt ihm Gretchen in die Arme, die ihre Mutter sowie das gemeinsame uneheliche Kind tötet und dafür hingerichtet werden soll. Wie im Original so auch in der „Fiction“: „Gretchen ist gerichtet“, ertönt es aus Mephistos Mund, doch Engelsstimmen beruhigen den besorgten Faust, aus der Straßenlaterne verkündend „Gretchen ist gerettet“. Grandioses Wechselspiel Problemlos, im bisweilen rasanten Wechsel, schlüpfte Miensopust von der Haut des etwas heruntergekommenen Mephisto in die des sinnsuchenden Faust, fand sich im betörenden Gretchen, streifte deren Nachbarin Marthe und mimte auch noch Valentin, den Rache üben wollenden Bruder Gretchens. Klar, oft nur durch kleine, nicht weniger wirkungsvolle Bewegungen angezeigt, waren Mimiken und Gesten des energiesprühenden Schauspielers im Wechselspiel der Rollen. Spärliche Requisiten sowie das auf eine Bank und einen an einer Straßenlaterne befestigten Mülleimer inklusive Telefon reduzierte Bühnenbild, ließ der Fantasie der rundweg begeisterten Zuschauer zudem großen Spielraum. Die Reise auf dem „Highway to Hell“ durch die Welt traten Mephisto und Faust, wie zwei alte Kumpels beim Junggesellenabschied, im Cadillac an. Auch wenn viele Szenen in der Gegenwart angesiedelt waren und Textpassagen sich frei entfalteten, blieb das Stück mit zahlreichen Originalpassagen doch durchgehend nah am ursprünglichen Goethe-Text. Dass die Hexenküche, in der Faust seinen Verjüngungs- und Liebessehnsuchtstrunk gebraut bekam, die Assoziation mit einem Drive-In-Restaurant in einer eher abgehalfterten Gegend mehr als nahe legte, dass Mephisto gelegentlich deftige Unwörter entschlüpften oder dieser die intime Begegnung von Faust und Gretchen mit Handpuppen – doppelsinnig? – eigenhändig führte: Vielleicht gesellte sich dadurch zu den in Goethes Faust aufgeworfenen Fragen nach Gut und Böse, Himmel und Hölle, Sinn des Lebens und was die Welt zusammenhält noch eine vor allem die Jetztzeit betreffende Frage: Wie steht es um Abgestumpftheit oder Respekt? „Vielleicht mache ich Dich zum Verteidigungsminister“, brabbelte Mephisto am Ende des Stücks, bereits Pläne für einen zweiten Teil „Faust Fiction“ schmiedend, und verließ das Kemptener TheaterOben ganz und gar zeitgemäß auf einem Segway.

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