Wie miteinander leben?

Beim Kulinarischen Tischgespräch diskutierten Bürgerinnen und Bürger mit drei Experten

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Bei einem gemeinsamen Essen mit drei Experten, die sich mit dem Zusammenleben von Menschen beschäftigen, und Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Kempten wurde letzten Donnerstagabend im Haus International über das zukünftige Leben in der Stadt Kempten diskutiert.

Kempten – Wie wollen wir in Kempten miteinander leben und wie kann eine Atmosphäre des Miteinanders geschaffen werden?

Wann und wo braucht es Unterstützung, beispielsweise von Politik, Architektur oder der Stadtplanung? Fragen, die bei einem gemeinsamen Essen mit drei Experten, die sich mit dem Zusammenleben von Menschen beschäftigen, und Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Kempten letzten Donnerstagabend im Haus International diskutiert wurden. Die Organisatoren des Kulinarischen Tischgesprächs, einer Kooperation mit dem Architekturforum Allgäu e.V. und dem Haus International, aus der Veranstaltungsreihe „Bewegter Donnerstag“ hatten zu der Veranstaltung eingeladen. 

„Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen“, begrüßte Lajos Fischer, Geschäftsführer Haus International, die Anwesenden. Und startete sogleich mit der Frage: „Was vermissen sie in unserer Stadt?“ Mehr Gemeinschaftsprojekte, grüne Inseln zum Austausch, kuschelige Nischen, eine fahrradfreundliche Infrastruktur, mehr Raum für Jugendliche, mehr Plätze für Familien mit Kindern, weniger Kommerz und mehr Ruhe, so die Wünsche der Anwesenden für ein zukünftiges Zusammenleben. Äußere Rahmenbedingungen, die neben dem persönlichen Einbringen eines jeden Einzelnen eine wichtige Rolle für ein gelungenes Miteinander einnehmen können. Experte Christoph Deeg, Berater und Speaker für Digitale Transformation, Game Thinking und Musiker, fokussierte sich in seinem Impulsbeitrag auf das Spielen. So könne durch Spielen mehr gelernt werden als durch lesen und studieren. „Spielen ist die älteste Kulturtechnik der Welt“, erklärte Deeg. 

„Menschen spielen als Kinder, um sich ihre Umwelt zu erschließen.“ Für ihn gehe es um Veränderung. Um in Veränderungsprozessen arbeiten zu können, nutze er Modelle aus Spielmechaniken. Man könne die Stadt Kempten auch als kaputtes Spiel sehen, so der Berater. „Was müsste man ändern, dass dieses Spiel wieder Spaß macht?“ Auch für Ainhoa Müller, Innenarchitektin, steht das Spiel im Mittelpunkt. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass das Spiel das Kennenlernen und Aufeinander zugehen erleichtere und auch fördere. „Die Menschen sind viel lockerer. Es entstehen Netzwerke, das Spiel bringt die Menschen zusammen.“ Sie könne sich beispielsweise einen konsumfreien Platz vorstellen, an dem die BürgerInnen generationsübergreifend zusammen kommen. Sich Zeit zu nehmen für das Spiel, sei schwierig, fand Karsten Drohsel, Dipl. Ingenieur Stadtund Regionalplanung, Künstler und Spieleentwickler. 

„Spiel und Leben ist eine Einheit.“ Es sei an jedem Einzelnen, kleine Momente und Abwegigkeiten in den Alltag einzubauen, wie etwa einer Katze für eine Minute zu folgen. Ein Spiel funktioniere nicht ohne Regeln, aber diese Regeln könne jeder selbst aufstellen. „Spiel dein Leben“, resümierte Drohsel. „Ich vertrödle die Zeit. Es ist schön, sich komplett zu verlieren.“ Es sei für ihn Zeit, in der Ideen, Spiele und Inspiration entstehen, so der Spieleentwickler. Zudem könne man beobachten und herausfinden, was in dieser Stadt passiere. „Was nehme ich wahr? Was verbindet uns?“ Doch es sollte nicht jeder alleine spielen, warf ein Teilnehmer ein, sondern gemeinsam und fair. Er könne sich etwa eine Installation in der Stadt vorstellen, an der alle mitwirken könnten, ohne Versagensängste, auch die schüchternen und zurückhaltenden Menschen. Die Angst vor dem Scheitern hindere die Menschen und führe zu einem Verlust der Innovationskraft. Die Städte riechen gleich und hören sich gleich an, so Drohsel, was zu Eintönigkeit und fehlender Vielschichtigkeit führe. 

„Es riecht alles gleich ist der einfachste Weg“, so Deeg. 40 Prozent der EinwohnerInnen der Stadt Kempten haben einen Migrationshintergrund, ergänzte Lajos Fischer. Doch die Läden der Innenstadt spiegeln diese Vielfalt nicht wider. Er wünsche sich eine interkulturelle Öffnung. Doch Veränderung sei mit Verantwortung und den daraus resultierenden Konsequenzen verbunden, so die Kulturbeauftragte von Kempten, Annette Hauser-Felberbaum. „Etwas wagen ist der Schlüssel für Veränderung.“ Doch wie könne die Bevölkerung motiviert werden, sich einzubringen, so die Frage einer Teilnehmerin. „Enthusiasmus und ein Konzept sind notwendig“, erwiderte Hauser-Felberbaum. Zudem müsse eine Atmosphäre geschaffen werden, in der sich Initiativen entwickeln können, betonte Fischer. Es sollten Wege gefunden werden, um die BürgerInnen positiv einzubinden, etwa in der Stadtteilentwicklung, ergänzte Dr. Christine Müller Horn, Museumsleiterin Stadt Kempten. Ein leuchtendes Beispiel sei das Theater in Kempten, so eine Teilnehmerin. Mit viel Kreativität und Begeisterung seien die Menschen abgeholt worden. Und auch das Internet könne die Menschen verbinden, analog und digital, so Christoph Deeg. „Das Internet ist menschlich.“ Ein großes Kunstwerk, das von Menschen geschaffen worden sei, erklärte der Gestalter des digitalen-analogen Lebensraums. Es hätten sich digitale und analoge Lebensrealitäten entwickelt. Über seinen Anteil in diesen Bereichen entscheide jeder Einzelne selbst, erklärte Deeg. So entstehe beispielsweise ein sichtbarer Dialog im Bereich Kundenbewertungen zu Produkten.

„Amazon hat den digitalen Lebensraum verstanden.“ Die Plattform sei darauf ausgerichtet, den Menschen zuzuhören, betonte der Digitalberater. Wie wollen wir in Kempten zusammenleben?“, so das Motto des Abends. Doch „wer sind wir?“, so Lajos Fischer. Es sei situationsabhängig, „wir“ wechsle mehrmals pro Tag, zehn- bis 20-mal, so ein Gast. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe könne viele Ursachen haben, erklärte Drohsel. Es empfinde jeder anders. „Gemeinsamkeiten sind eine Voraussetzung.“ Die Menschen brauchen Andockpunkte, um zu dem „wir“ zu gehören. Man lebe auch nicht über die ganze Stadt, sondern nur in seinem Kiez, da fühle man sich heimisch, so der Spieleentwickler. Gemeinsame Treffpunkte und Angebote für alle, könnten die Gruppenzugehörigkeit stärken, betonte Müller Horn. Mit einem Schlusssatz von Henry Ford: „Habt Mut für Veränderung und bleibt offen für Unerwartetes“ beendete Lajos Fischer die überaus anregende Gesprächsrunde. 

Christine Reder

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