200 Euro, ein Taxi und Offenheit

Beim kulinarischen Tischgespräch tauschen Integrationshelfer Ideen und Erfahrungen aus

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Viele Engagierte fanden sich zum kulinarischen Tischgespräch im Haus International ein.

Kempten – Von einem vergrößerten Esszimmer, in dem sich alle – wie zu Hause auch – gemeinsam unterhalten könnten, sprach Gastgeberin und Moderatorin Laura Cadio, als sie am vergangenen Donnerstagabend das Konzept des kulinarischen Tischgesprächs im Haus International vorstellte. Bei dem die Mensch.Land. Flucht-Ausstellung begleitenden Programm seien nicht nur die Experten, sondern alle herzlich eingeladen, mitzudiskutieren.

„Durch die Globalisierung ist die Welt etwas komplizierter geworden. Heutzutage kann man an mehr Orten als nur einem zu Hause sein“, leitete Lajos Fischer, Geschäftsführer des Haus International ins Thema ein. Vier Experten, die jeweils an den vier Ecken des überdimensionalen Esszimmertisches Platz nahmen, bereicherten die Runde, indem sie aus ihrer eigenen Perspektive erzählten und ihre Erfahrungen teilten. Einerseits als jemand, der selbst in Deutschland angekommen ist und andererseits als Person, die dabei unterstützt, neu hinzugezogene Menschen in der Gesellschaft willkommen zu heißen und zu integrieren. 

Einer der Experten war Samee Ullah. Der gelernte Fluggerätemechaniker ist über mehrere Stationen von Pakistan nach Berlin gezogen und dort als Aktivist und Flüchtlingsberater unterwegs. „Die ersten drei Jahre in Deutschland waren eine schwere Zeit für mich“, meinte Ullah, der aufgrund seines Status als Asylsuchender in der Anfangszeit nicht arbeiten durfte. Die 350 Euro kostende IHK-Berufsanerkennung seiner Ausbildung als Fluggerätemechaniker konnte er sich deshalb nicht leisten. 

Noch während seiner Zeit in der Asylbewerberunterkunft gründete er in Spandau eine Theatergruppe, in der die Geflüchteten als Schauspieler aus ihrem Fluchtalltag berichten konnten. 2016 rief er den Karneval der Geflüchteten ins Leben, an dem Tausende Menschen teilnahmen. Mittlerweile hat Samee Ullah eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und hat sich über ein Angebot des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zum Flüchtlingsberater weiterbilden lassen. 

Eine Teilnehmerin wollte von ihm wissen, ob auch die anderen einen Weg heraus aus der Asylbewerberunterkunft gefunden und Fuß in Berlin gefasst hätten. „Die Sprache ist der Schlüssel zur Arbeit“, erklärte Ullah dazu und berichtete von der Problematik, dass man auf einen Platz in einem Sprachkurs sechs Monate warten müsse. Er erzählte die Geschichte eines Bekannten, der als Küchenhilfe tätig sei, obwohl er eine Ausbildung als Automechaniker habe. „Er könnte in jeder Werkstatt arbeiten, aber ihm fehlen die nötigen Kontakte“. 

Auch für die Zukunft hat der Berliner ambitionierte Pläne. Er möchte sich mit einem Taxiunternehmen selbständig machen und so Geflüchteten einen Arbeitsplatz verschaffen. „Als Taxifahrer kommt man in der Hauptstadt auch mit Englisch sehr weit.“ 

Ein weiterer Experte in der Runde war Sozialarbeiter Lukas Raether, Vorstandsmitglied des Grand Hotels Cosmopolis e.V. in Augsburg. Hinter dem Hotel steckt der Umbau eines ehemaligen Altenheims, das jahrelang leer stand und zu einem Hotel mit Veranstaltungsräumen, einer Flüchtlingsunterkunft, mehreren Ateliers und Werkstätten und einer Café-Bar umfunktioniert wurde – alles unter einem Dach. „Unsere Angebote sind niedrigschwellig organisiert. Jeder kann vorbeikommen und einen Kaffee trinken. Wir haben keine festgelegten Preise. Die Bezahlung erfolgt auf Spendenbasis“, erklärte Raether das Konzept, wodurch der Verein auf permanent hohe Spenden angewiesen sei, um den niedrigschwelligen Zugang dauerhaft zu gewährleisten. 

Als Sozialarbeiter begleitet Raether außerdem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Er zeigte sich von Ullahs Idee mit dem Taxiunternehmen begeistert. „Auch ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, eine Zeitarbeitsfirma zu gründen, um junge Flüchtlinge vermitteln zu können.“ 

Auch eine ursprüngliche Allgäuerin saß mit der in Kempten geborenen Nina Reithmeier mit am Tisch. Mittlerweile ist sie in Berlin als Schauspielerin tätig. 

Als 2015 ihr Baby auf die Welt kam, nahm sie sich eine berufliche Auszeit und investierte die dadurch gewonnene Zeit in das Engagement für Geflüchtete. Dabei nutzte sie auch das soziale Netzwerk Facebook, um sehr erfolgreich verlaufende Spendenaufrufe zu starten. Bei einer Hotelauflösung konnte sie 100 Matratzen organisieren, damit die Geflüchteten nicht mehr in den unbequemen Feldbetten schlafen mussten. 

Als eine neue Turnhalle zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert werden sollte, war sie stark in den strukturellen Aufbau und die Ehrenamtskoordination involviert. „Am Ende hatten wir für 200 Flüchtlinge 200 Helfer gefunden“, zeigte sich Reithmeier über die 1:1-Betreuung stolz. „Es ist eigentlich gar nicht so schwer, etwas für die Integration zu tun. Aber auch ich habe das nur durch meine Elternzeit geschafft“, resümierte die Schauspielerin. 

Der vierte Experte war der Interkulturelle Berater Gurdatar Singh Bal, der ursprünglich aus Indien stammt und heute im Raum Passau lebt. Dort gebe es viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, denen er bei der Berufsbildung geholfen habe. „Deutsche Firmen müssen sich interkulturell öffnen, sonst wird es mit dem Wissenstransfer schwierig“, forderte der Experte in Sachen Interkulturalität und nannte auch das Thema Selbständigkeit. Diese sei hierzulande ein bürokratischer Dschungel. „In Deutschland haben Zertifikate eine wichtige Bedeutung. Wer keinen Berufsnachweis hat, hat ein Problem. Im Ausland sagen solche Zertifizierungen oft wenig aus, sodass die Berufsqualifikation auf anderem Wege festgestellt werden sollte“, gab er zu bedenken.

Wenn er mit den jungen Geflüchteten zusammenarbeite, zeige sich immer wieder, wie wichtig kulturelles Verständnis sei. Es mache beispielsweise häufig wenig Sinn, einen Afghanen zu fragen, was er hier lernen wolle, da er nur die Gegenfrage stellen würde, was er lernen soll. „Sie kennen diese Freiheit und Eigenverantwortung nicht. Ihnen wurde bisher immer gesagt, was sie zu tun und zu lassen haben.“ 

Lukas Raether ergänzte, dass die jungen Menschen oft falsche Erwartungen hätten und schwierige Ausbildungen zum Kfz-Mechaniker oder im IT-Bereich anstrebten. „Es ist nicht einfach zu vermitteln, dass sie mit einer leichten Ausbildung einsteigen sollten. Sie bringen ein anderes Zeitverständnis mit und können nicht nachvollziehen, warum es so lange dauert, um ans Ziel zu kommen.“ 

Ein wichtiges Gesprächsthema war das Grenzensetzen innerhalb des Engagements. Nina Reithmeier berichtete von einer Frau aus dem Kosovo, der sie Deutsch beibringe. Ihre gesamte Familie sei abgeschoben worden und nur sie durfte bleiben, da ihr die Schauspielerin einen Ausbildungsplatz vermitteln konnte. „Es herrscht eine hoffnungslose Situation im Kosovo. Ich schicke der Familie regelmäßig 200 Euro, die ich eigentlich selbst nicht übrighabe, weil sie sich bei mir melden und sagen, dass sie schon wieder seit drei Tagen nichts gegessen hätten“, erklärte Reithmeier und ergänzte, dass sie wüsste, dass dies die Wahrheit sei. 

Eine Teilnehmerin konnte ihre verzwickte Lage durch ihre eigene Erfahrung nachvollziehen: „Es ist wichtig, das eigene Leben nicht zu vernachlässigen.“ Nina Reithmeier gab den Tipp, sich ein Netzwerk aufzubauen und Arbeit zu teilen, während Lukas Raether empfahl, niemals die private Handynummer herauszugeben und sich nicht am eigenen Wohnort zu treffen, um eine leichtere Abgrenzung zu ermöglichen.

„Ich habe den Frauen in Deutschland anfangs nie in die Augen geschaut. In Pakistan ist das ein Zeichen des Respekts. Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass es hierzulande beleidigend ist“, teilte Samee Ullah abschließend eine weitere seiner vielen Erlebnisse, um aufzuzeigen, warum es so essentiell sei, sich auf das Unbekannte einzulassen. „Viele Missverständnisse würden dadurch erst gar nicht entstehen.“ 

Dominik Baum

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