Reihe "Der leise Film" stellt außergewöhnliche Menschen vor

"Ein großer Spagat"

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Nicht nur im hohen Norden, sondern auch in Kempten und dem Allgäu gelten die Oldenburger Filmemacher Karl-Heinz Heilig und Ulla Haschen als Geheimtipp für Liebhaber des „leisen Films“.

Kempten – „Singen tut einfach gut“, lautet die Kernbotschaft des Dünensängers Eckart Strate, den die Oldenburger Filmemacher Karl-Heinz Heilig und Ulla Haschen zehn Jahre lang begleitet haben.

Vergangene Woche zeigten sie ihr jüngstes Werk aus der Reihe „Der leise Film“ im Haus International – nicht der erste „leise“ Film, mit dem sie unter anderem in Kempten immer wieder außergewöhn- liche Menschen vorstellen, die das Rampenlicht nie gesucht haben. „Die Geschichten kommen zu uns“, verrieten die beiden Filmemacher, die ihre Protagonisten mit viel Fingerspitzengefühl porträtieren. 

So auch in „Wegbegleiter“ die Begegnung mit dem Dünensänger Eckart Strate, mit dem sie erstmals in Kontakt kamen, „nachdem Freunde meinten, das wäre doch was“. Entstanden ist ein 90-minütiges Dokument über einen Mann, der von sich sagt „Musik gehört zu mir wie Essen, Trinken, Schlafen und Bewegen“, der das gemeinsame Singen inzwischen seit fast 50 Jahren als Kulturgut pflegt, der berührende Lebensbetrachtungen und Einsichten preis gibt und sich irgendwie selbstverständlich in die sanften Bilder der berückenden Dünenlandschaft von Spiekeroog einfügt. 

Er möchte „das selbstverständliche Singen fördern, das in Jedem vorhanden ist“, erklärt er seinen völlig anderen Ansatz als zum Beispiel beim Singen in einem Chor. Nicht um Perfektion geht es ihm, sondern darum, dass es „authentisch und Wahrhaftig“ ist. Damals, im Jahr 1966, wollte sich der Lehramtsstudent eigentlich nur die Urlaubskasse aufbessern. Daraus geworden sind fünf Jahrzehnte, in denen ihn die Begeisterung für das gemeinsame Singen und die Freude der Menschen, sich davon anstecken zu lassen, begleitet haben – bis heute. Zu den bewegendsten Momenten des Films gehören sicher die Szenen, in denen Strate von seinen beiden kurz aufeinander folgenden Krebserkrankungen erzählt – Erlebnisse, die für ihn „ein Zeichen gewesen sind, dass einige Dinge, die in meinem Leben falsch gelaufen waren, einer Revidierung bedurften“. 

Erlebnisse, durch die laut Heiliger auch das Singen „eine ganz andere Tiefe“ bekommen habe. So erzählt der Film ebenso von Wandel und Neuausrichtung. Als Konstante ziehen sich oft gesungene Lieder wie „Laterne“ von Margarete Jehn oder „Alles muss sich wandeln“ von Wolfgang Rieck wie ein roter Faden durch den Film und spiegeln dabei genau diese Bewusstseinsveränderungen im Lebenslauf wieder. Wie Heilig meinte, sei man nach zehn Jahren nicht mehr der, der man am Anfang gewesen sei – eine Feststellung, die er auch für sich selbst beanspruchte. 

Dass solche Filme nicht mit Blockbustern konkurrieren können, liegt in der Natur der „leisen“ Sache. Etwas stärkeres Interesse hätte man den Filmemachern aber schon gewünscht. Dass die Werke dennoch Ausstrahlungskraft besitzen, zeigte sich unter anderem in dem Besuch einer Dame, die extra aus Aalen angereist war, um den Film sehen zu können. Eine andere Zuschauerin hatte im vergangenen Sommer erstmals am Dünensingen in Spiekeroog teilgenommen und dadurch wieder Lust bekommen Musik zu machen, wie sie nach dem Film sagte. Für Heilig und Haschen sind die Filmprojekte jedes Mal „ein großer Spagat“, da sie mit ihrem leisen, aber feinen Nischenprodukt „durch die Raster der Filmförderung fallen“, wie sie gegenüber dem Kreisboten bedauerten. 

Zur Finanzierung sind sie somit auf Eintrittsgelder angewiesen sowie den Verkauf der Produkte wie Bücher oder DVDs, die gelegentlich von Menschen vertrauensvoll schon vorab erworben würden, um die Fertigstellung zu ermöglichen. Ein Drahtseilakt. Dennoch sind schon wieder weitere Projekte am Entstehen, unter anderem eines zum Thema „Abschied und Neubeginn“ mit Elementen des Theaters, in dessen Mittelpunkt ein Fluss, ein Tagebuch, ein Tanz, ein Erzähler und ein Kalligraf stehen.

Christine Tröger

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