Sulzberger Geschichte

+
Das Benefiziatenhaus heute.

Sulzberg – „1820 Bau des Schul- und Frühmessbenefiziums (Benefiziatenhaus) aus Steinen der abgebrochenen Burg Oberminderdorf. Von 1938 – 1981 Rathaus, jetzt Gemeindebücherei“ heißt es auf der Website der Gemeinde Sulzberg lapidar zum Gebäude am Rathausplatz 1.

Tiefgehender hat sich Otto Pritschet vom Historischen Arbeitskreis mit dem geschichtsträchtigen Haus befasst, zumal im Gemeinderat derzeit im Rahmen der Dorferneuerung über einen Abriss diskutiert wird. Zwar sei das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege der Auffassung, dass das Gebäude „ortsprägenden Charakter“ besitze, so Pritschert, denkmalgeschützt sei es allerdings nicht, auch wenn die unteren Räume „in der Aufteilung noch wie früher“ sowie auch andere Details, beispielsweise der Dachstuhl oder das Täfer im Erdgeschoss, original seien. Aus Sicht des Denkmalamtes wiegt aber wohl schwerer, dass das Obergeschoss für die Bibliotheksnutzung entkernt wurde und im Erdgeschoss nach Kenntnisstand die gesamte Ausstattung wie Fenster, Türen, Böden etc. nicht mehr aus der Ursprungszeit, sondern aus dem 20. Jahrhundert stammen. Eine gewisse historische Bedeutung räumt das Amt dem Benefiziatenhaus aber dennoch ein, wie aus einem Schreiben vom Januar dieses Jahres hervorgeht, in dem es unter anderem heißt: „Auf Grund der vielfältigen und teils durchgreifenden späteren Veränderungen erfüllt das ehem. Benefiziatenhaus nicht die Voraussetzungen für ein Baudenkmal (Bayer. Denkmalschutzgesetz, Artikel 1 Abs. 1 und 2). Unabhängig von dieser Erkenntnis ist festzustellen, dass das Gebäude wegen seiner Lage im historischen Ortskern und seiner Nutzungsgeschichte eine ortsgeschichtliche Wertigkeit aufweist.“

Zeittypische Architektur

Erbaut wurde das Haus in der für die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts typischen Form eines Amts- oder Pfarrhauses, mit zwei vollen Geschossen und einem Walmdach.

In der Baubeschreibung aus dem Jahr 1926 heißt es: „Das Benefiziatenhaus ist von Steinen ganz massiv und unter einem Ziegeldache gebaut und hat zwei Stockwerke. In dem oberen Stockwerke befinden sich zwei heizbare Zimmer nebst zwei Nebenzimmerlein und einer Kammer. Aus dem oberen Stockwerke in das untere führt ein schmaler Gang. Im unteren Stockwerke befinden sich ein heizbares Wohnzimmer, eine Küche und ein geräumiger Gang in der Richtung nach Morgen, gegen Abend aber zwei Holzlegen zwischen denen ein Keller in kleiner Vertiefung angebracht ist. Das Benefiziatenhaus steht frei da ohne Mauer und Zaun und wurde im Jahre 1820 neu aufgebaut u. somit gegenwärtig im guten baulichen Zustande u. weitere Gebäude sind keine vorhanden. An Grundstücken besitzt der Benefiziat nur einen Gemüsegarten, der gemäß Einschätzungsprotokoll 12 Ruthen hat.“ Dass auch in früheren Zeiten der Dorfsegen gelegentlich schief hing, hat Pritschet unter anderem in einem Beschwerdeschreiben eines Benefiziaten gefunden. Dessen Nachbar, der damalige Krämer, habe Ansprüche auf den Grund beim Benefiziatenhaus gestellt und deshalb dort regelmäßig „bschüttet“, was dem Benefiziaten natürlich mächtig „gestunken“ habe.

Bürgerinitiative der Dorfbewohner

Wie Pritschet vermutet, dürfte die Gründung des Schulbenefiziums aus der Idee einer Bürgerinitiative hervorgegangen sein. Mehrere wohltätige Personen hätten die Bedeutung des Unterrichts für die Jugend erkannt und ein Frühmess- und Schulbenefizium ins Leben gerufen, das darüberhinaus Zugang für Jeden zu Messopfer an Sonn- und Feiertagen ermöglichen sollte. Vor allem aber sollte dadurch die Schulbildung in Sulzberg verbessert werden, denn seinerzeit waren rund 130 Schulkinder bei einem einzigen Lehrer auf vier Klassen verteilt. Die Aufgaben und Voraussetzungen des Schulbenefiziaten waren genau definiert. Er musste „Priester sein und gründliche theoretische und praktische Kenntnisse im Schulfach besitzen und darf keine physischen Gebrechen haben. Wenn der Frühmess- und Schulbenefiziat für längere Zeit oder auf Dauer hinfällig ist, so soll die Stelle mit einem ‚tauglichen Subjekt’ neu bestellt werden“.

Dr. Veronika Heilmannseder erklärt in ihrem Eintrag zum Benefiziatenhaus Sulzberg auf www.denkmalnetzbayern.de: Aus dem durch Spenden der Dorfbewohner ermöglichten Benefizium (Stiftung für ein Kirchenamt), „wurden der Unterhalt eines Hilfsgeistlichen, der gleichzeitig auch Schulunterricht gab, sowie der bauliche Unterhalt seines Wohn- und Schulhauses bestritten. Auch konnten Sulzberger aus dem Stiftungsvermögen Geld leihen“.

Über 8000 Gulden waren am Ende durch größere und kleinere Spenden als Stiftungsvermögen zusammengekommen – ein Betrag für den man laut Pritschet damals „drei mittlere Bauernanwesen hätte kaufen können“. Um das Stiftungsvermögen nicht schon für den Bau des Benefiziatenhauses antasten zu müssen, hatten die Sulzberger beschlossen, es durch Frondienste zu errichten; die Baulast übernahm die Gemeinde und das Grundstück wurde vom Krämer und Oberjäger Walch gestiftet. Bereits 1821 konnte der erste Benefiziat sein Amt antreten.

Probleme und Unstimmigkeiten

Ab dem Jahr 1881 konnte die Stelle allerdings wegen Priestermangels nicht mehr besetzt werden, weshalb ein Schulverweser eingesetzt wurde, der auch das Benefiziatenhaus bewohnte.

Zwischendurch wurden auch Räume an Sulzberger Bürger vermietet und während der Bauzeit des neuen Pfarrhofs im Jahr 1911 bezog der Pfarrer die Benefiziatenwohnung.

Auch eine erneute Ausschreibung der Stelle im Jahr 1914 brachte keine Neubesetzung. Es sollte der letzte Versuch bleiben. Das Benefiziumsvermögen betrug zu diesem Zeitpunkt 14.985 Mark. Der Wert des Hauses belief sich auf 5000 Mark. Im Parterre wohnte eine weltliche Lehrerin, ohne Entschädigung an die Stiftung, während das obere Stockwerk an eine Schneiderfamilie vermietet war, die dafür 180 Mark pro Jahr an die Gemeinde bezahlte. Begleitet waren diese Jahrzehnte von andauernden Unstimmigkeiten zwischen der politischen Gemeinde und der Pfarrgemeinde, die sich um den Unterhalt und das Recht der Mieteinnahmen drehten.

Neue Ära

Eine Nutzungsänderung des Gebäudes zeichnete sich in den 1930er Jahren ab, als die Gemeinde Amtsräume im Benefiziatenhaus einrichten wollte und Anspruch auf das gesamte Gebäude erhob sowie die Auflösung der Stiftung beantragte, die Eigentümerin des Hauses war. Da der Plan scheiterte, beschlagnahmte der NS-Ortsvorstand das Erdgeschoss und nach Umbaumaßnahmen zog dort 1938 die Gemeindeverwaltung ein. Im Obergeschoss wohnte der Benefiziat, der die Stelle des Kaplans einnahm.

In den Jahren 1960/61 schließlich näherten sich Pfarrei und Gemeinde einander an und letztere konnte das Benefiziatenhaus käuflich erwerben. In Folge wurde das Gebäude bis 1981 als Rathaus genutzt, danach bis zum heutigen Tag als Gemeindebücherei und Treffpunkt des Frauenkreises Sulzberg.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Bauchtanz, Ballett und Bastelei
Gewinnspiel: Wir verlosen Ferien-Freizeitpakete im Wert von 5.000 Euro
Gewinnspiel: Wir verlosen Ferien-Freizeitpakete im Wert von 5.000 Euro
Indien trifft Allgäu
Indien trifft Allgäu
Kutter wird fündig
Kutter wird fündig

Kommentare