Buntes Sofa als Besuchermagnet

+
Benjamin Idriz auf dem Bunten Sofa.

Kempten – „Grüß Gott, Herr Imam!“… so wird Benjamin ­Idriz nicht selten gegrüßt, wenn er durchs heimatliche Penzberg geht. Auf dem „Bunten Sofa“ des Haus International präsentierte sich ein hochgebildeter, eloquenter und menschenfreundlicher Vertreter des Islam einer recht großen Besucherschar. Auch viele Muslime und Muslimas waren gekommen.

Idriz ist in Skopje geboren und in einer konservativen Familie aufgewachsen, aus der seit 150 Jahren Imame hervorgegangen sind. Seit 1995 als Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg tätigt, ist es ihm gelungen, diese zum akzeptierten Bestandteil der Stadtgesellschaft zu machen. Auch der Bau einer stattlichen Moschee fällt in diese Zeit. Eine Reihe glücklicher Zufälle, „Schicksal oder Gottes Gnade“, hat die Finanzierung ermöglicht: Der Scheich von Sharjah, einem der Emirate am Persischen Golf, half mit 2,5 Millionen Euro. Ihm war es offenbar ein Anliegen, eine Muslimgemeinde zu unterstützen, die den Koran liberal auslegt, nicht in einer Parallelwelt lebt und sich in Deutschland für Integration und Frauenrechte einsetzt. A propos Frauenrechte: Seine Abschlussarbeit nach dem Studium in Damaskus trägt den Titel „Emanzipation der Frau in der Zeit von Prophet Muhammed“, die muslimischen Frauen rief er auf, für ihre Rechte zu kämpfen, denn nur dann werden sie diese bekommen, wie in anderen Ländern und Religionen auch. Dass in dem Punkt Entwicklung möglich ist, zeigte Idriz am Beispiel Penzberg auf. Vor 15 Jahren hielt er einen Vortrag für Frauen, bei dem diese hinter einer Holzwand stehen mussten. Heute nehmen sie am Freitagsgebet teil und sind in Leitungspositionen der Gemeinde tätig. „Jede Epoche besitzt ihren eigenen Geist“, so Idriz, weshalb er eine neue Fassung des Koran in zeitgemäßer Sprache und eine neue Interpretation fordert. Die jeweilige Kultur beeinflusse das Koranverständnis, der Koran sei eine Inspiration, der die Menschen glücklich machen soll.

In der von einigen Medien und politischen Gruppierungen geschürten Islamfeindlichkeit sieht Idriz eine gesamtgesellschaftliche Gefahr. Er betont aber auch die vielen positiven Entwicklungen und bittet deshalb seine Glaubensschwestern und Glaubensbrüder, gemeinsam mit den deutschen Christen gegen Rassismus zu kämpfen; „Hans und Hassan“ müssen die gemeinsamen Werte verteidigen. Von der deutschen Mehrheitsgesellschaft wünscht er sich mehr Respekt vor dem Engagement der Muslime für ein friedliches Miteinander. Der Forderung, sich vom islamistischen Terror zu distanzieren, ist er inzwischen überdrüssig.

Von Lajos Fischer, der den Abend moderierte, nach der Ökumene im Islam gefragt, berichtete Idriz von seiner multinationalen Gemeinde. In Penzberg beten Muslime aus elf Nationen und unterschiedlichen religiösen Richtungen zusammen und suchen auch den Dialog mit den Christen.

Für die Kemptener Muslime und Muslimas war Idriz sicher ein Ansporn, sich selbstbewusst als fortschrittliche Religionsgemeinschaft zu präsentieren und weiter für alle interessierten Menschen offen zu sein.

Zur Person:

Benjamin Idriz wurde 1972 in Skopje/Mazedonien geboren und war bereits mit elf Jahren ein „Hafiz“ (Ehrentitel für jemanden, der den Koran auswendig beherrscht). Er studierte etwa zehn Jahre lang islamische Theologie in Damaskus, Frankreich, Beirut und Serbien. Seit 1995 ist er als Imam in Penzberg tätig und hat dort den Bau der Moschee begleitet. Er ist Gründer und Vorsitzender des Münchner Forums für Islam, Autor mehrerer Bücher und einer „Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland“, die in Deutsch, Englisch und Arabisch erschien und seit 2014 an Flüchtlinge verteilt wird.

Kommentar:

Wenn Benjamin Idriz davon spricht, dass im Islam „das Jenseitige überbewertet wird“ und „Allah die Menschen glücklich machen will“, erinnert er mich an den Dalai Lama. In seinem Appell an die Welt formuliert er ähnlich menschenfreundliche Gedanken. Der Dalai Lama geht aber noch weiter, plädiert für eine säkulare Ethik, die glücklich macht und „denkt an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.“ Was wohl die beiden obersten Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden in Kempten, die demnächst auf dem „Bunten Sofa“ Platz nehmen werden, von solchen „weltlichen“ Thesen halten?

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

Landwirt unter Traktor eingeklemmt
Landwirt unter Traktor eingeklemmt
Achtsamkeitstrainerin Grit Ulrike Tautenhahn übt mit Interessierten
Achtsamkeitstrainerin Grit Ulrike Tautenhahn übt mit Interessierten
Äpfel und Gemüse für die Kita
Äpfel und Gemüse für die Kita
Exhibitionist manipuliert Motorrad
Exhibitionist manipuliert Motorrad

Kommentare