Im Bann der Verschwörer

Bernhard Wucherers neuer Roman »Der Geheimbund der 45« spielt in Isny

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Der neue Roman von Bernhard Wucherer "Der Geheimbund".

Allgäu – Wer den neu erschienenen historischen Roman von Bernhard Wucherer gelesen hat, wird Isny beim nächsten Gang durch die Innenstadt wohl mit anderen Augen sehen und manches altbekannte Detail vielleicht zum ersten Mal bewusst wahrnehmen.

Bekannt ist der Autor u. a. durch seine ebenfalls im Meßkircher Gmeiner-Verlag erschienene Pest-Trilogie, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Oberstaufen spielt. Sein neues Buch erzählt vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg der Isnyer Familie Eberz und entfaltet auf fast 600 Seiten 500 Jahre Stadtgeschichte vom „villa Ysinensi“ genannten Bauerndorf des 11. Jahrhunderts bis zur Verleihung des Münzrechts an die Freie Reichsstadt Isny 1507. 

Über mehr als 15 Generationen begleitet Wucherer die Fallensteller, Flachsbäuerinnen, Tuchhändler, Familienväter und Bürgermeister aus dem Geschlecht der Eberz, das sich tatsächlich bis ins 18. Jahrhundert hinein als in Isny ansässig nachweisen lässt. In lebendigen und detailreichen Episoden erzählt er so zum Beispiel von Gerold, dem armen Ackerbauern, dessen handwerkliches Geschick dem ersten, Kirchenbau zugute kommt; von Paul, der durch die Vermittlung eines befreundeten Fernhändlers an der Universität Bologna Medizin studieren kann; von Cristoff, der als erster Bürgermeister mit den Herrschaftsansprüchen von Waldburgern und Montfortern zu kämpfen hat; von Elsebeth, der mutigen Schankwirtin und von Margarethe, der standesbewussten, wohlhabenden Bürgersfrau. Während die Zeit vergeht, Herrschaftsverhältnisse und Lebensumstände sich wandeln, wirft der Roman immer wieder ein Schlaglicht auf die wachsende, wirtschaftlich erblühende Allgäuer Siedlung, auf die Wendepunkte auf ihrem Weg zur Stadtwerdung. 

Der Leser erlebt die entscheidenden Entwicklungen aus der Perspektive der Händler, Handwerker und städtischen Entscheidungsträger: von der Gründung des Klosters über die Verleihung des Marktrechts und des Stadtprivilegs bis hin zum Loskauf von landesherrlicher Obrigkeit und der Erhebung zur Freien Reichsstadt. Wenn der Dorfvorsteher Hannes Eberz den Verlauf der Hauptstraße eigenhändig mit Pflöcken markiert oder Graf Ulrich von Montfort mit seinem Baumeister seine Pläne für eine große Querstraße, zusätzliche Marktplätze und die Befestigung der Stadttore diskutiert, bekommt der Leser eine anschauliche Vorstellung davon, wie die heute unter Denkmalschutz stehende Isnyer Altstadt entstanden ist. Der ehemalige Eventmanager und Museumskurator Wucherer hat offenbar mit großer Detailfreude recherchiert, schildert das Alltags- und Liebesleben vergangener Jahrhunderte kenntnisreich, bunt und vielfältig und spricht dabei quasi alle Sinne an, wenn er etwa die festliche Amtstracht von Bürgermeister Eberz beschreibt, Festumzüge mit Musik und Donnerbalken, die Ausstattung einer Münzprägewerkstatt, ein Hochzeitsmahl oder den Druck eines Flugblatts mit Bleilettern und Spindelpresse. Für die Rahmenhandlung seiner Stadtgeschichte(n) hat Wucherer einen süddeutschen Geheimbund erfunden, dessen 45 Mitglieder unter der Führung ihres Großmeisters jahrhundertelang die Ausbildung begabter junger Männer aus armen Familien fördern, sich den sieben freien Künsten widmen und heimlich das bei Todesstrafe verbotene Leichensezieren betreiben, um den menschlichen Körper und seine Krankheiten zu erforschen. Inspiriert hat den Autor dazu ein historisches Amulett, das 2018 bei Grabungsarbeiten auf dem alten Marktplatz in Isny gefunden wurde. Im Roman dient das Fundstück dem Geheimbund als Gründungsinsigne und Kennzeichen. 

Seine geheimnisvollen Prägemotive haben eine große symbolische Bedeutung für den Bund der 45, auch weil sie in verschlüsselter Form die Anweisung enthalten, jeweils eine bestimmte Anzahl von Menschen zu töten, wenn das Amulett abhandenkommt. Dieser grausame Ritus und ihr wissenschaftliches Projekt führen die Verschwörer immer wieder nach Isny, wo sie herumschnüffeln, betrügen und töten, aber auch Freundschaften schließen, Kneipenabende genießen und sich verlieben. Die Rahmenerzählung macht das Buch spannend und bietet turbulente, teils blutrünstige Szenen. Jedoch scheint das rigide Regelwerk der elitären Bruderschaft in sich wenig stimmig zu sein. Zwar müssen die 45 notgedrungen im Verborgenen handeln, doch das Morden wirkt, trotz des Geheimcodes auf der Münze, oft seltsam unbegründet und sinnentleert; der Leser erfährt kaum etwas darüber, wie die Verschwörer die brutalen Taten mit ihren hehren Idealen vereinbaren können. Erst gegen Ende des Buches, als sich um 1500 so manches Leitbild verändert, erscheinen auch die Verschwörer glaubwürdiger und lebendiger. 

Antonia Knapp

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