»Schwangerschaft und Geburt« - Thema am »Bewegten Donnerstag«

Besser fürs Kind: wenn die Frau selbst entscheidet, ob sie es bekommen will

Ein Schwangerschaftstest liegt auf einem Kalender.
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Die Podiumsgäste des Kempten Museums waren sich einig: Alle Schwangeren haben Anspruch auf eine gute Versorgung, unabhängig davon, ob sie sich für oder gegen das Kind entscheiden.

Kempten – Für seine Online-Veranstaltung im Februar hatte das Kempten Museum mit der Vorfreude „auf eine spannende Diskussion“ geworben:

Das Podiumsgespräch in der Reihe „Bewegter Donnerstag“ war dem weitgefassten Thema „Schwangerschaft und Geburt“ gewidmet und stellte sich der Frage: „Wem gehört der Körper einer Frau?“

Die Moderation der Podiumsrunde übernahm die Kulturwissenschaftlerin Dr. Ilonka Czerny. Der auf der Museums-Homepage vorab veröffentliche Fragenkatalog listete so unterschiedliche Stichworte wie „Pränataldiagnostik“, „Schwangerschaftsabbruch“ und „Hebammenknappheit“ auf und sah vor, verschiedene „Formen der Geburtshilfe“ und den Umfang der „medizinisch-technischen Unterstützung“ zu thematisieren. Czerny gab zu bedenken, dass „jedes Teilthema einen ganzen Abend füllen“ könne. Gemeinsam sei all diesen Themenfeldern aber, dass sie mit folgenreichen Entscheidungen verbunden und Gegenstand „teils sehr intensiver gesellschaftspolitischer Debatten“ seien. Diese Auseinandersetzungen schürten Ängste und ließen manche „betroffene Frau“ ratlos zurück. Die Abendveranstaltung verfolge deshalb auch das Ziel, die ZuhörerInnenn zu sensibilisieren und „über die aktuelle Lage“ zu informieren.

Die Moderatorin bat die vier Podiumsteilnehmerinnen, zunächst über „Ihre Arbeit“ zu berichten, nachdem Museumschefin Christine Müller Horn sie eingangs kurz vorgestellt hatte. Gemeinsam mit der städtischen Gleichstellungsbeauftragten Katharina Simon und Kulturvermittlerin Laura Cadio hatte Müller Horn für die „Diskussion aus Frauenperspektive“ eine Abtreibungsärztin, eine Hebamme, eine Kulturarbeiterin und eine Sozialpädagogin von pro familia Kempten eingeladen.

Brigitte Soraperra, Projektleiterin der Vorarlberger Interessengemeinschaft (IG) Geburtskultur a-z, eröffnete die Vorstellungsrunde. In der IG engagiert sie sich für einen ganzheitlichen und gesundheitsfördernden Umgang mit Schwangerschaft und Geburt und hat die aktuelle Jubiläumsausstellung des Frauenmuseums Hittisau mitkuratiert. Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens zeige „das einzige Frauenmuseum im ländlichen Raum weltweit“ eine kulturgeschichtliche und ideologiekritische Schau, die in einem der vielfältigen Ausstellungsbereiche auch „Wünsche und Visionen“ für eine selbstbestimmte, von ökonomischen Interessen befreite Geburtskultur skizziere, wie die Kulturarbeiterin berichtete.

Aktuelle Gesetzeslage verursacht viel Leid

Ein weiterer Gast auf dem virtuellen Podium war die Gießener Ärztin Kristina Hänel, die bundesweit in die Schlagzeilen geraten war, weil sie sich seit 2017 vor Gericht verantworten musste. Nachdem sie etwa 20 Jahre lang auf der Website ihrer Praxis über die von ihr angebotenen Arten von Schwangerschaftsabbrüchen informiert habe und dies vorab mit dem Justitiar der Ärztekammer abgesprochen hätte, sei ihr diese ‚Werbung‘ vor kurzem vom Oberlandesgericht Frankfurt am Main bis auf Weiteres untersagt worden, so Hänel. Sie habe jedoch vor, Verfassungsbeschwerde einzulegen.

Die deutsche Gesetzeslage, die Abtreibungen durch das Strafrecht regle, bedeute für viele ungewollt Schwangere „eine Demütigung“. „Wir müssen das ändern“, stellte sie klar. Diese Regelung „macht es mir unmöglich, Menschen, die ungewollt schwanger sind, ebenso menschenwürdig wie andere Patienten zu behandeln.“

„Aus Kempten für Kempten“ zugeschaltet war die Hebamme Ingeborg Stadelmann. Die Gründerin des Kemptener Geburtshauses bewertet einige Entwicklungen der letzten Jahrzehnte recht positiv: Als sie 1976 ihr Hebammenexamen abgelegt habe, seien Gebärende faktisch „fast entmündigt“ gewesen. Seither habe sich „viel verändert“, so sei der Anteil der Dammschnitte bei Geburten von damals 95 auf etwa 30 Prozent gesunken. Stadelmann betonte, wie wichtig es sei, Schwangeren „Vertrauen zu schenken“, sie nicht zu „verunsichern“, sondern zu „stärken“.

»Wir alle sind auch sexuelle Wesen«

Zuletzt gab Andrea Dröber, langjährige Beraterin bei pro familia Kempten, – von der obiges Zitat stammt – einen Einblick in die Arbeit ihres Vereins, der seit 1998 als Anlaufstelle für Schwangerschaftskonfliktberatungen anerkannt ist und in Kempten heuer sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Sie wies darauf hin, wie wichtig der Bildungsauftrag sei, denn „wer Wissen hat“ über Sexualität, Familienplanung, Paar- oder Singlesein, „der kann gut für sich entscheiden“.

Dröber betonte, dass eine ungewollte Schwangerschaft „jeder Frau aus jeder gesellschaftlichen Gruppe passieren“ könne, auch weil es bis heute „kein 100-prozentig sicheres Verhütungsmittel gibt“. Die Klientinnen, die wegen einer Abtreibung zur Beratung kämen, seien „häufig sehr, sehr alleingelassen“. Immer wieder höre sie von moralisch „bewertenden Kommentaren“ in Allgäuer Arztpraxen und müsse feststellen, dass die Ratsuchenden „zu wenig Informationen zum richtigen Zeitpunkt“ erhielten, so dass sie ihre „Entscheidungsfreiheit“ nur noch eingeschränkt wahrnehmen könnten.

Meinungsstreit bleibt aus

Die von manchem Zuhörer vielleicht erwartete kontroverse Debatte fand im weiteren Verlauf des Abends nicht statt. Vielmehr waren sich die vier Podiumsteilnehmerinnen offenbar weitgehend einig darüber, wie Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung ungewollt Schwangerer gefördert werden sollten. Hänel zitierte eine internationale Studie der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“, die gezeigt habe: „Je liberaler die Gesetze sind, desto weniger Abbrüche gibt es.“ Vorbeugend wirkten außerdem eine „kindgerechte Gesellschaft, kostenlose Verhütungsmittel“, faire Löhne sowie ein hohes Maß an „Gleichberechtigung“. Stadelmann bekräftigte, auch Patientinnen, die sich für einen Abbruch entschieden, hätten „ein Anrecht auf Gesundheit und gute Versorgung“.

Dröber mahnte an, dass es, anders als gesetzlich vorgesehen, kein „niederschwelliges, flächendeckendes Angebot für Schwangerschaftsabbrüche“ gebe. Alle drei haben die Erfahrung gemacht, dass unter Abtreibungspatientinnen nicht etwa junge Frauen überwiegen, vielmehr sind sie mehrheitlich bereits Mutter, die „sehr genau wissen, welche Kraft sie noch haben“, wie Hänel sagte.

Zaghafte Kritik aus dem Publikum

In der abschließende Fragerunde meldete sich unter den rund 140 ZuhörerInnen mit einer kritischen, zweifelnden Nachfrage nur eine junge Frau zu Wort: Im Sinne einer „Kultur des Lebens“ habe der Staat doch auch die Aufgabe, das Ungeborene zu schützen. Wie könne man die Würde der Schwangeren gegen die des Kindes abwägen? Hänel verwies daraufhin erneut auf die zitierte Studie und erwiderte: „Ich möchte, dass Kinder geliebt und gewollt auf die Welt kommen.“

Die Video-Aufzeichnung des Gesprächs ist online abrufbar unter: https://youtu.be/0Pwliv1rNqI.

Antonia Knapp

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