Detailarbeit ist gefragt

Hüte erzählen Träume

+
Adriane Polaczek und Birgit Kadatz vom Atelier Uwe Brückner sichten derzeit den umfangreichen Bestand des Hutmuseums für die Neukonzeption.

Lindenberg – Es wird in Kisten und Schachteln gekramt. Alles, was über Jahre im Hutmuseum gesammelt wurde, kommt ans Tageslicht: rund 1500 Hüte fast aus allen Modeepochen seit anno 1790.

Aus jenem Jahr stammt das älteste erhaltene Stück der Lindenberger Hutkreationen. „Das ist für mich wie Weihnachten“, schwärmt Museumsleiter Manfred Röhrl. Eben gelangen wieder ein paar Stücke einstiger Modernität auf den Tisch. Da sagt die Textilwissenschaftlerin Adriane Po­laczek: „Solche Kapotten, wie diese aus Pelz oder Federn, habe ich noch nie gesehen.“ Dabei ist sie durch jahrelange Tätigkeit auf Kleidermode des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert. Sie weiß, wie die Frauen die Männer durch optische Reize verführt haben. Und der Hut bildete dabei das Pünktchen auf dem „i“. Zu den ins Korsett gepressten, s-linienförmigen Silhouetten der Frauen, die wie zarte Peitschenschläge Männerblicke aufweckten, bildeten die vorn am Kopf getragenen Kapotten den abschließenden Akzent. 

Einflüsse der Kultur und neue gesellschaftliche Erfahrungen zeichnen sich auch in der Hutmode ab. Zum Beispiel wurden Anfang des 20. Jahrhunderts, als das breite Interesse an chinesischer Kultur aufkam, flache kegelförmige Strohhüte verkauft, wie sie die Chinesinnen auf den Reisfeldern trugen. Im Zeitalter der Mondlandung übte sich die Lindenberger Hutindustrie im Astronautenlook. Und die Hippiebewegung bildet sich ebenfalls ab, zum Beispiel durch blumige Dekostoffe auf Hüten. Was immer in der westlichen Welt an Träumen geträumt wurde, die Hutmode war dabei. Professor Uwe Brückner und Birgit Kadatz von dem weltweit auf Ausstellungskonzeptionen spezialisierten Atelier Uwe Brückner aus Stuttgart, die zusammen mit Adriane Polaczek die Grob- und Feinkonzeption erarbeiten, sind derzeit viel in Lindenberg und schauen sich um. Authentizität ist ihnen wichtig. Die verschiedenen Hutmodeströmungen erzählen Zeitgeschichte. Und auch Stadtgeschichte soll in der künftigen Huterlebniswelt auf interessante Weise dargestellt werden. Unlängst war der Restaurator der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen für Bayern in Lindenberg und bestätigte den guten Erhalt der gesammelten Stücke. 

Vergangenheit öffnet sich 

Ganz begeistert sind die beiden Frauen zum Beispiel, wenn sich Hüte Personen zuordnen lassen, etwa ein Hut, den Museumsgründer Hans Stiefenhofer getragen hat, oder die Kopfbedeckung des Chauffeurs der Hutfabrik. Biografien erzählen Schicksale und so öffnet sich die frühere Lebenswirklichkeit im Detail, etwa die der Hutfabrikanten, der Spekulanten (Zwischenhändler), oder der Handelsreisenden in Sachen Hut. Neben der Hutmode geht es aber auch um Materialien, Gegenstände, Zeitschriften und um die pfiffigen Apercus der Damentoilette, mit denen sich Zeitgeschmack darstellen lässt. 

Die beiden Frauen vertiefen sich zudem in Originalquellen, etwa Pfarrer Josef Haubers Stadtgeschichte von 1836 oder eine Dissertation zur Strohhutfabrikation. Ein anderes Thema wird der Herstellungsprozess, etwa die Hutzieherei, sein. Birgit Kadatz fände die Idee spannend in der alten Reich’schen Fabrik gerade jene Bereiche zu revitalisieren, in denen früher tatsächlich diese Arbeitsprozesse stattgefunden haben. „Das Wichtigste ist nun, zu gewichten, die Inhalte festzulegen und auch die Exponate auszuwählen“, so Birgit Kadatz. Bis in gut zwei Monaten soll die inhaltliche Konzeption fertig sein.

cut

Meistgelesen

Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Bienen sterben leise – ganze Völker gehen verloren
Bienen sterben leise – ganze Völker gehen verloren
Grünes Zentrum in Kempten
Grünes Zentrum in Kempten

Kommentare