"Ich habe die Umstellung keinen Tag bereut"

Grünen-Politiker diskutieren auf Allgäuer Biobauernhof

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Theo Dodel-Hefele im Gespräch mit Thomas Gehring, Erna-Kathrein Groll und Ekin Deligöz. Die Hofstelle in Wettmannsberg wurde um 1450 erstmals urkundlich erwähnt, das Anwesen war früher eine Färberei. Dodel-Hefeles Großvater erwarb den Hof um 1880. Die Zukunft des Familienbetriebes ist gesichert: Der Sohn des Hauses studiert ökologischen Landbau.

Die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz stattete am vergangenen Samstag zusammen mit den beiden Allgäuer Landtagsabgeordneten Thomas Gehring und Ulli Leiner sowie den Allgäuer Bundestagskandidaten Erna-Kathrein Groll

und Dr. Günter Räder dem Biohof von Theo und Cornelia Dodel-Hefele in Wettmannsberg bei Kempten einen Besuch ab. Auf ihrem Rundgang sprachen sie darüber, welche politischen Rahmenbedingungen für eine ökologische Landwirtschaft geschaffen oder verändert werden müssen und wie es gelingen kann, nachhaltig wirtschaftenden bäuerlichen Betrieben eine Zukunftsperspektive zu geben.

Theo Dodel-Hefele gewährte den Besuchern Einblick, was es bedeutet, heutzutage ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Vor 16 Jahren stellte der Landwirt auf Bioland um. Heute hat der Familienbetrieb rund 50 Milchkühe und ebenso viel Jungvieh, dazu 50 Hühner und sechs schwäbisch-hällische Schweine. Die Kühe – ein Drittel davon trägt Hörner, die anderen sind genetisch hornlos (Dodel-Hefele: „Ich bin kein Freund von Hörnern, da gibt es oft böse Verletzungen, an denen schon mehrere meiner Tiere gestorben sind“)-, sind Tag und Nacht an der frischen Luft, denn auch im Stall herrschen Außentemperaturen. „Das ist gut für die Tiere, sie sind gesünder als andere“, so Dodel-Hefele.

Tierwohl und CO2-Ersparnis

Auf der 50 Hektar großen bewirtschafteten Fläche sind kilometerlange Hecken zu finden – aus Gründen des Artenschutzes, wie er sagt. Auch sein Misthaufen trägt hierzu bei. „Bio hat mehr Bodenleben. Ich produziere zum Beispiel sehr viel Festmist und der ist Nahrung für die Regenwürmer. Als Nebenaspekt baue ich so organische Masse auf, die dann wieder zur CO2-Bindung beiträgt.“ Schließlich trage die Landwirtschaft aktuell rund ein Drittel zum CO2-Ausstoß bei – „das könnten wir ändern.“ Die Photovoltaikanlage auf dem Stalldach liefert 160.000 kW/h pro Jahr.

Zugleich sorgt Dodel-Hefele mittels Frequenzsteuerung für größtmögliche Stromersparnis bei seinen Anlagen. „Die erste Förderung läuft 2023 aus, dann bin ich stromautark“, sagt er. Ekin Deligöz sieht hier Unterstützungsmöglichkeiten: „Wir Grüne möchten, dass diejenigen, die ihren Strom selbst nutzen, steuerfreigestellt werden. Auch wer weniger CO2 ausstößt sollte steuerlich entlastet werden.“

Ein Stallplatz: 15.000 Euro

Ökologische Landwirtschaft hat ihren Preis. Als Biobauer muss Dodel-Hefele mehr Flächen vorhalten und teurere Zukaufs-Futtermittel finanzieren, wie Bio-Getreide, Bio-Mais, Bio-Kraftfutter unter anderem. Einige Anschaffungen seien nur über Maschinengemeinschaften zu schultern, sagt er. Wie etwa das Güllefass mit Schleppschlauchtechnik, das er gemeinsam mit einigen Kollegen vor zwei Jahren angeschafft hat. Kostenpunkt: 75.000 Euro. Auch bei seinem 20 Jahre alten Kuhstall stehen in Kürze größere Investitionen an: „Ein einziger Kuhplatz-Neubau kostet heute im Biobereich 15.000 Euro.“

Mehr Sicherheit für Biobauern

Die Umstellung von Konventionell auf Bio habe er dennoch keinen Tag bereut, versichert Theo Dodel-Hefele. „Ich habe heute viel mehr Sicherheit als zuvor. Der Biomilchmarkt ist stabil, denn der Absatz im Inland ist abgekoppelt vom Markt für konventionelle Milch. Das ist gut für uns.“ Derzeit näherten sich die Preise für konventionelle Milch und Biomilch zwar ein wenig an – der Preisunterschied lag hier in der Vergangenheit schon bei 22 Cent –, „trotzdem bekomme ich aktuell einen Milchpreis von 49,5 Cent pro Liter im Gegensatz zu 37,5 Cent pro Liter im konventionellen Bereich.“

Die niedrigen Preise brächten die konventionell arbeitenden Landwirte an die wirtschaftlichen und psychischen Grenzen ihrer Belastbarkeit, warnt Dr. Günter Räder. Aktuell liegt der Anteil von Biomilch bei 2,7 Prozent, in Bayern, dem Vorreiterland, sind es fünf Prozent. Bei Eiern liegt der Bioanteil deutschlandweit bei 25 Prozent.

Sie persönlich könnte sich gar nichts anderes vorstellen, als Bio-Eier und Bio-Milch einzukaufen, sagt Ekin Deligöz und fordert: „Wir müssen den Verbraucherschutz wieder verbessern und ein gesellschaftliches Bewusstsein schaffen“. Das Bewusstsein für den Wert gesunder Lebensmittel hätten bereits viele Menschen, wendet Dodel-Hefele ein, „aber oft ist es einfach eine Frage des Geldes.“ „…und des Gedächtnisse“, fügt Erna Kathrein Groll hinzu.

Beim jüngsten Eierskandal seien auf dem Wochenmarkt eine Zeit lang Bioeier schon um halb neun Uhr früh ausverkauft gewesen. „Inzwischen hat sich alles normalisiert. Aber nicht etwa, weil es jetzt mehr Bio-Eier gäbe, sondern weil die Leute wieder zu ihrem alten Kaufverhalten zurückgekehrt sind. Das Verbrauchergedächtnis ist relativ kurz“, moniert sie. Ekin Deligöz empört sich: „Während sogar Aldi die fragwürdigen Eier aus dem Sortiment nahm, spielte der Landwirtschaftsminister die ganze Sache immer noch herunter. Er hat versucht, Puder drüber zu tun.“

Grundsätzlich seien laut einer Erhebung 35 Prozent der Deutschen bereit, hochwertige Bioprodukte zu kaufen – „davon sind wir in der Realität aber weit weg“, bedauert sie. „Mit einem grünen Landwirtschaftsminister in der nächsten Legislaturperiode bekommen wir das hin“, so Deligöz´ Hoffnung. „Aber das muss eben organisiert werden und da sind auch die Verbände gefragt. Wir Grüne fordern seit langem stärkere Investitionen in den Biolandbau.“

In Bayern liegt der Anteil an ökologischen Landwirtschaftsbetrieben bei 13 Prozent, im Oberallgäu, dem Spitzenreiter, sind es sogar 21 Prozent. Tendenz steigend. Gerade kleinbäuerliche Betriebe sollten stärker gefördert werden, fordert Groll. Denn ihnen falle die Umstellung auf Bio leichter als Großbetrieben. Sie kritisiert, die staatliche Förderung bemesse sich aktuell nur an der Fläche und nicht an der „Leistung für die Gesellschaft, die diese Landwirte durch ihre Landschaftspflege, sowie die verantwortungsvolle Tierhaltung und Lebensmittelproduktion erbringen. Das muss geändert werden.“

Sabine Stodal

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