»Verrat!«

Betroffene machen sich Luft über neuerlichen Lockdown

Hai, der auf die Opfer eines untergehenden Schiffes wartet
+
An Bord gehen die Lichter aus, das Gastro- und Kultur-Schiff bekommt Schlagseite, aber es naht Hilfe. Allerdings wollen manche einfach lieber selber schwimmen als „gerettet“ werden.

Kempten – Die Zahl der auf den Corona-positiv Getesteten stieg in den vergangenen Wochen kontinuierlich an. Jetzt sahen sich die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten gezwungen „die Zügel“ anzuziehen, um die „Corona-Katastrophe“ zu verhindern. Daher wurde am 28. Oktober ein weiterer Lockdown für den Monat November beschlossen. Besonders betroffen sind hierbei die Gastronomiebetriebe. Sie müssen ebenso wie Theater und Kinos schliessen. Wie nach dem ersten Lockdown im März bleibt den Restaurants nur das unrentable Abhol- und Liefergeschäft als Einnahmequelle. Die Verfügung erzürnt viele Betroffene, denn bei vielen geht es nach der langen Durststrecke um die nackte Existenz.

Die Mehrheit hat in teure Hygienekonzepte investiert, um im Sommer wieder öffnen zu dürfen. Niedrige Infektionszahlen im Bereich der Gastronomie belegen, dass die teuren Maßnahmen wirken. Von den Betroffenen wurden die Hausaufgaben erledigt, nicht so von der Bundesregierung. Die verspricht zwar, den Betrieben bis zu 75 Prozent ihrer entgangenen Umsätze (Vergleichsmonat November 2019) zu ersetzen, konkret steht aber noch nicht fest, wo diese Hilfen beantragt werden können und wie zeitnah diese ausbezahlt werden. Auch in Kempten regen sich Stimmen, die die Schliessung von Gastronomie, Theater und Kinos als nicht zielführend einschätzen.

Colosseum reicht Klage ein

So sagt Andrea Dietel-Sing, die mit ihrer Familie das Colosseum Center und das Starlet betreibt: „Wir sind fassungslos. Sämtliche Auflagen der Stadt wurden auf das Peinlichste genau durchgeführt. Unsere Betriebe haben zum Schutz unserer Kunden in umfassende Hygienekonzepte investiert. Mit Erfolg, weder im Colosseum, noch im Starlet hatten wir einen einzigen Corona-Fall.“ Wie die meisten Kollegen in der Branche hat Familie Dietel-Sing u.a. in Reinigungskonzepte bezüglich Lüftung, Luft-, Platz- und Bodendesinfektion, Trennwände und vieles mehr investiert. Auch die Besucher haben mitgespielt. So kann Adolf Hölzli, Restaurantleiter des Starlet, berichten: „Viele Gäste haben vorab reserviert und ihre geplanten Verweilzeiten angegeben.“ Hölzli räumt aber auch ein: „Die Gastro wurde effizienter, aber auch unpersönlicher. Es wird schwierig sein, dass wieder rückgängig zu machen.“

Nun fragt sich Familie Dietel-Sing, die in drei Generationen mit hohem finanziellem Einsatz zur kulturellen Entwicklung der Stadt Kempten beigetragen hat, ob die für Gastronomie und Kultur vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen im privaten Bereich ähnlich eingehalten werden und vermutet: „Natürlich werden sich die Menschen ohne die entsprechenden Schutzmaßnahmen mehr privat treffen. Die Zahl der Infizierten wird steigen, wir werden die Verlierer sein.“ So resümiert die Unternehmerin: „Meiner Ansicht nach wird etwa die Hälfte der Gastronomiebetriebe diese unsinnige und zwecklose Maßnahme nicht überstehen.“ Aber die Familie Dietel-Sing bleibt nicht tatenlos. Anfang der Woche reichte man eine Popularklage gegen mehrere Bestimmungen des Corona-Lockdowns beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof ein.

Andrea Dietel-Sing zu den Gründen: „Die Schließung der Kulturstätten, Hotels und Gastronomie ist vollkommen unverhältnismäßig. Die Schließungen müssten insbesondere die Erforderlichkeit voraussetzen. Das sind sie jedoch nicht. Insbesondere das Robert-KochInstitut weist darauf hin, dass die Infektionsherde andere sind, wie zum Beispiel Gemeinschaftsunterkünfte, Gottesdienste, Schulen etc.. Auch in unserem Haus ist kein Fall von Corona bekannt geworden. Die Hygienekonzepte haben sich als ausreichend erwiesen. Verstörend ist darüber hinaus, dass die neuen Maßnahmen nur Betriebe betreffen, bei denen sich Abstands- und Sicherheitsmaßnahmen durchführen lassen. Wir haben das Gefühl, wir sind der Sündenbock für das politische Versagen in der Corona-Politik.“

Ungeliebtes Déjà-Vu

Der Tonalität der Kritik mag sich auch der Kreisvorsitzende der DeHoGa und Geschäftsführer des Hotel Waldhorn Michael Heel anschliessen. Heel hatte bereits beim ersten Lockdown mit anderen Betroffenen die Protestaktion „Leere Stühle“ in Kempten mitorganisiert. „Stirbt der Wirt, stirbt der Ort“, so sieht es Heel und fährt fort: „Unsere Leute erleben gerade ein schreckliches Déjà-vu. Die Allermeisten haben in teure Schutzmaßnahmen investiert und über die geforderten Hygienekonzepte hinaus den Gästen den Aufenthalt in ihren gastronomischen Betrieben außerordentlich sicher gestaltet.“

Dafür sprechen die Zahlen des RKI, denn nur 0,5 Prozent der Infizierten haben sich mit dem Corona-Virus in der Gastronomie angesteckt. Der Nachricht von einem zweiten Lockdown mit einer verkündeten Dauer von maximal vier Wochen mag niemand in der Branche trauen, sagt Heel: „Die besten Mitarbeiter sagen sich nun los von der Gastronomie und suchen sich sichere Arbeitsplätze, unter anderem im Gesundheitswesen.“ Der Kreisvorsitzende der DeHoGa meint, dass ein kostendeckender Betrieb bei einer roten Ampel möglich gewesen wäre und fügt an: „Der zweite Lockdown wird vielen den Rest geben, auch in Kempten.“ Heel könnte Namen nennen, tut dies aber nicht.

Mit dem Verbot touristischer Übernachtungen gehen in der Realität auch Stornierungen aus anderen Bereichen einher. In der gegenwärtigen Lage sagen die meisten Firmen Kundentreffen und Weihnachtsfeiern ab. „Mit dem zweiten Lockdown ist uns der Mut genommen worden. Wir empfinden den Umgang mit uns als Verrat“, so das düstere Fazit des Gastroexperten. Neben der Gastronomie würden zudem viele andere wie beispielsweise Geflügelzüchter leiden müssen, denn die allermeisten der vorbestellten Gänsebraten für die Vorweihnachtszeit würden in der Biotonne landen. „Viele denken, wenn wir unsere Betriebe schliessen, würden uns keine Kosten enstehen. Das ist aber falsch, der Anteil der Fixkosten ist hoch und lässt sich nicht weiter herunterfahren.“

Heel gibt ein Beispiel aus der Praxis. Für jedes einzelne Empfangsgerät in jedem Hotelzimmer werden Rundfunkgebühren fällig. Ein Betrag  der im Quartal schnell in die Tausende geht. Dass sich insbesondere der Öffentlich Rechtliche Rundfunk für die Interessen der Gastronmie während der Pandemie stark gemacht hat, kann Heel nicht erkennen. Er verweist darauf, dass er den CSU-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag und Stadtrat Thomas Kreuzer in einem Telefonat auf die Gesamtproblematik eines zweiten Lockdowns hingewiesen hat. 

Jörg Spielberg

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona-Ticker Kempten: Quarantäne im Wilhelm-Löhe-Haus ist beendet
Corona-Ticker Kempten: Quarantäne im Wilhelm-Löhe-Haus ist beendet
Online-Diskussion der FDP Oberallgäu/Kempten mit Allgäuer Tourismusbranche 
Online-Diskussion der FDP Oberallgäu/Kempten mit Allgäuer Tourismusbranche 
Gestaltungsbeirat will kein neues Polizeigebäude auf dem »Filetstück« Pfeilergraben 
Gestaltungsbeirat will kein neues Polizeigebäude auf dem »Filetstück« Pfeilergraben 
ÖPNV rüstet mit QR-Codes auf 
ÖPNV rüstet mit QR-Codes auf 

Kommentare