1. kreisbote-de
  2. Lokales
  3. Kempten

Sharon Dodua Otoo: »Mein Roman nimmt Frauenleben ernst«

Erstellt:

Kommentare

Bewegter Donnerstag im Kempten-Museum! Sharon Dodua Otoo, die Autorin von „Adas Raum“ in Corona-Abstand von Moderatorin Lara Sielmann.
Bewegter Donnerstag im Kempten-Museum! Sharon Dodua Otoo, die Autorin von „Adas Raum“, in Corona-Abstand von Moderatorin Lara Sielmann. © Brock

Kempten – Endlich konnte der Bewegte Donnerstag wieder analog stattfinden, nicht mehr aus dem Wohnzimmer heraus. 

Moderiert von der Kulturjournalistin Lara Sielmann, bereitete die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo mit ihrer Lesung dem zahlreich erschienenen Publikum zwei spannende Stunden.

Otoos Debütroman „Adas Raum“ liegt seit einem Jahr vor und erhielt trotz der Pandemie sofort viel Aufmerksamkeit. „Ich war dauernd unterwegs, habe mit dem Buch viel erlebt, es war sehr bewegend, es gab Hochs und Tiefs, ich war wie im Rausch“, so Otoo, die Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises ist. Die Rezeption des Romans war sehr unterschiedlich: Die eine Seite regierte hochgradig begeistert, die andere konnte gar nichts damit anfangen. Dass Otoo gespiegelt bekam, Frauen stets als Opfer und Männer stets als Täter zu sehen, hat sie überrascht – ihre Absicht war das nicht, denn sie wollte Ambivalenzen zeigen, offen schreiben und nicht so gradlinig. „Mein Roman nimmt Frauenleben ernst“, das ist der Kern ihrer schriftstellerischen Arbeit. Sie interessiert, wie sich eine traumatische Vergangenheit auf die Gegenwart auswirkt und wie wir zu Frauen gemacht werden.

„Adas Raum“ handelt auf drei historischen Ebenen, verknüpft in einem Gedankenexperiment die Leben von vier verschiedenen Frauen, verschiedener Adas, und spielt mit Irritationen und abrupten Brüchen. Otoo las als sanfte Einführung eine rührende Szene aus dem ersten Kapitel, die im 15. Jahrhundert spielt, zu Beginn der Kolonisierung. Diese Ada verliert ihr Neugeborenes und lebt in einer Gemeinschaft von Frauen. Es folgt eine historische Figur des 19. Jahrhunderts, das Mathematikgenie Ada Lovelace. Als sie ihrem Freund Charles (Dickens?) ihre „analytische Maschine“ erklärt, erträgt er es nicht, dass seine Autorität angezweifelt wird. „Weshalb ist er so wütend? Weshalb freut er sich nicht einfach mit mir?“ fragt sich Ada. Mitten im Satz wechseln dann Zeit und Ort: März 1945, ein KZ-Bordell, in dem Ada zu jeder Tag- und Nachtzeit vergewaltigt wird. Sie kann sich wegbeamen, denkt sich während des „Geschehens“ Rezepte aus, hat keine Empfindungen mehr und fantasiert eine Hinrichtung. Der letzte Erzählstrang führt ins Jahr 2019, in ein Museum. Dort taucht ein mit Goldperlen besetztes Armband wieder auf, das über alle Szenen hinweg eine symbolische Rolle einnimmt.

„Wie sind diese Figuren zu dir gekommen, welches Ziel haben sie?“, wollte Sielmann wissen. Otoo dazu: „Alle sollten etwas durchmachen und dabei etwas lernen. Die eine verliert den Glauben an die Spiritualität, die andere den Glauben an die Wissenschaft, die nächste den Glauben an die Menschlichkeit. Prophezeiungen, Gegenstände als belebte Wesen im Zweigespräch mit Gott, Dinge, die etwas bewirken wollen und Zeugnis ablegen, bilden den roten Faden und sind Hoffnungsschimmer. Mich bewegt die Frage, wie wir unsere Karten ausspielen, die wir bei der Geburt bekommen haben!“

Die Schriftstellerin Otoo ist auch politische Aktivistin und in der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland engagiert. Als Kind ghanaischer Eltern in England aufgewachsen, musste sie sich als Jugendliche fragen, wie sie sich als schwarze Person in einem überwiegend „weißen“ Land verhält. Sie kam als Austausch-Studentin nach Berlin, das war „eine prägende Zeit“. Erfährt sie Diskriminierung, setzt sie gezielt auf Humor, weil er Nähe schafft und das Gespräch ermöglicht. Von der deutschen Literatur wünscht sie sich, dass mehr schwarze, eigenständige Figuren darin vorkommen.

Aus dem Publikum wurde gefragt, ob es anstrengend war, ohne generisches Maskulinum zu schreiben? Otoo stellt sich der Herausforderung, geschlechtsneutral zu formulieren und verzichtet in ihren Arbeiten bewusst auf das ablenkende Gendersternchen. (Was die Berichterstatterin zur Nachahmung dringend empfiehlt.)

Wie schön, wie erleichternd, dass der Abend wieder wie früher mit einer Einladung in den Salon des Museums und dem Satz „Die Bar ist geöffnet!“ enden durfte!

Lesen Sie auch: Künstlerischer Dokumentarfilm »Menschenwürde jetzt!« eröffnet Gefühls- und Gedankenwelten

Auch interessant

Kommentare