Kontroverse Anstösse für Forschungsarbeiten

"Bewegter Donnerstag" mit stadtgeschichtlichem Online-Vortrag über den "Nationalsozialismus in Kempten"

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Versammlung vor dem Lyzeum in der NS-Zeit.

Kempten – Das Thema des Bewegten Donnerstags „Volksgemeinschaft, Führerkult und Terror. Nationalsozialismus in Kempten“ bewegt offensichtlich viele KempterInnen und ihre historisch oder politisch interessierten Gäste. Der Vortrag der Historikerin Dr. habil. Martina Steber stieß jedenfalls schon im Voraus auf enormes Interesse: Fast 200 ZuhörerInnen hatten sich für die dritte Video-Streaming-Session in der Veranstaltungsreihe des Kempten Museums angemeldet, 146 wählten sich dann am Abend des 4. Juni tatsächlich in den virtuellen Vortragsraum ein, blieben mindestens bis zum Ende der eigentlichen Vorlesung, und auch der anschließenden Fragerunde folgten noch viele BesucherInnen. Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn und Kulturamtsleiter Martin Fink zeigten sich bei der Begrüßung ihrer zahlreichen ZuhörerInnen beeindruckt von diesem „unglaublichen“ Echo.

Fink betonte, für das Kulturamt sei die fortdauernde wissenschaftliche wie gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit „eine Herzensangelegenheit“. Deshalb freue er sich „riesig“ über das große Publikumsinteresse und darüber, dass Steber die Einladung angenommen habe. Die Referentin ist stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am außeruniversitären Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (einem Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft), Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und derzeit zudem Vertreterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Von ihren Ausführungen, so Fink, erhoffen sich Museum und Amt, „wichtige Impulse“ für die Stadt, die uns in den nächsten Monaten und Jahren „weiterbringen werden“: Erkenntnisgewinne bringen über das städtische Leben in Kempten, den Alltag und die Biographien seiner BewohnerInnen während der Zeit des Nationalsozialismus sowie im Hinblick auf dessen Vorgeschichte und Nachwirkungen. 

Den VeranstalterInnen sei bewusst, dass es sich um ein sensibles Thema handle, das für viele KemptenerInnen auch „ein Stück Familiengeschichte“ betreffe und an der eigenen Identität und am (Selbst-) Bild Kemptens rühre. Auch Historikerin Steber erinnerte zu Beginn ihres Vortrags daran, dass die „aufrichtige Auseinandersetzung“ mit diesem Abschnitt der deutschen Vergangenheit zu den „Grundfesten der Demokratie“ gehöre und nach wie vor eine unerlässliche „gesellschaftliche Aufgabe“ sei. Die Forschungsarbeiten und Debatten der vergangenen Jahrzehnte hätten einen „enormen Wissensbestand“ hervorgebracht, der – auch bedingt durch die zeitliche und persönliche Distanz von inzwischen drei Generationen – einen „frischen Blick“ und „neue Fragen“ ermögliche. 

Einen genaueren Blick auf Kempten warf Steber bereits bei den Recherchen für ihre 2010 erschienene Doktorarbeit an der Universität Augsburg, in der sie unter dem Titel „Ethnische Gewissheiten“ Bedeutung, Defintion und Ausgestaltung von Regionalkultur und Heimatpflege im bayerischen Schwaben vom Kaiserreich bis zum Ende des ‚Dritten Reiches‘ untersuchte. 

In ihrem „allerersten“ Video-Vortrag vom heimischen Münchner Arbeitszimmer aus wollte die Privatdozentin am vergangenen Donnerstag einige „wenige Schneisen“ in die Kemptener Geschichte schlagen, um so vor allem Anregungen zu geben, wo und wie stadt- und regionalgeschichtliche Forschungen zum Nationalsozialismus zukünftig ansetzen oder weiterarbeiten könnten: wo Fragen offen sind, bisher wenig beachtete Themen warten, neuere Erklärungsmodelle oder methodische Denkweisen als hilfreiche, aufschlussgebende Werkzeuge dienen könnten. Die zeitgeschichtliche Forschung untersuche etwa seit den frühen Nullerjahren verstärkt die „Dynamiken vor Ort“, in Dörfern, Städten und Regionen, um besser nachvollziehen zu können, warum das nationalsozialistische Regime zwölf Jahre lang im Inneren relativ stabil und effizient bestehen konnte und sich hoher Zustimmungswerte erfreute. 

Solche kleinräumigen Untersuchungen, darunter auch biographische und Milieustudien, seien auch deshalb vielversprechend, weil sich der nationalsozialistische Staat, um seine ideologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und außenpolitischen Ziele zu verwirklichen, in nahezu alle Lebensbereiche und damit auch in den Alltag der ReichsbewohnerInnen „eingenistet“ habe: Er verführte, mobilisierte, kontrollierte und terrorisierte und zwang so jeden einzelnen, sich immer wieder „zu positionieren“, Entscheidungen zu fällen, so Steber. Wobei das „Angebot zur Teilhabe“ und die „Chance auf soziale Anerkennung“ von vornherein nicht jedem grundrechtlich selbstverständlich zugestanden habe: Der Gemeinschaft der VolksgenossInnen konnte nur angehören, wer den rassistischen, biologistischen, sozialdarwinistischen und politisch-weltanschaulichen Kriterien des Regimes entsprach. Juden, Nicht-‘Deutschblütige‘, politische Gegner, Behinderte, ‚Asoziale‘ und andere ‚Gemeinschaftsfremde‘ waren ausgeschlossen, ihnen drohten Entrechtung, Vernichtung ihrer sozialen Existenz, Terror, Ausbeutung und Mord. 

Nachdem die Referentin einen kurzen Überblick über die Schwerpunkte der NS-Forschung, vorherrschende Thesen und populäre Erklärungsmuster der Nachkriegsjahrzehnte gegeben hatte, stellte sie drei – aus ihrer Sicht – (auch) für Kempten geschichtswissenschaftlich besonders aussichtsreiche Themenfelder vor: die symbolpolitisch aufgeladene städtische Repräsentationskultur, das Miteinander und Gegeneinander von alten stadtbürgerlichen Eliten und aufstrebenden, nationalsozialistischen FunktionsträgerInnen sowie die Rolle der Stadtverwaltung für‚ Führerstaat‘ und Volksgemeinschaft. 

In den ersten Monaten nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 habe die langjährige Garnisonsstadt Kempten ungewöhnlich schnell, markant und aufwendig am Jägerdenkmal in der Haubenschlossanlage einen AdolfHitler-Platz mit einem Ring aus fünf Eichen angelegt – zusätzlich zur Umbenennung des Königsplatzes, dem nun ebenfalls der neue Regierungschef den Namen gab. Zur Einweihung dieses weithin sichtbar über der Stadt thronenden Ensembles seien fünf prachtvolle Folianten erschienen, die den Männern huldigten, denen die emblematischen Bäume gewidmet waren, unter ihnen nicht nur Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg, sondern auch regionale NS-Größen wie Ludwig Siebert, Oberbürgermeister von Lindau, und Hermann Esser, Landtagspräsident, zukünftiger bayerischer Wirtschaftsminister und Sohn eines Kemptener NSDAP-Stadtrats. 

Diese „Okkupierung des öffentlichen Raums“, die sich „ins Stadtbild eingegraben“, ihm „Symbole eingeschrieben“ habe, sei eine kulturpolitische Maßnahme zur „Erziehung des Volkes“ gewesen, die neue „Denkmuster“ prägen und veranschaulichen sollte, wie die beginnende „nationalsozialistische Revolution“ die formell fortbestehende Republik verändern und wieder zu „reichischer Größe“ führen werde. 

Folgt man Steber, konnte sich der seit 1919 amtierende Kemptener Bürgermeister Otto Merkt sowohl mit dem zielgerichteten Anbringen von Erinnerungsmarken im Stadtgebiet als auch mit den revisionistischen, antidemokratischen Überzeugungen, die sich in dieser – auch der Allgäuer Heimat huldigenden – Anlage spiegelten, gut identifizieren. Die Historikerin betrachtet ihn in vielerlei Hinsicht als beispielhaften Vertreter der überkommenen bürgerlichen Eliten, die sich während des Nationalsozialismus zu „ideologisch flexiblen“ kommunalpolitischen Entscheidungsträgern entwickelten und denen die NS-Politik einige „Anknüpfungspunkte“ für ihre lange gehegten gesellschaftlichen und kulturellen Idealvorstellungen bot. So habe der leidenschaftliche Heimatschützer Merkt im – nicht allein von Nationalsozialisten entworfenen – Konzept der Volksgemeinschaft eigene politische Sehnsüchte wiedergefunden: nach einer einheitlichen, harmonischen Stadtgemeinschaft, der es nicht an bäuerlicher Traditions- und Erdverbundenheit fehlt und die er, „der Meister und Vater aller Bürger“, mit patriarchaler Fürsorglichkeit fern von parteiendemokratischer Zerissenheit zu führen weiß. Auch davon, wer für diese Gemeinschaft schädlich sei, hatte Merkt, laut Steber, lange vor 1933 klare Vorstellungen: Anhand einer Rede, die er als Kreistagspräsident von Schwaben und Neuburg gehalten hat, versuchte die Referentin nachzuweisen, dass er ein überzeugter „Rassenhygieniker“ und Verfechter von Zwangssterilisationen gewesen sei, der vor einem Gremium, dem auch die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee unterstand, mit sozialdarwinistischen Argumenten dafür plädiert habe „Menschen, die kaum mehr Menschen genannt werden können“, „seelisch und wirtschaftlich Tote“, „durch Unfruchtbarmachung“ „unschädlich“ zu machen. Da das nationalsozialistische Erbgesundheitswesen mit der kommunalen Gesundheits- und Fürsorgepolitik eng verflochten gewesen sei, handle es sich bei diesem Thema auch im Hinblick auf die Rolle der Stadtverwaltung als „Stützpfeiler“ der NS-Herrschaft um ein ergiebiges Forschungsfeld. Parteiorganisationen, Amtsgerichte, Polizeiinspektionen und städtische Behörden, wie Gesundheitsamt, Stadtarchiv oder Standesamt, hätten ein „Netzwerk der Erfassung“, Selektion und Kontrolle gebildet, in dem Sachbearbeiterinnen, Vollzugsbeamte, Fürsorgerinnen und Amtsärzte gefordert gewesen seien, folgenreiche Entscheidungen zu treffen. Darüber – und über die Reaktionen von Verwandten, Nachbarinnen, Kollegen oder eventuell beteiligten Dienstleistern – wisse man für Kempten noch kaum etwas. Ähnliches gelte für die Verfolgung der Juden.

Kontroverser Chat 

Obwohl sich in der abschließenden Fragerunde nicht alle TeilnehmerInnen über Lautsprecher äußern konnten und wegen technischer Schwierigkeiten ihre Beiträge in den Chat tippen mussten, klangen bereits Zweifel und Kritik an, insbesondere an Stebers Darstellung des „gewieften Taktikers“ Merkt. Die Historikerin gab zu Bedenken, dass die neuere Gesellschaftsgeschichte die Entscheidungsspielräume des Einzelnen sehr differenziert betrachte. Die Konflikte, die Merkt immer wieder mit NS-Funktionären gehabt habe – und die 1942 zu seiner Entlassung geführt hätten –, seien im Nachhinein irrtümlich als Widerstand gedeutet worden. Im nationalsozialistischen Doppelstaat habe eine Polykratie ohne klare Hierarchien geherrscht, Kompetenzen seien absichtlich doppelt vergeben worden, um Rivalitäten und Gerangel zu provozieren und so letztlich die Entscheidungsgewalt des ‚Führers‘ zu bestätigen. Andere Zuhörer äußerten ihre Sorge, dass es heutigen Rechtsextremen gelingen könnte, sich in „die tiefen Spurrillen“, die der Nationalsozialismus hinterlassen habe, erneut „einzufädeln“. Wie schmerzhaft diese Spuren für viele Menschen sind, machte die Wortmeldung eines 86-jährigen Besuchers spürbar, der sich nur mit seinem Nachnamen zu erkennen gab und berichtete, er oder sie stamme aus Kempten, habe eine Schwester gehabt, die als Kind wegen ihrer Trisomie 21 in Kaufbeuren ermordet worden sei, und könne sich an die damaligen Sozialarbeiterinnen vom Gesundheitsamt noch heute deutlich erinnern.

Antonia Knapp

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